Lieben heißt alles geben und sich selbst ganz verschenken
„Er war mir immer Trost (Ratgeber) und Stütze.“
Die letzten Worte, die Zélie ihrem Mann schrieb, lauteten: „Ich bin ganz die Deine.“
hl. Zélie
„Ich spüre, dass unsere Familie, so bescheiden sie auch ist,
dadurch geehrt ist, dass unser wunderbarer Schöpfer sie unter die Seinen erwählt hat.“
hl. Louis
Die Martins lebten im Rhythmus der liturgischen Feste. Den Werktag begannen die Eltern mit der heiligen Messe um halb sechs Uhr morgens. Der Einfluss von Herrn Martin erstreckte sich auf einen ganzen Freundeskreis. Viele von ihnen hätten sich ohne Louis wohl nur weltlichen Vergnügungen hingegeben. Er brachte sie dazu, den katholischen Kreis zu besuchen, begeisterte sie für die Festbräuche in der Pfarrei und für den Besuch der Kranken. Sie waren nicht auf sich selbst bezogen, sondern achteten stattdessen aufmerksam auf das, was um sie herum geschah.
Louis war Leiter der nächtlichen eucharistischen Anbetung. Regelmäßig lasen sie die katholische Zeitung La Croix und hielten sich über das lokale und nationale politische Geschehen auf dem Laufenden, denn der Antiklerikalismus jener Zeit brachte die Katholiken in Gefahr. Beide trugen das Skapulier, das einzige Kleidungsstück, das nach der Exhumierung unversehrt gefunden wurde. Sie baten auch jedes ihrer Kinder, es zu tragen, weil sie wollten, dass sie unter dem Mantel der Allerseligsten Jungfrau geschützt seien. Jeden Abend nach der Arbeit versammelten sich alle um die Marienstatue zum Gebet. Diese Statue, bekannt als Unsere Liebe Frau vom Lächeln, befindet sich heute im Heiligtum in Lisieux.
Nach dem Krieg schloss sich Louis 1870 der großen Wallfahrt von 20.000 Pilgern nach Chartres an, um für die Nation zu beten. Er musste in einer unterirdischen Kapelle schlafen, in der die ganze Nacht hindurch Messen gefeiert wurden. 1873 kehrte er dorthin zurück und schrieb seiner Tochter Pauline: „Bete sehr, meine Kleine, für das Gelingen der Wallfahrt nach Chartres, an der ich teilnehmen möchte; sie wird zahlreiche Pilger in unser wunderschönes Frankreich zu Füßen der Allerseligsten Jungfrau führen, damit wir die Gnaden erlangen, die unser Land so dringend braucht, damit wir unserer Vergangenheit würdig seien.“ Wir wissen, wie sehr Louis die Wallfahrten liebte. Im zweiundsechzigsten Lebensjahr bereiste er, obwohl er das Heilige Land nicht erreichte, im Lauf von anderthalb Monaten München, Wien, Konstantinopel, Athen, Neapel und Rom, in Begleitung befreundeter Priester. Seine Seele war von Gnade überflutet angesichts der Wunder, denen er begegnete. Er schrieb seinen Töchtern: „Könnte ich euch doch alles spüren lassen, was ich erlebt habe in der Bewunderung der großen und schönen Dinge, die sich vor mir auftun! O mein Gott! Deine Werke sind so wunderbar! … Ich könnte rufen: 'Es ist zu viel, Herr! Du bist zu gut zu mir!“ Louis wollte, dass auch seine Töchter die Welt kennenlernen. Er führte sie der Reihe nach nach Paris, an die Meeresküste nach Deauville und Trouville, wo sie schöne Ferien mit der Familie Guérin verbrachten, zur großen Ausstellung nach Le Havre und so weiter.
