Brechen wir neu auf von Nazaret!
Gottes Segen im Haus — der Text wurde auf einem Medaillon gefunden und beim Requiem für A. G. Matoš vorgetragen.
Der Text auf dem Medaillon lautet: Gottes Segen im Haus/Wo Glaube — dort Liebe/Wo Liebe — dort auch Friede/Und wo Friede — dort ist Gott der Herrscher, der Vater deines Hauses.
„Die Alten spürten, dass unser Leib ein Haus ist. Denn nur der ist ein Mensch, der ein lebendiges Haus Gottes ist: templum Dei absconditi (Tempel des verborgenen Gottes), eine lebendige Kirche, in der der Geist der Priester und das Herz der Altar ist. Die Augen — zwei wunderbare Fenster.“
A. G. Matoš
"Unsere auf diesen Seiten bereits bekannten Autoren, Raffaella und Ciro, haben in ihrem Buch „Wir brauchen Nazaret“ (C'è bisogno di Nazaret) die Aufgabe übernommen, Antworten auf das zu suchen, was die Evangelien über das Leben der Heiligen Familie nicht sagen. Ihr Werk hilft den Lesern, das Haus der Heiligen Familie in Nazaret zu betreten, um sich die Tage, die Gefühle, die schweren Entscheidungen, die unbeschreiblichen Freuden vorzustellen. Aber nicht, um Märchen zu erzählen, sondern um jedem von uns zu helfen, die eigene Geschichte im Aufscheinen der Herrlichkeit des Herrn zu erhellen."
Der größte Teil des Lebens Jesu spielt sich in Nazaret ab, im Haus Josefs und Marias. Diese rund 30 Jahre werden als die "verborgenen" Jahre bezeichnet, weil die Heilige Schrift über sie schweigt – ein Schweigen, das nur von zwei Ereignissen unterbrochen wird: von der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten und vom Wiederfinden Jesu im Tempel im Alter von zwölf Jahren. Diese drei Jahrzehnte wurden wahrscheinlich in den gewöhnlichen Pflichten des Alltags in Nazaret verbracht.
Die Stadt Nazaret, deren Namen viele von der hebräischen Wurzel nezer, "Blüte, Knospe", herleiten. Das Wort wird in der Prophezeiung Jesajas (11,1-2) gebraucht, die das Hervorgehen "eines Reises aus dem Baumstumpf Isais" ankündigt, das heißt das Hervorgehen des Messias aus dem Haus David. So drückte sich auch der heilige Hieronymus aus, als er dem römischen Patrizier Marcellus schrieb: "Wir werden nach Nazaret gehen und, dem entsprechend, was sein Name bedeutet, die Blüte Galiläas sehen".
Papst Paul VI. sagt: „Das Haus von Nazaret ist die Schule, in der man beginnt, das Leben Christi kennenzulernen. Es ist gleichsam die Schule des Evangeliums. Hier lernen wir zuerst schauen, hören, nachsinnen und ganz erfassen, welch große und geheimnisvolle Kraft in dieser so einfachen, demütigen und wunderbaren Offenbarung des Sohnes Gottes liegt. Vielleicht lernen wir dabei zugleich, ihn ein wenig nachzuahmen. Hier begreifen wir die Weise und den Weg, auf dem wir leicht erkennen können, wer Christus ist. Hier verstehen wir besonders, wie sehr all das zu schätzen ist, was mit seinem Aufenthalt unter uns zusammenhängt und was gewissermaßen dazugehört: die Orte, die Zeiten, die Bräuche, die Sprache, die heiligen Riten, kurz alles, dessen Jesus sich bediente, um sich der Welt zu offenbaren. Hier hat alles eine Stimme, alles hat eine Bedeutung. Ja, hier, in dieser Schule, sehen wir ein, warum man geistliche Zucht wahren muss, wenn jemand der Lehre des Evangeliums folgen und ein Jünger Christi sein will. O wie gern möchten wir in unsere Kindheit zurückkehren und uns wieder dieser demütigen und zugleich so erhabenen Schule von Nazaret anvertrauen. O wie brennend möchten wir unser Bemühen erneuern, an der Seite Marias die wahre Wissenschaft des Lebens und das Verständnis der göttlichen Wahrheiten zu erwerben. Aber wir haben hier nur als Pilger Halt gemacht und müssen auf diesen Wunsch verzichten, denn wir erkennen, dass sich in dieser Welt die Arbeit, das Evangelium kennenzulernen, niemals ganz vollenden lässt“.
