Es sind immer Kinder (Söhne) einer Mutter
Während sie starben, konnte ihre Mutter nicht bei ihnen sein.“
Lucia Pisapia Apicella
„O Wind vom Tyrrhenischen Meer, der du meinen Namen kennst,
küsse an meiner statt meine Mutter, die weit fort ist.“
Dies ist die Geschichte von Lucia Pisapia Apicella aus dem Ort Cava de' Tirreni, unweit von Neapel in Italien. Man nannte sie die „Mutter der toten“ Soldaten, deren Leichname sie suchte, identifizierte und würdig bestattete oder dafür sorgte, dass sie zu ihren Familien zurückkehren konnten. Obwohl selbst Mutter, fand sie Zeit und Wege, dieses unglaubliche Werk der Barmherzigkeit zu vollbringen. Sie fand über 700 Leichname gefallener Soldaten und bestattete sie würdig, alles mit ihren bloßen Händen. Mit den Händen einer Mutter, die unbekannte Söhne, meist der feindlichen Armee, liebte wie die eigenen. Darum nannte man sie auch „Die Mutter der Toten“.
Lucia Pisapia Apicella wurde 1887 in Cava de' Tirreni geboren, einem Ort wenige Kilometer von Salerno entfernt. Sie war das siebte und letzte Kind von Maria Carmela Palumbo und Francesco Pisapia, einem Holzhändler. Zwei Jahre nach ihrer Geburt starb ihre Mutter, und der Vater heiratete die jüngere Schwester von Maria Carmela, mit der er noch fünf Kinder hatte. Lucia besuchte die Grundschule nur bis zur dritten Klasse, was man damals für arme Menschen als ausreichende Bildung ansah – gerade so viel, wie nötig war, um lesen und schreiben zu können.
Von klein auf zeigte sie große Liebe zu den Bedürftigen: Sie ging in das Krankenhaus ihrer Stadt, um die Kranken zu trösten, und hörte nicht auf ihre Angehörigen, die fürchteten, sie könnte sich mit Tuberkulose anstecken, die damals, vor der Entdeckung des Penizillins, eine unheilbare Krankheit war. Wegen dieses Ungehorsams nannte man sie eine „Räuberin“: „Als schon ziemlich großes Mädchen saß ich, wenn ich nicht in der Kirche war, am Webstuhl; für fünfzig Meter Leinen zahlte der Händler fünf Lire. Ich weiß es nicht mehr, ich kann nicht erklären, wie ich mich in das Krankenhaus verliebt habe; einmal war ich dort und hatte danach nie mehr das Herz, es zu verlassen. Ich brachte den Kranken Kekse und Orangen, gab Spritzen, half den Sterbenden; es ist schlimm, wenn ein Sterbender vergeblich eine Hand auf dem Laken sucht, das schwöre ich; aber in der Familie hatte man einiges daran auszusetzen!“
Im Alter von 25 Jahren, 1912, heiratet Lucia den Obsthändler Carlo Apicella, mit dem sie zwei Söhne hat, Vincenzo und Antonio. Carlo nahm am Ersten Weltkrieg teil, in dem er schwer verwundet wurde. Der Krieg war weit von Salerno entfernt. Gekämpft wurde im Norden, in den Grenzgebieten, aber es gab viele junge Männer, die in den Krieg zogen und nie mehr nach Hause zurückkehrten. Lucia empfindet großes Mitleid mit ihnen und beschließt, sich dem Einzigen zu widmen, was sie tun kann: für sie zu beten. Sie schneidet aus den Zeitungen die Namen der ihr unbekannten gefallenen jungen Männer aus, betet in der Kirche für sie und für ihre Angehörigen und wird so zu einer Art geistlicher Mutter all jener jungen Menschen, die für das Vaterland fielen. Sie wendet sich an Gott für ihre Seelen und ihr Heil: „Ach, welche Qual! Und wer hätte gedacht, dass wir zwanzig Jahre nach jener Hölle dasselbe vor unseren Augen haben würden, in Salerno, in Cava, in unseren Bergen, an unseren Küsten und in unseren Gärten?“
Ab 1943 begann Lucia Pisapia Apicella in Cava de' Tirreni ganz allein, die Leichname der gefallenen Soldaten beider Seiten der Front zu suchen, zu bergen, zu identifizieren und zu bestatten. So fand sie 700 junge Menschen und bestattete sie würdig, samt verschiedenen Dokumenten und Erkennungsmarken – zu der Zeit, als sich die Deutschen der Division „Hermann Göring“ zurückzogen und Tod und Zerstörung hinterließen, während amerikanische B24 ohne Unterlass die deutschen Kolonnen bombardierten. Lucia Apicella war erschüttert vom Anblick von Jungen, die mit dem ausgegrabenen Schädel eines unbekannten Soldaten Fußball spielten. Der Gedanke an diese jungen Menschen, die am Straßenrand zurückgelassen worden waren, war in Mama Lucia so stark, dass sie eines Nachts im Traum, während sie in den Bergen für die Seelen der gefallenen Soldaten betete, „acht herausgerissene Kreuze sah, auf denen acht Namen von im Kampf gefallenen Soldaten standen. Während ich so betete, erheben sich acht Soldaten, die mich bitten, ihre sterblichen Überreste ihren Müttern zurückzubringen, die sie nicht aus dem Krieg heimkehren sehen durften. Ich fragte sie, ‚woher sie seien‘, und sie antworteten mir, ‚dass sie aus allen Völkern seien‘. Ich fiel zu Boden. Zwei traten zu mir und richteten mich auf, dann entfernten sie sich. Ich wollte mit ihnen sprechen, aber sie kehrten wieder in die Erde unter die Kreuze zurück. Am Morgen wachte ich auf, ganz voller Schmerz und in Tränen, und fragte mich, was ich für so viele Tote überall tun müsse“.
