Gott vertraut diesem Mann
In diesen Tagen ist alles um uns herum auf der einen Seite von Geburt und auf der anderen von Tod durchdrungen. Auf der einen Seite die Freude von Weihnachten, auf der anderen Angst und Leid, verursacht durch die Virus-Pandemie und durch das schwere Erdbeben, das viele Häuser in Petrinja, Sisak, Glina und den umliegenden Orten zerstört hat. Viele Familien haben ihr Zuhause verloren. Wir bringen einen Artikel, der der Heiligen Familie gewidmet ist, die sich auf der Flucht nach Ägypten in der Verbannung befindet, und damit auch jeder Familie in Schwierigkeiten. Sie fliehen vor Herodes, der dem eben geborenen Kind Jesus das Leben nehmen will. Dieses Geheimnis der Verfolgung der Familie und der Nähe Gottes wird uns das Bild „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ erhellen, das Caravaggio 1597 gemalt hat. Es befindet sich in der Kirche der hl. Agnes (Lamm) an der wunderschönen Piazza Navona und war als Hochzeitsgeschenk für Olimpia Aldobrandini bestimmt, die den Fürsten Camillo Pamphili heiratete.
Die Heilige Familie ist im Augenblick des Verschnaufens dargestellt, der Rast und des Kräftesammelns, um den Weg fortsetzen zu können. In diesem Augenblick kommt Gott in der Gestalt eines Engels zu ihnen, so wie er sie schon zuvor besucht hatte, um ihnen seine Pläne mitzuteilen und sie zu ermutigen, sich diesem Plan zu öffnen. Das Leben und die Sendung der Heiligen Familie offenbaren uns die Schwierigkeiten und die Erhabenheit der Sendung jeder menschlichen Familie. Gott hat diese Familie nie verlassen. Er hat ihnen alles zukommen lassen, was sie auf diesem Weg brauchten, auch wenn sie großen Mühen, Nöten, Ungewissheit und Gefahr ausgesetzt waren.
Im Traum gebietet der Engel dem Josef: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten“ (Mt 2,13). Josef zögerte nicht zu gehorchen und fragte nicht nach den Schwierigkeiten, denen er begegnen würde: „Da stand er auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod des Herodes“ (Mt 2, 14 – 15). Angesichts der unmittelbaren Gefahr durch Herodes, der das Kind töten will, wird Josef im Traum gemahnt, das Kind zu schützen, und mitten in der Nacht bereitet er die Flucht nach Ägypten vor (Mt 2, 13 – 14). Josef gebraucht den schöpferischen Mut des Zimmermanns aus Nazaret, der weiß, wie man ein Problem in eine Möglichkeit verwandelt, indem er immer zuerst auf die göttliche Vorsehung vertraut (Patris corde).
In Ägypten wartete Josef mit Vertrauen und Geduld auf die Stimme des Engels, dass er sicher in sein Land zurückkehren könne. Das Evangelium sagt uns nicht, wie lange Maria, Josef und das Kind in Ägypten geblieben sind. Aber sie mussten gewiss essen, eine Wohnung und Arbeit finden. Es braucht nicht viel Phantasie, um die fehlenden Einzelheiten zu ergänzen. Die Heilige Familie musste sich konkreten Problemen stellen wie alle anderen Familien, wie viele unserer Brüder und Schwestern unter den Migranten, die auch heute ihr Leben aufs Spiel setzen, um Unglück und Hunger zu entkommen. In diesem Sinn glaube ich, dass der heilige Josef wirklich ein besonderer Patron derer ist, die wegen Kriegen, Hass, Verfolgung und Elend ihr Land verlassen müssen (Patris corde).
Sobald ihm der göttliche Bote im dritten Traum, nachdem er ihn benachrichtigt hatte, dass die, die dem Kind nach dem Leben trachteten, tot seien, befiehlt aufzustehen, das Kind und seine Mutter mit sich zu nehmen und in das Land Israel zurückzukehren (vgl. Mt 2, 19 – 20), gehorcht Josef auch diesmal ohne Zögern: „Da stand er auf und zog mit dem Kind und dessen Mutter in das Land Israel“ (Mt 2, 21).
Doch während der Rückkehr „fürchtete er sich, dorthin zu gehen, als er hörte, dass Archelaus anstelle seines Vaters Herodes über Judäa herrschte; und weil er im Traum einen Befehl erhalten hatte, zog er in das Gebiet von Galiläa. Er kam und ließ sich in einer Stadt namens Nazaret nieder“ (Mt 2, 22 – 23).