Romano Guardini fügt hinzu: „Hier gibt es nichts Außergewöhnliches. Der Mensch, der diesen Weg geht, tut das, was jeder tun sollte, der Gutes tun will: seine Pflicht hier und jetzt. Nichts mehr, nichts weniger. Er gibt dem Augenblick, den er durchlebt, göttlichen Wert. Das bedeutet nichts Phantastisches. Er nutzt die eigenen Mittel und Fähigkeiten. Er tut, was seine Berufung verlangt. Selbst die einfachste und banalste Wirklichkeit wird von Gottes Händen aufgenommen und mit ganzer Kraft gelebt. Es ist nicht wichtig, was ein Mensch tut, ob Großes oder Kleines, Leichtes oder Gefährliches. Es muss das sein, was jetzt nötig ist ... der Mensch empfängt, sozusagen, von Zeit zu Zeit Gottes Aufträge aus Gottes Händen."
Für Charles de Foucauld geht es im Beispiel Jesu um das verborgene Leben in Nazaret, um das Leben in der Familie, in der Arbeit und in der Beziehung zu den anderen. Er versteht es als: „Beispiel des Gehorsams gegenüber Gott, der Übereinstimmung mit seinem Willen, der Demut, Arbeit, Armut, Buße, Betrachtung, Einsamkeit, Gebet – eines der drei vollkommenen Leben, die Gott der Welt als Vorbild vorlegen wollte: ein einfaches Leben, zurückgezogen, demütig, Gott beständig gehorsam, barmherzig gegenüber den Menschen, hingegeben an jene, mit denen er lebt, arm, redlich, bußfertig, fleißig…“. Das Haus der Heiligen Familie erfreut sich des Friedens eines Hauses, eines Heims, ähnlich wie in einem Kloster. Maria und Josef verbringen ihr Leben im Gebet, in der Arbeit, in der Buße und in der Betrachtung des Geheimnisses Jesu: „Das Leben Marias und Josefs in Nazaret war daher in zwei Teile geteilt: einen ganz kurzen, der der grundlegenden Arbeit mit den Händen gewidmet war ... und einen sehr langen, der dem Gebet gewidmet war. Maria und Josef (…) sind eingetaucht in die selige Betrachtung ihres Gottes, der mitten unter ihnen ist, der einer von ihnen ist“.
Doch das verborgene Leben Christi in Nazaret wird im Johannesevangelium auf andere und tiefere Weise betrachtet, vor allem im Blick auf die Wunder oder 'Zeichen', die Christus in der Offenbarung seiner wahren Herrlichkeit wirkte: Christus erscheint an erster Stelle als Mitarbeiter des Vaters bei der Vollendung des Heilswerkes des Vaters. Das Heil ist das Werk des Vaters, und Christus vollbringt Werke, die das Heilswerk des Vaters ankündigen und einleiten.
Paul VI. fährt fort: „Nazaret lehrt uns zuerst das Schweigen. O wenn doch in uns die Wertschätzung des Schweigens erstarkte, dieser wunderbaren und so notwendigen Eigenschaft der Seele, in einer Zeit, in der uns in diesem aufgewühlten und allzu unruhigen Leben, in unseren Tagen, so viel Geschrei, Lärm und Rufen bestürmt. O Schweigen von Nazaret, lehre uns, in guten Gedanken gefestigt zu sein, den inneren Eingebungen zugewandt, gut bereitet, die geheimen Ratschlüsse Gottes und die Weisungen der wahren Lehrer zu hören. Lehre uns, wie notwendig und wie wertvoll die Vorbereitung ist, die Lehre, die Betrachtung, das persönliche und verborgene Leben, das Gebet, das in der Verborgenheit nur Gott sieht“.