Es gibt einen Text von Félicité Robert Lammenais, den Zélie auswendig kannte und den sie ihren Töchtern oft aufsagte: „Oh! Sprich mir von den Geheimnissen dieser Welt, die meine Sehnsüchte ahnen lassen, in die meine Seele, müde von den irdischen Schatten, einzutauchen strebt. Sprich mir von dem, der sie geschaffen hat und sie mit sich erfüllt und der allein die ungeheure Leere ausfüllen kann, die er in mir geschaffen hat.“ Theresia wird das später selbst bestätigen: „Der Himmel ist der Ort, auf den all ihre Handlungen und Wünsche zielten“. Das Ziel von Louis und Zélie, der Traum ihrer Jugend und das, wonach sie ihr ganzes Leben lang strebten, war die Heiligkeit. „Ich will heilig werden“, sagte sie, während er seinen Töchtern anvertraute: „Ja, ich habe ein Ziel, und das ist, Gott von ganzem Herzen zu lieben.“
Sie sprachen offen miteinander und wussten oft, was der andere dachte: „Er hätte das nicht sagen müssen; ich wusste gut, was er dachte.“ Er zögerte nicht, seiner Frau von seinen früheren Versuchungen in Paris zu erzählen, damit seine Geschichte ihrem Bruder Isidore helfen könne, als dieser zum Studium nach Paris ging. Sie sprachen auch über die tausend und einen Dinge des Alltags und über die Abenteuer ihrer Kinder. Ihr liebstes Gesprächsthema war der Glaube, und sie lasen gern gemeinsam die Lebensbeschreibungen der Heiligen und besprachen sie, teilten ihre Eindrücke mit und belehrten einander. Sie wussten auch die ruhigen Zeiten zu achten und einander Raum zu geben, den je eigenen Neigungen nachzugehen: Louis fuhr regelmäßig auf den Familienbesitz „Pavillon“ oder auf Wallfahrt. Zélie ihrerseits nahm sich Zeit, um ihrem Bruder und ihrer Schwester Briefe zu schreiben oder an frommen Zusammenkünften teilzunehmen.
Von 1863 an half Louis seiner Frau, die durch die Spitzenherstellung immer mehr belastet war. Im Jahr 1870 schloss er seinen Uhrmacherladen, um sich ganz der Unterstützung seiner Frau in ihrer Arbeit zu widmen. Er übernahm den Verkauf und den Umgang mit den Kunden, eine Arbeit, die Zélie zuvor einer anderen Firma überlassen hatte. Regelmäßig fuhr er nach Paris, um mit anderen Geschäften zu verhandeln; er nahm Bestellungen entgegen, kaufte Material ein und führte Lieferungen aus: „Ich bin den ganzen Tag im Geiste bei dir und denke mir: 'Er tut jetzt sicher dies und das.' Ich sehne mich danach, in deiner Nähe zu sein, mein lieber Louis. Ich liebe dich von ganzem Herzen und spüre, dass ich dich noch mehr liebe, wenn du nicht neben mir bist. Ich könnte nicht fern von dir leben. Ich küsse dich von ganzem Herzen. Wie gern wäre ich schon heute zu Hause! Mein lieber Louis, ich bin nur glücklich, wenn ich bei dir bin. Gerade jetzt habe ich mit dir die schönsten Augenblicke des ganzen Tages verbracht, denn es ist mir schon ein wenig zu viel geworden, ständig Besuche zu machen und Besuche zu empfangen, aber auch das wird nicht mehr lange dauern.
Mein lieber Louis, heute Morgen ist dein Brief angekommen, den ich sehnlich erwartet habe. Wenn du diesen Brief erhältst, werde ich damit beschäftigt sein, deinen Schreibtisch zu ordnen. Sorge dich nicht, ich werde nichts verlieren, weder ein altes Stück Papier noch eine Federspitze, kurz gesagt, gar nichts. Und alles wird blitzsauber sein, kreuz und quer! Ich spüre das Bedürfnis, mich in die Stille zurückzuziehen, um über mein Heil nachzudenken. Ich möchte heilig werden, aber das wird nicht leicht sein. Es gibt noch viel Holz zu behauen…, ich wollte viele Kinder haben, die ich für den Himmel erziehen würde. Ich küsse dich von ganzem Herzen. Ich bin schon beim bloßen Gedanken, dich bald zu sehen, so glücklich, dass ich überhaupt nicht arbeiten kann. Deine Frau, die dich mehr liebt als ihr eigenes Leben.“
Er führte die Buchhaltung und nahm manchmal sogar selbst die Nadel in die Hand. Tatsächlich fiel es den beiden schwer, die Arbeit zu bewältigen; tagsüber arbeiteten sie so viel, wie die Kinder es zuließen, und oft „verlängerten sie die Tage mit Hilfe der Lampe“ bis spät in die Nacht. In den Zeiten des größten Andrangs war Zélie von 4.30 Uhr morgens bis 23.00 Uhr auf den Beinen. Diese unermüdliche Frau stellte fest: „Ich bin gezwungen, viel zu arbeiten, und sogar zu viel. Ich bin darüber sehr unglücklich und würde gern ein wenig ausruhen, bevor ich sterbe.“ Zugleich empfand sie jedoch auch: „Je schlechter es um die Dinge steht, desto besser geht es mir!“ Nie hörten sie auf, denen um sie herum Geld zu leihen: Isidore für seine geschäftlichen Unternehmungen, anderen Firmen, mit denen sie zusammenarbeiteten, bestimmten Menschen in Not, Geschäften, denen die Schließung drohte – und das alles, ohne jemals Zinsen zu verlangen. „Gib, gib immer und mache einige Menschen glücklich“, schrieb Louis 1885. Das hätte sein Lebensmotto sein können.