Lucia, die am 4. Oktober 1942 im Kapuzinerkloster von Cava de' Tirreni Franziskaner-Terziarin wurde, widmete sich ganz dem Werk der würdigen Bestattung der gefallenen Soldaten: „Jener Traum ließ mir keine Ruhe. Darum wandte ich mich mit einem Brief an das alliierte Oberkommando, in dem stand: ‚Ihr habt gesiegt, dem Hass ist ein Ende gesetzt, und darum schreibe ich euch als einfache Mutter. Lasst mich die Toten würdig bestatten‘.“
Die Antwort des alliierten Oberkommandos fiel jedoch nicht positiv aus. Zuständig für die Bestattung der Toten war die Gemeinde Cava de' Tirreni. Mama Lucia gibt nicht auf, sie bittet den Bürgermeister von Cava und über ihn auch den Präfekten von Salerno, die ihr zwei Helfer für die Bestattungen zuteilen. Doch nach wenigen Tagen lehnten die beiden Gemeindebediensteten diese Aufgabe ab, weil sie ihnen wegen der Minen und aus Angst vor Ansteckung zu gefährlich erschien.
Von jenem Tag an ging Lucia, oft allein und manchmal in Begleitung ihrer Verwandten Carmela Pisapia Matonti, an jeden Ort, an dem man das Vorhandensein von Leichnamen meldete. Die geborgenen Gebeine, von Fleischresten gereinigt und gewaschen, legte sie in verzinkte Kisten, die sie auf eigene Kosten beim Dorfschmied bestellt hatte. Persönliche Gegenstände und Dokumente, die bei der Identifizierung der Toten helfen konnten, wurden sorgfältig katalogisiert und dann dem Kommissariat übergeben. Denen, die sie fragten, warum sie sich so sehr um die Feinde mühe, antwortete Lucia im Dialekt: „Es sind immer Kinder (Söhne) einer Mutter. Während sie starben, konnte ihre Mutter nicht bei ihnen sein.“
Trotz aller Schwierigkeiten setzt die „Mutter der Toten“ ihr persönliches und einsames Werk der Menschlichkeit fort. Lucia birgt und setzt auch die sterblichen Überreste der Gefallenen zusammen, vor allem der Deutschen, weil deren Leichname auf der Erde liegen blieben und niemand sie bergen und bestatten wollte. Sie waren der besiegte Feind, ihre toten Körper waren die Körper von Feinden, die bei den Menschen Furcht und Hass hervorriefen. Doch diese mutige, beherzte und fromme Frau, eine überzeugte Katholikin, schwarz gekleidet und mit eingefallenem Gesicht, machte ihre Hände hart, um die Leichname aus der Erde zu holen, zu bergen und die Gebeine dieser jungen Männer ihren Familien zurückzugeben.
In Cava de' Tirreni war Mutter Lucia die Einzige, die die Leichname der gefallenen Soldaten bestattete. Um das Geld aufzubringen, das für das nötig war, was nun ihre Sendung geworden war, gab sie die kargen Mittel der Familie aus und scheute sich nicht, die Wolle aus den Matratzen zu nehmen, dem Stolz und der Mitgift der Frauen Süditaliens, sodass sie selbst, arm wie sie waren, auf „großen Säcken“ schliefen, die mit trockenen Maisblättern gefüllt waren. Die Bestattungskisten wurden in der kleinen Kirche Santa Maria della Pietà aufbewahrt, bekannt als San Giacomo, wo Lucia viel Zeit verbrachte, betend und weinend um jene armen jungen Menschen, die so grausam und viel zu früh gefallen und gestorben waren und die sie als ihre angenommenen Kinder betrachtete. Einer ihrer Söhne bezeugt: „Meine Mutter stand früh am Morgen auf und ging zu Fuß von Ort zu Ort, über die Berge, meist allein suchend; stundenlang grub sie mit bloßen Händen an den Stellen, an denen sie die Leichname gefallener Soldaten zu finden meinte. Für dieses Werk setzte sie all ihre Mittel ein, während sie selbst immer und bis zuletzt bescheiden lebte und nicht viel für sich verlangte“.