Stille umfängt Nazaret. Eine Stille, die man nicht brechen darf. Man muss in sie eintreten, sie in ihrem Einklang mittragen und sich auf einen Weg machen, der immer neu und höchst aktuell ist. Ferne Echos hallen aus der Tiefe. Erinnern wir uns an die "Stimme der Stille", die den Vorübergang des Herrn bezeichnet, den Elija in der Theophanie am Horeb wahrnimmt (1 Kön 19,12-13), oder an die Eingangsantiphon des zweiten Sonntags nach Weihnachten: „Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht bis zur Mitte ihres Laufes gekommen war, stieg dein allmächtiges Wort, o Herr, vom Himmel herab, vom königlichen Thron." Oder wiederum den Lichtpunkt des Johannesprologs: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt (ἐσκήνωσεν ἐν ἡμῑν: er schlug sein Zelt unter uns auf)“.
Das Leben Jesu, ό τέκτων, war in seinem Schweigen ganz eingetaucht in die Universalität der Welt, die ebenfalls in Stille gehüllt ist – jener Welt, die immer, in allen Breiten und in jeder Kultur, um das Leben kämpfen und oft auch sterben musste, damit ein anderer leben kann. Es lohnt sich, noch einmal Paul Gauthier zu hören: „In der Geschichte der Menschen lastet die Bürde der Arbeit schwer auf jenen, die nicht nur leiden müssen, um das Leben ihrer Familie zu sichern, sondern noch mehr für den Gewinn der wenigen Geschickten oder Reichen, die von fremder Arbeit leben. Jesus wollte diese große Sünde der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen auf sich nehmen, um die Menschheit von dieser Ausbeutung zu befreien und die große Würde der Geringsten zu offenbaren (Mt 25,40). Das große Werk der Erlösung, das Jesus am Holz des Kreuzes vollenden wird, hat er in Nazaret bereits begonnen, indem er mit Holz arbeitete…
Gauthier sagt: „In Nazaret war jemand, von dem alle meinten, sie kennten ihn [...]. Er war ein Mensch unter Menschen, in allem seinen Brüdern ähnlich, in der Gemeinschaft von Fleisch und Blut, lebend in der ganz gewöhnlichen gesellschaftlichen Lage, in der eines Arbeiters seiner Zeit und seines Landes. Die Arbeit dauerte den ganzen Tag und fiel mit Sonnenaufgang und Sonnenuntergang zusammen, wie der Psalm sagt: "Die Sonne geht auf ... dann geht der Mensch hinaus an sein Tagwerk, an seine Mühe bis zum Abend" ( Ps 104,32 -33). Außer wenn sie durch den Sabbat und die Feste des jüdischen Kalenders unterbrochen wurde, war das jahrelang der Rhythmus des Lebens Jesu.
Jesus arbeitet bei Josef und mit Josef, hilft ihm und lernt von ihm das Zimmermannshandwerk – nicht weil dies eine körperliche Übung wäre, die der Gesundheit guttut, oder ein angenehmer Zeitvertreib; er arbeitet, weil die Arbeit sich ihm aufdrängt, damit er heute und morgen ein Stück Brot habe, damit er esse, damit er den Lebensunterhalt verdiene, ...gerade indem er ein verborgenes Leben führt, gerade indem er bescheidene Aufgaben verrichtet, lehrt uns der schweigende Christus von Nazaret, wie man göttliche Dinge mit menschlicher Hingabe tut, ...wie sollte man nicht ausrufen: „Herr, hättest du für deine Hände nicht eine dringendere Aufgabe gefunden, eine göttlichere Beschäftigung als diesen Beruf des Bretterhobelns, in dem du deine Kraft vergeudest, in dem du die kurzen Tage deines Lebens als Erlöser zu verlieren scheinst?“… Denn wie die Heiligkeit nicht in ferner Zukunft liegt, sondern im gegenwärtigen Augenblick, so liegt sie auch nicht im Außergewöhnlichen, sondern im gewöhnlichen Detail, das im Allgemeinen prosaisch ist und das wir banal nennen (Salet (1955).