Louis und Zélie übernahmen die Sorge für die übrigen Mitglieder der Familie. Bis zum Umzug 1871 wohnten sie bei den Eltern. Herr und Frau Martin wohnten im oberen Stockwerk des Hauses 1867 lud sie ihren Vater, der nun Witwer war und Schwierigkeiten hatte, für sich selbst zu sorgen, ein, zu ihnen zu ziehen. Aber sie musste zu einer List greifen, um ihn zu überzeugen: „Als ich mit ihm über sein Kommen sprach, und dort ist Pierre-François Martin 1865 gestorben.her hierher, war er sehr zornig, aber ich sagte ihm, dass ich ohne ihn nicht auskomme und dass er mir eine große Hilfe wäre, und so bat ich ihn zu bleiben. Mein Mann schloss sich dieser Bitte an, und da schlich er davon und sagte nichts, und ich hatte ihn überzeugt.“ Hingebungsvoll sorgte sie bis zu seinem Tod im Jahr 1868 für ihren Vater, mit der Hilfe von Louis. Seine Frau, davon gerührt, bezeugte: „Du kannst keinen einzigen Mann finden, der so gut zu seinem Schwiegervater ist wie er.“
Einen Monat nach dem Tod des Vaters kam eine neue Trennung: Sie schickten die beiden ältesten Töchter in das Kloster der Heimsuchung. All diese Prüfungen wirkten sich auf Zélies Gesundheit aus: Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit. Sie durchlebte Phasen der Niedergeschlagenheit. In jenem Augenblick sah sie so schlecht aus, dass viele ihr ein baldiges Wiedersehen mit den geliebten Verstorbenen voraussagten. Die Antwort der tüchtigen Mutter war: „Ich habe keine Zeit zum Sterben; im Augenblick habe ich zu viel Arbeit!“.
Achtzehn Monate später klopfte der Tod erneut an die Tür der Martins und nahm ihre liebliche kleine Hélène im Alter von fünf Jahren mit sich, am 22. Februar 1870: „Ich gebe mir an allem die Schuld“, sagte Zélie. Bei jeder schweren Erkrankung ihrer Kinder machte sie dieselbe Erfahrung: „Ich weiß nicht, was ich tun und wie ich damit umgehen soll. Ich fürchte, dem Kind nicht das zu geben, was es braucht; das ist für mich ein ständiges Sterben. Man müsste diesen Weg selbst gegangen sein, um zu wissen, was Qual eigentlich ist. Ich weiß nicht, ob das Fegefeuer schlimmer ist als das. Was mich betrifft, so bin ich nicht ans Bett gefesselt, aber es geht mir überhaupt nicht gut. Genauer gesagt, ich habe fast jeden Tag Fieber. Ich leide nicht so sehr darunter, aber ich habe ständig Kopfschmerzen und bin allgemein schwach. Ich habe keine Energie, ich kann nicht schnell arbeiten und habe keine Kraft für irgendeine Arbeit. Manchmal denke ich, ich könnte still hinübergehen wie meine kleine Hélène. Ich versichere euch, dass mir mein eigenes Leben kaum etwas bedeutet. Seit ich dieses Kind verloren habe, verspüre ich ein brennendes Verlangen, es wiederzusehen. Doch die Kinder, die geblieben sind, brauchen mich, und um ihretwillen bitte ich Gott, mir noch Jahre auf Erden zu schenken.“