Der Sohn des Allmächtigen ist in großer Verletzlichkeit in die Welt gekommen. Ihn sollte Josef verteidigen, beschützen, behüten und erziehen. Gott vertraut diesem Mann, ebenso wie Maria, die in Josef den findet, der ihr nicht nur das Leben retten will, sondern der immer bei ihr und dem Kind bleiben wird. In diesem Sinn kann der heilige Josef gar nicht anders, als Hüter der Kirche zu sein, denn die Kirche ist die Fortsetzung des Leibes Christi in der Geschichte, so wie sich auch die Mutterschaft Marias in der Mutterschaft der Kirche widerspiegelt. Indem Josef die Kirche weiter beschützt, beschützt er weiter das Kind und seine Mutter, und auch wir lieben, indem wir die Kirche lieben, das Kind und seine Mutter (Patris corde).
In den apokryphen Schriften über Josef sagt Jesus: „Herodes suchte mich unablässig, weil er meinte, mein Königreich sei von dieser Welt. Aber Josef, diesen frommen Greis, hat Gott im Traum vor der Gefahr gewarnt. Darum stand er auf und nahm Maria, meine Mutter, mit, während ich sicher in ihren Armen ruhte.“ Er machte sich auf den Weg, zog sich nach Ägypten zurück und blieb dort, bis der Hass in Herodes gestorben war. Und dann starb Herodes unter den schlimmsten Qualen.
Über dem Bild Flucht nach Ägypten von Fra Angelico (1450; Kloster San Marco, Florenz) können wir den Vers aus Psalm 55 lesen: Elongavi fugiens et mansi in solitudine; „Ich bin weit fortgegangen und habe mich in der Einöde (Einsamkeit) niedergelassen“. In einem seiner Gedichte wird der deutsche Mystiker Johannes Scheffler (1624-1677) schreiben: „Ist Herodes der Feind, so ist Josef der Grund. / Gott hat ihm (dem Josef) die Gefahr im Traum offenbart, in seiner Seele. / Ist Betlehem die Welt, so ist Ägypten die Einsamkeit. / Flieh, meine Seele, sonst stirbst du vor Trauer!“
Das Werk, das Caravaggio gemalt hat, hieß zunächst „Die Muttergottes zieht nach Ägypten“, denn die Hauptgestalt ist die Muttergottes mit dem Jesuskind: Sie ist es, die mit dem Kind im Vordergrund steht, beide vom Licht umflossen, auch wenn sie schlafen, während die beiden anderen Gestalten, Josef und der Engel, über sie wachen.
Der Engel teilt die Szene in zwei Hälften. Die Gestalt des Engels ist wunderschön, mit einem weißen Tuch um den Leib. Den Übergang vom sterblichen Zustand in die Dauer des ewigen Lebens versinnbildlicht gerade der Engel im Vordergrund, fast unstofflich und ganz von Licht durchdrungen. Er „singt und spielt“ ein Wiegenlied, obwohl sein Mund geschlossen ist, während zugleich die Muttergottes und das Kind auf der rechten Seite ruhig schlafen. Der Engel auf dem Bild tröstet mit seiner Musik den Heiligen während der Reise nach Ägypten. Dem sterblichen und von der Sünde verwundeten Menschen übermittelt der unvergängliche Engel durch die Musik die Verheißung von Schutz, Hoffnung und ewigem Leben. Die Musik des Engels brachte nicht nur Trost angesichts der Schwierigkeiten und Gefahren des Weges, sondern auch ein Vorauswissen der Zukunft, nämlich des Übergangs vom Tod zur bleibenden Seligkeit. Die Flügel des Engels versinnbildlichen genau das: Schutz und Neuheit des Lebens. Es sind die Flügel einer Schwalbe, die den Frühling ankündigt, die Wärme, die Kraft des Lebens inmitten von Kälte, Verbannung und Tod: „Ich berge mich im Schatten deiner Flügel, bis das Unheil vorübergeht.“ (Ps 57, 2)
Auf der linken Seite Josef, als Diener und Beschützer, als der, der das Kind und seine Mutter aus der Verfolgung des Herodes befreit hat. Die zwei Hälften des Bildes: die erste, die von üppiger Vegetation blüht, weil sie vom Göttlichen bewohnt ist, an der Stelle, an der die Jungfrau und der Sohn ruhen; die zweite, in der die heilige, aber sterbliche Gestalt Josefs untergebracht ist, ist von steinigem Boden und dürrem Laub gekennzeichnet. Hinter ihm kann man die sanfte und aufmerksame Gestalt des Esels erkennen (er hat große Augen und beobachtet aus dem Hintergrund alles). Sein Blick ist wie der Josefs auf den Engel gerichtet. Als verstärkte er damit die Kraft der Berufung, die vor Josef steht, nämlich für das Kind und die Mutter und für ihre Sendung zu sorgen. Diese großen Augen begleiten sie auf dem ganzen Weg. Als versinnbildlichten sie den himmlischen Vater, der über jedem ihrer Schritte wacht, über ihrem Leben und über allem Geschaffenen. Im Allgemeinen stehen sie für die göttliche Vorsehung, für Hilfe oder Trost. Josef sitzt auf einem Sack, wahrscheinlich mit Weizen, aus dem das Brot kommt. Daneben steht auch ein Gefäß für Wein. Brot und Wein, Zeichen der Eucharistie, die für das ewige Leben unentbehrlich ist.