Paul VI.: „O Nazaret, o Haus des Sohnes des Zimmermanns, gerade hier möchten wir am liebsten das zwar strenge, aber erlösende Gesetz der menschlichen Arbeit begreifen und preisen. Hier wollen wir die Würde der Arbeit so erneuern, dass alle davon erfahren. In diesem Haus wollen wir auch daran erinnern, dass die Arbeit sich nicht selbst Zweck sein kann, sondern dass sie ihre Freiheit und ihren Wert nicht nur aus dem, was man wirtschaftliche Bedeutung nennt, empfängt, sondern auch daher, dass sie uns auf ein wunderbares Ziel hin lenkt. Von hier aus möchten wir schließlich die Arbeiter der ganzen Welt grüßen und ihnen das große Vorbild zeigen — ihren göttlichen Bruder, Christus, unseren Herrn, den Herold all ihrer berechtigten Bestrebungen“.
In der jüdischen Tradition war die Arbeit hoch geschätzt als eine grundlegende Dimension des Menschen, die Gott im Verhältnis zur Schöpfung will. Die Arbeit war eng mit der Tora verbunden. In dieser Hinsicht ist der Gedanke des weisen Gamaliel sehr bezeichnend: „Es ist gut, dass das Studium der Tora von einem einträglichen Beruf begleitet wird, denn die Tätigkeit in beidem hält von der Sünde fern: Wenn das Studium der Tora nicht mit Arbeit verbunden ist, endet es im Scheitern und verursacht Sünde" (Zit. in Elena Bartolini, Die Arbeit in der jüdischen Tradition, in Die Arbeit unserer Hände, PSV 52, 101). Die Pflicht eines jeden Vaters ist es, seinen Sohn ein Handwerk zu lehren. Diese Aufgabe zu versäumen hieß, ihn dazu zu veranlagen, ein Dieb zu werden. Man kann sagen, dass die Weitergabe des praktischen Wissens, das die Arbeit ermöglicht, auf der Ebene der Pflicht stand, die eigenen Nachkommen die Tora zu lehren. Denn "wenn ein Mensch morgens zwei Abschnitte der Tora lernt und abends zwei, den ganzen Tag aber seiner Arbeit nachgeht, so gilt er als einer, der die ganze Tora [alle Gebote] erfüllt hat" ( Midrasch Tanchuma, Beschallach).
Paul Gauthier beschreibt das Zimmermannshandwerk jener Zeit so: „Damals war der Zimmermann ein Mann, der zugleich mit Holz, Eisen und Stein arbeitete, denn er war gleichzeitig Tischler, Zimmerer, Schmied und Maurer, ein der Erde verbundener Mann, der alles zu tun und mit verschiedenen Werkzeugen umzugehen wusste" (Jesus von Nazaret, der Zimmermann, Brescia 1970). Es war also eine Arbeit, die in der Herstellung der für Ackerbau und Viehzucht notwendigen Geräte bestand (Pflüge, Joche für die Ochsen, aber auch für die Wasserträger...), im Bau von Häusern, auch unter Verwendung von Höhlen im Felsengelände, sowie in der Anfertigung der wenigen Möbelstücke, mit denen die Häuser ausgestattet waren. Es war daher eine Arbeit, die die ganze Dorfbevölkerung in enge Verbindung und Beziehung brachte und die eine sichere berufliche Identität verbürgte: eben ό τέκτων.
Noch bevor er zu sprechen begann, begann er das volle Leben eines Menschen zu leben, eingetaucht in den menschlichen Alltag. Später dann in das Geheimnis der Zeit, die vergeht und die in der Arbeit Müdigkeit gebiert, in das Bedürfnis, nach der Mühe des Biegens von Materie, Stein, Holz und Eisen, mit Hilfe des Feuers wieder zu Kräften zu kommen, um die gewünschte Form hervorzubringen. Mit den rudimentären technischen Werkzeugen jener Zeit erforderte das Formen und Fügen menschliche Kraft, viel körperliche Energie. Nicht nur in der Welt der Menschen, auch in der rauen Welt der Dinge wurde das Zelt aufgeschlagen – jener Dinge, die unbedingt nötig sind, damit das Leben menschlicher und würdiger werde.
„Außerdem lernen wir hier die häusliche Lebensweise kennen. Nazaret erinnere uns daran, was die Familie ist, die Gemeinschaft der familiären Liebe, die ernste und heilige Schönheit der Familie, das heilige und unantastbare Eigentum der Familie; es zeige uns, wie süß die Erziehung in der Familie ist, die durch nichts anderes ersetzt werden kann; es lehre uns, welche natürliche Rolle die Familie in der gesellschaftlichen Ordnung hat“, schließt Papst Paul VI.