Das Ehepaar Martin hatte wiederum keine Zeit, über den Tod nachzudenken, denn bald erwartete sie eine neue Prüfung: der Deutsch-Französische Krieg: „Wir sehen nur Trauer und Zerstörung; mein Herz ist gebrochen“; und mit Blick auf die Lage ihrer Familie und ihres Landes fügte sie hinzu: „Wir waren nie unglücklicher. Ich weiß nicht, wie ich unsere Angst beschreiben soll. Es sind fünfundzwanzigtausend. Alle Häuser waren mit der Zahl der feindlichen Soldaten gekennzeichnet, die dort untergebracht werden mussten. Am Ende hat man uns neun ihrer Soldaten aufgeladen, und wir können uns wirklich nicht beklagen. Denn in unserem Stadtteil mussten die Inhaber kleiner Geschäfte, die nur zwei Wohnungen haben, sogar fünfzehn, zwanzig und sogar fünfundzwanzig Soldaten aufnehmen. Die, die wir haben, sind weder bösartig noch Diebe, aber dafür essen sie so gern, wie ich es noch nie gesehen habe. Wir mussten ihnen den ganzen ersten Stock überlassen und alle ins Erdgeschoss des Hauses umziehen. Mein Mann ist traurig. Er kann weder essen noch schlafen. Ich glaube, er wird krank werden.“
Nach all diesen Prüfungen kündigte sich die Ankunft Theresias an, „der größten Heiligen der Neuzeit“. Bei der Geburt der kleinen Theresia schrieb die Mutter: „Ich bin sehr glücklich. Zugegeben, zuerst war ich überrascht. Ich war überzeugt, einen Jungen zu tragen. Das stellte ich mir schon seit zwei Monaten vor, weil ich spüren konnte, dass dieses Kind kräftiger war als alle meine anderen Kinder. Während ich sie im Leib trug, bemerkte ich etwas, das mir bei den anderen Kindern nicht widerfahren war: Wenn ich sang, sang sie mit mir…“. Im Haus der Martins spielten die Kinder in einem Zimmer im oberen Stockwerk, während Zélie im Erdgeschoss am Tisch ihre Spitzen anfertigte oder Briefe schrieb. Das Vertrauen war das Herz ihrer Erziehung. Die kleine Theresia rief schon in frühem Alter, wenn sie die Treppe hinunterging, auf jeder Stufe mit vollem Vertrauen nach ihrer Mutter: „Ich höre das Kind 'Mama' rufen, während es die Treppe hinuntergeht. Auf jeder Stufe sagt sie: 'Mama!', und wenn ich ihr nicht jedes Mal antworte, bleibt sie auf der Stufe stehen und rührt sich weder vorwärts noch rückwärts“. Dieses Vertrauen zur Mutter war bei Theresia außerordentlich stark: „Ich werde zu dir in den Himmel fliegen. Und du wirst mich fest in deinen Armen halten. Wie könnte Gott uns trennen?“ Sie war überzeugt, dass ihr nicht einmal Gott etwas anhaben kann, solange sie in den Armen ihrer Mutter ist. Theresia lernte von ihrer Mutter, sich immer zu bemühen, Gott in allem zu gefallen. Von frühester Kindheit an hatte sie Übungen der Selbstverleugnung und bekam einen Rosenkranz mit beweglichen Perlen, die ihre vielen täglichen Opfer anzeigten, denn Theresia war als kleines Mädchen sehr eigenwillig.