Die Noten, die Josef hält, sind eine Motette aus dem frühen sechzehnten Jahrhundert, die Noel Bauldewijn über den Text Quam pulchra es aus dem Hohelied komponiert hat.
Auf der Leinwand können wir in den Noten den Buchstaben Q sehen, den ersten Buchstaben aus jenem Vers des Hoheliedes, in dem der Bräutigam zur Braut spricht: „Quam pulchra tu es – Wie schön du bist“. Das ist es, was jeder Ehemann seiner Frau ständig wiederholen muss, denn das ist es, was auch in der Motette ständig wiederholt wird – „Quam pulchra tu es – Wie schön du bist“ – meine Freundin, meine Taube, meine Schönste, meine Braut, meine Liebste, meine „makellose (vollkommene)“ – denn ich sterbe vor Liebe (nach dir). Das ist es, was Josef der Maria wiederholt. Das ist es, was Christus unablässig seiner Kirche wiederholt: „Quam pulchra tu es – Wie schön du bist“.
Dort ist auch der Buchstabe V zu sehen: Die Braut ist es, die zum Bräutigam sagt: „Veni, dilecte mi – Komm, mein Geliebter“, steh auf, eile, sei hier bei mir, für mich, sei mein. Das ist es, was Josef tut, ganz seiner Aufgabe als Gatte und Vater hingegeben. Über die Ehe Josefs und Marias sagt Augustinus: „Denn wie Maria in Keuschheit Gattin war, so war auch Josef in Keuschheit Gatte. Und wie sie in Keuschheit Mutter war, so war auch er in Keuschheit Vater.“
Im Hohelied wurden die Zärtlichkeit und die Keuschheit des Bräutigams als die Liebe Jesu zur Kirche gedeutet. Der Bräutigam wird sich nicht ganz mit Josef gleichsetzen lassen, denn der wahre Bräutigam ist Jesus. Maria, Sinnbild der Kirche, schmiegt sich an ihren „Gatten“, den Bräutigam des Menschengeschlechts, an die junge Sonne, die aufgehen und das Dunkel unseres Lebens erhellen soll. Jenes Licht, das sich am Himmel abzeichnet, ist eben das Kind Jesus. Maria, erschöpft von der großen Sorge und Liebe zu Jesus, hat gerade an ihn ihr Haupt gelehnt. Er, er ist unser Heil und unsere Ruhe. Das Hohelied sagt von der Braut: „Ego dormio, et cor meum vigilat - Ich schlafe, doch mein Herz ist wach“. Und weil Josef wacht und auch Marias Herz wacht, kann Jesus in einer so erschöpfenden, verzweifelten und gefährlichen Lage ruhig einschlafen: „Ich ließ meine Seele ruhig werden und still; wie ein kleines Kind bei der Mutter, wie ein kleines Kind ist meine Seele in mir. “ (Ps 131, 2) In jenem Vers des Hoheliedes, der dem vorausgeht, mit dem die Motette beginnt, lehnt die Braut ihr Haupt an und zeigt ihr wunderbares, dichtes purpurnes Haar: „Comae capitis tui sicut purpura regis – Das Haar auf deinem Haupt ist wie Purpur des Königs.“ Die Kirchenväter haben das als Anspielung auf das heilbringende Blut gedeutet, das Christus vergossen hat und aus dem die Kirche ihre Nahrung und die Bürgschaft der Erlösung geschöpft hat.
Josef hat aus einer anderen Sphäre Anteil an der göttlichen Liebe und zeigt die Partitur, die ihr Lob singt. Er steht für die ganze Menschheit, für den Menschen in den Zweifeln und Sorgen, in den Schwierigkeiten und Gefahren des Lebens. Aber auch für den, der wacht und für seine Familie sorgt. Als spiegelten und läsen sich alle Sorgen der Welt auf seinem Gesicht. Ganz und gar Gatte. Ganz und gar Vater. Er macht die Fürsorge des himmlischen Vaters gegenwärtig. In seiner Beziehung zu Jesus war er, sagt Papst Franziskus, „der irdische Schatten des himmlischen Vaters: Er hütete ihn, beschützte ihn, ließ ihn nie (ohne Beistand) seinen Weg allein gehen.“
- Mladen Klanac
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