Mit all seinen Unvollkommenheiten war Nazaret Heimat. Während die Wurzeln der Vorfahren Josefs in Betlehem lagen, betrachtete Josef Nazaret als seine Heimat (Lk 2,4). Während Maria Verwandte im Süden in Judäa hatte, betrachtete Maria Nazaret als ihre Heimat (Lk 1,26). Nazaret war unvollkommen, aber Nazaret war Heimat. Sie kannten das Geschenk Jesu, des Weihnachtsfestes, des Immanuel. Sie wussten, dass Gott mit ihnen war. Dorthin hatte Gott sie geführt; dort war Gott. Und wenn Gott dort war, dann wollten auch sie dort sein und das Leben in der Fülle dessen leben, was sie hatten.
Für uns ist es wichtig, die Stadt Nazaret mit all ihren Unvollkommenheiten als die Heimat der Heiligen Familie zu betrachten. Warum? Weil viele von uns sich ebenfalls in unvollkommenen Städten, unvollkommenen Häusern und unvollkommenen Situationen wiederfinden. Mit anderen Worten: Wie fühlst du dich dort, wo du dein konkretes alltägliches Leben lebst? Dein Priestertum ... deine Ehe ... dein Zölibat ... deine Familie ... deine Pfarrei ... deine Arbeit ... deine Verwandten und Freunde ... deine Kinder ... deine Gesundheit. Worin spürst du das Leben?
Die erste Heimat eines Kindes ist immer der Leib einer Frau. Maria war die Heimat ihres Sohnes, so wie alle Frauen die Heimat der Kinder sind, die sie gebären. Wie auch viele Frauen, die wegen einer unregelmäßigen Mutterschaft verstoßen wurden. Und wiederum: Um das Brot bitten wir jeden Tag im einzigen Gebet, das Jesus uns hinterlässt, und das Brot haben Frauen gemacht, und Jesus macht es göttlich, zur Gabe Gottes an den Menschen, von Frauen der ganzen Menschheit übergeben. Am Ende, als alles vollendet ist, sagt Jesus: "Ich bin das Brot des Lebens" (Joh 6,35). Das Brot, die Gabe Gottes, das aus einem Haus ein Heim macht, wird mit dem Armen und dem Fremden geteilt. Die marianischste Tat, könnten wir heute in theologischer Sprache sagen, zurückgeführt auf ihre Dimension materieller Stimmigkeit, ist es, Brot zu werden und ein Heim zu schaffen – ein Heim, das Maria mit ihrem offenen Mantel darstellt, die Jurte, das Zelt-Kosmos der Nomadenvölker, ein Ort der Gastfreundschaft. Ein Heim zu schaffen bedeutet, den Glauben zu haben, dass das Leben weitergeht, dass es eine Zukunft gibt.
Pater Pedro Arrupe SJ beschreibt Maria so: „Nichts ist praktischer, als Gott zu finden, als sich auf ganz absolute, endgültige Weise zu verlieben. Das, worin du verliebt bist, was deine Vorstellungskraft ergreift, wird alles beeinflussen. Es wird entscheiden, was dich morgens aus dem Bett holt, was du am Abend tust, wie du die Wochenenden verbringst, was du liest, wen du kennenlernst, was dir das Herz bricht und was dich mit Freude und Dankbarkeit erfüllt. Verliebe dich, bleibe verliebt, und das wird über alles entscheiden. Maria hat sich auf ganz absolute, endgültige Weise in Gott verliebt. Ihre Liebe zu Gott hat alles in ihrem Leben bestimmt“.