Im Sommer 1876 wurde bei Zélie ein Tumor in der Brust festgestellt: „Ich leide nicht sehr. Die Schwellung erstreckt sich über eine ganze Seite bis unter die Achsel, ein dumpfer Schmerz an der Stelle, wo der Tumor sitzt. Ich kann in meinem Zustand noch lange durchhalten, also legen wir es in Gottes Hände zurück. Er weiß besser als wir, was wir brauchen. Er ist es, der verwundet und der heilt“ (Job 5,18). Ich werde zur ersten Wallfahrt nach Lourdes gehen und hoffe, dass die Selige Mutter mich heilen wird, wenn es nötig ist. Während wir warten, wollen wir ruhig bleiben. Ich freue mich, euch alle wiederzusehen. Die Zeit scheint so lang! Ich bin nur glücklich, wenn ich bei dir bin, mein lieber Louis. Gott schenkt mir wirklich die Gnade, mich nicht zu fürchten. Ich bin sehr ruhig und finde, dass ich beinahe glücklich bin. Mein Los würde ich um nichts in der Welt tauschen. Wenn Gott mich heilen will, wäre ich sehr glücklich, denn tief im Innern möchte ich leben. Aber andererseits sage ich mir: „Wenn ich nicht gesund werde, dann deshalb, weil es für sie vielleicht nützlicher wäre, dass ich gehe...“ Während ich warte, werde ich alles tun, was ich kann, damit ein Wunder geschieht; ich zähle auf die Wallfahrt nach Lourdes. Aber wenn ich nicht gesund werde, will ich dennoch versuchen, auf dem Heimweg zu singen. Jetzt will ich mich hübsch beeilen, alles zu regeln, was noch zu regeln ist, damit ich meine Familie nicht in einer misslichen Lage zurücklasse.
Ich konnte mich nicht zurückhalten, meiner Familie die ganze Wahrheit zu sagen. Ich habe weitergearbeitet wie sonst, und so ist es mir gelungen, sie alle zu beruhigen. Und doch mache ich mir nicht das Geringste vor, und nachts fällt es mir schwer einzuschlafen, wenn ich über meine Zukunft nachdenke. Doch ich bemühe mich, es so gut wie möglich anzunehmen, auch wenn ich freilich niemals eine Prüfung wie diese erwartet hätte. Ich versuche daher, mich wie jemand zu verhalten, der sterben wird. Vor allem ist es jetzt das Wichtigste, dass ich diese kleine Zeit, die mir noch bleibt, nicht verliere, denn das sind Tage des Heils, die sich nicht wiederholen werden, und deshalb muss ich sie so gut wie möglich nutzen. Davon werde ich doppelten Verdienst haben. Ich werde weniger leiden, wenn ich mich mit meinem Los versöhne, und werde dazu noch einen Teil des Fegefeuers auf Erden abtragen. Bete darum, dass ich annehmen kann und geduldig bin. Du weißt selbst, dass ich Schwierigkeiten mit der Geduld habe. Wenn die Allerseligste Jungfrau Maria mich nicht heilt, dann bedeutet das gewiss, dass mein Ende gekommen ist und dass Gott jetzt will, dass ich anderswo sei, nicht mehr auf der Erde. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, denn der gute Gott sieht, dass ich getan habe, was ich konnte… Ich habe für vier Personen gearbeitet, die auch ohne das schon viel Arbeit hatten. Ich hatte ein schweres Leben. Und dann, kaum dass ich endlich aufatmen konnte, höre ich das Signal zu meinem Aufbruch, als sagte man mir: „Du hast das Deine gegeben, komm und ruhe dich aus.“ Aber nein, ich habe das Meine noch nicht gegeben; diese Kinder sind noch nicht erwachsen. Ach, andererseits fürchte ich den Tod nicht.“
Am Ende ihres Lebens schrieb sie über ihren Mann: „Er war mir immer Trost (Ratgeber) und Stütze.“ Zélie selbst war ihm ebenfalls eine Stütze – zum Beispiel, wenn er sich um ihre Gesundheit sorgte: „Ich sah, wie mein Mann sich meinetwegen oft quälte, während ich ganz ruhig blieb. Ich sagte zu ihm: 'Fürchte dich nicht, Gott ist mit uns.“ Die letzten Worte, die Zélie ihrem Mann schrieb, lauteten: „Ich bin ganz die Deine.“ Ihre Tochter Theresia schrieb später: „Lieben heißt alles geben und sich selbst ganz verschenken“, und so hat Zélie ihren Mann geliebt, ihre Kinder, ihre Kunden, ihre Arbeiterinnen und alle, die an ihre Tür klopften.