Papst Pius XII. erfährt von dem, was in Cava de' Tirreni geschieht, und verleiht Mutter Lucia eine kostbare Silbermedaille. Im September 1951, anlässlich der Begegnung mit den Eltern des deutschen Gefreiten Joseph Wagner, der im Kampf gefallen und an einer Felswand im Gebirge gefunden worden war, wurde Mutter Lucia mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Radio Stuttgart hob hervor, dass „ein Volk, das der Welt eine Mutter Lucia schenken konnte, unsere ganze Liebe, unsere ganze Dankbarkeit und alle Ehre verdient, die man jemandem erweisen kann“. Bei dieser Gelegenheit fuhr sie in das Haus von Adam und Karoline Wagner, den Eltern des Gefreiten Josef, um ihnen den Ring, das Zigarettenetui und die Uhr ihres Sohnes zurückzugeben, der im Alter von 22 Jahren im Kampf gefallen war, und um so am Schmerz dieser Eltern teilzuhaben. Sie begegnete einer Mutter, die vier Kinder im Krieg verloren hatte: „Wir beide weinten, so umschlungen, um die verlorenen Leben. Das war für mich die quälendste Erfahrung meines Lebens“. Darum wiederholte sie ständig: „Nie wieder Krieg! Der Krieg bringt nur Böses“. Im Jahr 1959 erhielt Lucia Apicella vom Präsidenten der Italienischen Republik eine Auszeichnung als verdiente Bürgerin, und die Stadt Salerno ernannte sie zur Ehrenbürgerin: „Ich habe nie irgendeine Belohnung für das gewollt, was ich getan habe. Ich bin einfach dem Willen Gottes gefolgt“.
Mutter Lucia sollte 1982 im 95. Lebensjahr sterben, doch zeit ihres Lebens hörte sie nicht auf, den jungen Menschen weiterzugeben, dass die Liebe keine Grenzen kennt und dass die Barmherzigkeit nicht vor Ideologien haltmacht. Als er die Nachricht von ihrem Tod hörte, schrieb der damalige Präsident Sandro Pertini an den Bürgermeister von Cava de' Tirreni: „Das Hinscheiden von Mutter Lucia trifft schmerzlich alle, die Liebe und Solidarität als Grundwerte für den Aufbau des Menschen erkennen“. Sie trug immer Schwarz, als Zeichen der Trauer um „ihre“ zahlreichen gefallenen Soldatensöhne.
Die Bestattung der Toten ist eine Geste, die wir den Verstorbenen schulden, vor allem aber uns selbst, denen, die zurückbleiben. Sie ist nicht nur ein Akt der Barmherzigkeit und der letzten Würde gegenüber diesem sterblichen Leib, sie ist nicht nur eine Ehrerweisung an die sterblichen Überreste durch ein „würdiges Begräbnis“ und das Geschenk eines Grabmals an die Angehörigen. Sie ist viel mehr als das Wort „Ende“, das auf eine kalte Marmorplatte geschrieben wird. Nicht die Vergangenheit ist es, die wir begraben und zu begraben versuchen, so schmerzlich das Fortgehen eines geliebten Menschen auch sein mag und so sehr es eine Leere in der Brust hinterlässt, die wir am liebsten so schnell wie möglich beseitigen würden. Jenes Grabmal ist eine Weise, all das zu ehren, was uns geblieben ist: die Erinnerungen, die Lehren, das Lächeln, sogar die Fehler. In diesem Ende lesen wir eine neue Möglichkeit – nicht nur die, die glauben, dass wir aus jenem Staub wieder auferstehen werden, nicht nur die, die wissen, dass der Tod nur ein notwendiger Übergang zum wahren Leben ist, sondern auch jene, die darin nur den Sinn des irdischen Endes einer Lebensgeschichte sehen. Und dann erinnert uns jenes Grab an die Liebe, die Güte, die Freude, den Streit und an all das, was wir auf diesem Lebensweg nicht immer verstehen, schätzen, verzeihen oder über diesen Menschen wissen konnten. In der letzten und stillen Tat der Barmherzigkeit dieser Frau liegt ein universales Empfinden, das uns – wie der Tod – vereint und uns nicht gleichgültig lassen kann.
Auf einem Stein, den Mama Lucia am Berg San Liberatore fand, war eingraviert: „O Wind vom Tyrrhenischen Meer, der du meinen Namen kennst, küsse an meiner statt meine Mutter, die weit fort ist.“
- Mladen Klanac
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