Maria verbrachte einen guten Teil ihres Lebens zu Hause, wie alle Frauen ihrer Zeit. Historiker sagen uns, dass die Frauen jener Zeit einen großen Teil des Tages dem Brot widmeten: Brot und Oliven zum Frühstück, Brot und Gemüse zum Mittagessen, Brot, Suppe und Käse zum Abendessen. Und zu Ostern ungesäuertes Brot, Hüter der Erinnerung an Knechtschaft und Befreiung. Wir können uns Maria vorstellen, wie sie Brot backt, und wir können sie uns gut vorstellen, wie sie mit ihrem Kind diese Geste des Mehlknetens und Backens teilt. Wir können sie uns mit Jesus an ihrer Seite vorstellen. Kinder lieben es, Teig zu kneten. Wir können uns auch vorstellen, wie in dreißig Jahren Familienleben das Brot jenes war, das man mit den Armen und den Fremden teilte, denn der Fremde ist Gott, manchmal sogar in ganz strengem Sinn, wie es bei Abraham geschieht, der drei Wanderer aufnahm: „Er eilte ins Zelt zu Sara und rief: Schnell, drei Maß feines Mehl! Knete es und backe Brotfladen!“ (Gen 18,6).
Maria dehnt ihre Mutterschaft auf die ganze Menschheit aus, wie sie Juan Diego in Guadalupe sagte: „Wisse mit Gewissheit, du Geringster meiner Söhne [und Töchter], dass ich die vollkommene und ewige Jungfrau Maria bin, die Mutter des wahren Gottes, durch den alles lebt, des Herrn des Himmels und der Erde. … ich bin deine Mutter. Die barmherzige Mutter von euch allen, die ihr vereint in diesem Land lebt, und der ganzen Menschheit, all derer, die mich lieben. Hier werde ich ihr Weinen, ihre Trauer hören und all ihre vielfältigen Leiden, Nöte und Schmerzen heilen und lindern. Höre, nimm es dir zu Herzen, mein jüngster und liebster Sohn: Das, was dich erschreckt, was dich quält, ist nichts – lass nicht zu, dass es dich beunruhigt. Bin ich nicht hier, ich, die ich deine Mutter bin? Bist du nicht in meinem Schatten und unter meinem Schutz? Bin ich nicht die Quelle deiner Freude? Bist du nicht in der Wölbung meines Mantels, in meinen verschränkten Armen? Brauchst du noch etwas? Nichts soll dich mehr sorgen oder beunruhigen.“
Andererseits beschreibt die Heilige Schrift Josef als einen Gerechten; wir erfahren, dass Josef mehr war als der gewöhnliche Zimmermann, der oft mit einer weißen Lilie dargestellt wird. Der Gerechte liebt das Wort Gottes. Er verkörpert die Tugend. Der Wille des gerechten Menschen schmiegt sich an das Herz Gottes, so dass der Gehorsam zu einer Gabe wird, die die Vertrautheit fördert. Der Gerechte betet gern. Er lebt still „von innen her“, unaufdringlich, aber kraftvoll gegenwärtig. Er kann die Stimme des Vaters hören. Er liebt Gott. Leider denken viele von uns über Josef in einem verzerrten Bild, weil viele von uns annehmen, man habe ihn erst überzeugen müssen, Maria zu heiraten. Wenn du an den heiligen Josef denkst, denke an Abraham. Josef war ein Heiliger. Josef war gerecht.
Die Psalmen geben uns eine Vorstellung davon, was die Heilige Schrift meint, wenn sie Josef als gerecht beschreibt: „Psalm 1 zeichnet das klassische Bild des 'gerechten' Menschen. Wir könnten es uns als Porträt der geistlichen Gestalt des heiligen Josef vorstellen. Der gerechte Mensch, so sagt er uns, ist jener, der lebendigen Kontakt mit dem Wort Gottes hält, der 'Freude hat am Gesetz des Herrn' (V. 2). Er ist wie ein Baum, gepflanzt an fließenden Wassern, der unaufhörlich Frucht bringt. Die fließenden Wasser, aus denen er sich nährt, verweisen ganz natürlich auf das lebendige Wort Gottes, in das er die Wurzeln seines Seins eintaucht. Der Wille Gottes ist kein Gesetz, das ihm von außen auferlegt wird, er ist 'Freude'“ (3).
Aber in Nazaret gibt es ein Detail, das anderswo nicht auftaucht: Hier haben die Menschen mit eigenen Augen gesehen, wie Jesus heranwuchs, deshalb glauben sie, ihn zu kennen, alles über ihn zu wissen: "Ist das nicht der Sohn Josefs?" Hier verflicht sich das Lob mit einem Staunen, das seinen Augen nicht trauen kann, das nicht begreifen kann, was es erlebt: "Wie kann er die Schrift kennen, ohne dafür ausgebildet zu sein?" (Joh 7,15).