Nach dem Tod der Mutter fiel die ganze Erziehung dem Vater zu. Auf Zureden von Zélies jüngerem Bruder Isidore zogen der Vater und die Kinder nach Lisieux, wo der Onkel als Apotheker arbeitete. Durch den Schock des Todes der Mutter veränderte sich Theresia. Sie wurde verschlossen und überaus empfindsam. Der Vater bemühte sich trotz zahlreicher Verpflichtungen mit aller Kraft, dass die Familie ein Ort der Wärme, der Freude, der Gemeinschaft und des Vertrauens bleibe. Theresia wird schreiben: „Papas so zärtliches Herz füllte sich zu all der Liebe, die es schon hatte, noch mit einer wahrhaft mütterlichen Liebe“. Bei der Erziehung und dem häuslichen Unterricht der jüngeren Mädchen halfen Louis die älteren Töchter Marie und Pauline: „Meine Kinder, ich frage euch um Rat, weil ich dieses Opfer allein euretwegen zu bringen bereit bin, und ich will nicht, dass ihr meinetwegen leidet. Euch alle schließe ich liebevoll ans Herz und vertraue euch eurer heiligen Mutter an. Ich möchte mit euch, meine lieben Kinder, mein tiefes Verlangen teilen, Gott zu danken, und auch ihr sollt Gott danken, denn ich spüre, dass unsere Familie, so bescheiden sie auch ist, dadurch geehrt ist, dass unser wunderbarer Schöpfer sie unter die Seinen erwählt hat. Meine lieben Töchter, seid meine Freude und mein Trost auf dieser Erde und dient dem Herrn weiterhin mit Eifer. Er ist so groß und wunderbar in all seinen Werken! Bald werden wir die Freude haben, uns zu sehen und die Nähe zueinander in der Familie wieder zu spüren; das ist eine Schönheit, die uns alle ihm näher bringt“.
Wenn man all das bedenkt, ist es nicht verwunderlich, dass die Töchter der Reihe nach beschlossen, Ordensfrauen zu werden. Als Vorletzte kam Theresia an die Reihe, für die er sich, als er begriff, dass ihr Wunsch, in den Karmel einzutreten, in Wahrheit Gottes Wunsch war, zusätzlich einsetzen musste, da sie erst fünfzehn Jahre alt war. Menschlich gesehen war es für ihn gewiss nicht leicht. Er wusste: Wenn Theresia in den Karmel geht, wird sie ihn, wie auch die beiden älteren Töchter, nie mehr in seinem Haus besuchen können, nicht einmal in der letzten Krankheit oder in der Stunde des Todes, denn das ist die Regel jener Ordensgemeinschaft. Theresia trat am 9. April 1888 in das Karmelkloster ein. Als ihm schließlich auch Céline anvertraute, dass auch sie eine Ordensberufung spüre, weinte er vor Freude und ging mit ihr in die Kirche, „um Gott zu danken, der ihm die Ehre erwiesen hat, alle seine Kinder zu nehmen.“
Drei Monate nach Theresias Eintritt ins Kloster begann für diesen guten Vater der Kreuzweg der Krankheit und der Demütigung. Er erlitt nämlich einen schweren Schlaganfall. Tage der Besserung und der Verschlechterung wechselten einander ab. Die Krankheit nahm schließlich so überhand, dass es zu seelischer Entkräftung, Niedergeschlagenheit und geistiger Verwirrung kam. Nach einem erneuten Schlaganfall musste er wegen seines dementen Verhaltens in ein Krankenhaus in Caen gebracht werden. Céline ließ sich in der Nähe des Krankenhauses nieder, um dem Vater so nahe wie möglich zu sein. Jene drei Jahre der Krankheit des Vaters waren für diese Familie Jahre des Martyriums und der äußersten Demütigung. Im Verlauf der Krankheit zeigte Louis in den klaren Augenblicken, dass er sich seines Zustands völlig bewusst war. Doch sein Heldenmut war so groß, dass er nicht um seine Genesung beten wollte, da er meinte, Gott wisse, warum er ihm gerade diese Art von Krankheit gesandt habe, und er wolle sie deshalb als Gottes Willen annehmen. Er starb bei klarem Geist am 29. Juli 1894.
- Mladen Klanac
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