So wird Jesus, dessen Sendung mit den Worten Jesajas umrissen ist und der in seiner "Heimat" nicht willkommen war, den Heiden das Heil bringen (vgl. 2,32; 13,29; 24,47). Jesus ist nämlich "mitten durch sie hindurchgegangen und weitergezogen" (dielthon dia mesou auton). Und "hindurchgehend ... zog er weiter"; der griechische Text verwendet das Imperfekt, eporeueto (= er ging). Der dramatische Epilog kündigt den Tod Jesu an, aber auch seinen Sieg über den Tod. Lukas ist dieses Verb lieb, weil es das Thema des "Weges" hervorhebt, das die ganze Spannweite des Daseins Jesu umfasst. Wohin geht Jesus? Die genaueste Übersetzung wäre "er ging weiter". Jesus bleibt nicht stehen. Er setzt seinen Weg fort auf die Sendung hin, für die ihn der Geist geweiht hat: zuerst nach Kafarnaum, dann nach Galiläa und in die umliegenden Gegenden und schließlich nach Jerusalem, wo sich die in Nazaret vorweggenommene dramatische Spannung lösen wird.
Aus Nazaret, "wo er aufgewachsen war", geht Jesus fort und "zieht weiter": Es ist also nötig, aus Nazaret fortzugehen und die Bedeutung von Nazaret noch anderswo zu erfahren, dort, wohin der Herr ruft. Denn obwohl der Stil von Nazaret nicht verschwindet, ist dieser Ort begrenzt im Vergleich zur universalen Heilsperspektive Gottes; der Vater hält nämlich seine Kinder nicht an einem Ort fest, sondern sendet sie bis an die Enden der Erde, damit sie sein Heil verkünden und mit ihm zusammenarbeiten. Nazaret ist der Ort der Heiligung, des Dienstes an den Armen, des Hinhörens auf den Willen Gottes; und das Leben, das Jesus dort hatte und von dort her lebte – und das das Vorbild unseres Lebens sein muss –, besteht im Gehorsam gegenüber der Dynamik des Geistes. Es ist die Bereitschaft, sich von Gott führen zu lassen (Giuseppe dell'Orto)
Wir alle werden von einem Gedanken versucht: "Wenn ich 'dort' wäre und nicht 'hier', wäre ich glücklich." Hätte ich eine andere Arbeit, wäre ich glücklich. Hätte ich eine andere Pfarrei, wäre ich glücklich. Könnte ich nur woanders oder mit jemand anderem sein, wäre ich glücklich. Die Umstände unseres Lebens sind wichtig und müssen geachtet werden; entscheidend ist jedoch, dort zu beginnen, wo Gott ist. Wenn Gott uns dorthin geführt hat, wo wir sind, dann wird unser Glück nicht von diesem oder jenem Ort abhängen. Glück und Erfüllung kommen von Gott. Gott war in Nazaret, weil dort die Heilige Familie war. Gott war mit ihnen, also war Gott in Nazaret. Gott ist mit dir; also ist Gott dort, wo du bist.
Das Geheimnis von Nazaret betrifft die Kirche in ihrer Gesamtheit und zu allen Zeiten. „Nazaret ist eine bleibende Botschaft für die Kirche“, sagt Mons. Ratzinger. Der Neue Bund beginnt nicht im Tempel und nicht auf dem heiligen Berg, sondern im kleinen Haus der Gottesmutter, im Haus eines Arbeiters, an einem der vergessenen Orte des 'Galiläa der Heiden', von dem niemand etwas erwartete. Nur von dort ausgehend wird die Kirche neuen Schwung gewinnen und gesunden können. Sie wird niemals eine wirkliche Antwort auf die Nöte unseres Jahrhunderts gegen die Verführung durch Macht und Reichtum geben können, wenn Nazaret in ihr keine gelebte Wirklichkeit ist. Schließen wir mit Charles de Foucauld: „Brechen wir neu auf von Nazaret!“
- Mladen Klanac
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