Aus dieser Quelle (der Ehe und der Familie) ergoss sich das Unheil über Heimat und Volk
Das alte Rom mit all seinem Glanz, mit dem Erbe zahlreicher erhaltener Kunstwerke und mit allem übrigen, weswegen es den Namen Wiege der Zivilisation erhalten sollte, ist in zahlreichen Werken von Schriftstellern beschrieben worden, die in der Zeit seiner Blüte lebten, aber auch in den Jahrhunderten nach dem Untergang des Reiches. Die größte Blüte erlebte Rom zur Zeit des Kaisers Augustus, im 1. Jh. v. Chr., als nach dem Sieg über Kleopatra in der Schlacht bei Actium im Jahr 31 v. Chr. im Reich Frieden im Staat einkehrte, da dieser Sieg das Ende der bis dahin andauernden langen Kriege bedeutete, welche die Römer geführt hatten. Bald nach der Festigung seiner politischen Stellung sollte Kaiser Augustus mit den Reformen innerhalb des Reiches beginnen. Es wurden zahlreiche Gesetze erlassen mit der Absicht, die Familie und die Wirtschaft zu stärken, die wegen der Kriege große Verluste erlitten hatten.
Im Jahr 18 vor Christus erließ Augustus, um der geringen Zahl der Neugeborenen und den leichtfertigen Scheidungen zu begegnen, das berühmte Lex Iulia de maritandis ordinibus, das auf die Erneuerung von Ehe und Familie und damit auch der Gesellschaft nach den strengsten sittlichen Grundsätzen zielte. Das Gesetz brachte tatsächlich die Pflicht zur Eheschließung, verbot Verbindungen von Senatoren mit freigelassenen Sklavinnen und sicherte eine Reihe von Maßnahmen zur Erhöhung der Geburtenrate, das heißt zur demographischen Erneuerung: Es wurden zahlreiche Anreize für Familien mit mehreren Kindern beschlossen, dazu Geldstrafen für Unverheiratete und sogar für Ehepaare ohne Kinder sowie Verbote lang andauernder Verbindungen ohne Eheschließung.
Besonders die Frauen mussten die Absicht zeigen, mindestens drei Kinder zu wollen; in diesem Fall hatten sie die gleichen Rechte wie die Männer. Augustus verkündete außerdem das Lex Iulia de pudicitia et de coercendis adulteriis, das sich auf freizügiges Verhalten und auf den Ehebruch bezog. Gegen zügelloses Verhalten, gegen Ehebrecher und Ehebruch wurden sehr harte wirtschaftliche Strafen verhängt. Im Grunde bestand der Wille, die Institution der Familie und eine Gesellschaft zu stärken, die durch die Bürgerkriege zerrüttet worden war.
Mit der Erneuerung der Familie und der öffentlichen Sitten erneuert sich die Stadt auch auf anderen Gebieten. Viele Tempel wurden errichtet, und die Künstler, besonders die Dichter, standen in der Gunst des Augustus, der sie über Maecenas förderte. In ihren Werken wurden, wie erwähnt, die Verdienste des Augustus erhaben besungen, ebenso wie Rom selbst, von dem Augustus triumphierend schreiben sollte, er habe es aus Ziegeln vorgefunden und hinterlasse es aus Marmor.
Auf der anderen Seite finden wir in den erhaltenen Werken der römischen Dichter, die beim Volk hohes Ansehen genossen und oft Seher (vates) genannt wurden, auch die andere, die dunklere Seite Roms. Es geht um den gesellschaftlichen Zustand in Rom. Einer der bekanntesten Dichter der augusteischen Zeit ist gewiss Quintus Horatius Flaccus, über den heute die meisten durch die Schulbildung genug wissen, weshalb in diesem Text von ihm selbst nicht viel die Rede sein wird. Dennoch ist es im Zusammenhang unseres Themas wichtig hervorzuheben, dass er vor Christus lebte (65 v. Chr. - 8 v. Chr.) und dass er in der Gunst des Augustus stand, der ihm auch die Existenz sicherte, indem er ihm ein Landgut im Sabinerland schenkte, damit er sich ungestört seinem Schaffen widmen konnte. Die römische Gesellschaft ist das Ziel zahlreicher Kritiken des Horaz. Gleich zu Beginn des 1. Gedichts des 3. Buches der Oden sagt der Dichter, dass er den gemeinen Pöbel hasst und meidet (odi profanum vulgus et arceo). In der Beschreibung der Gesellschaft bei Horaz herrschen Unsittlichkeit, Habgier und das Verlangen nach Ansehen, während die geistigen Werte nicht viel gelten. Bei einem Anhänger der Philosophie Epikurs wie Horaz, dessen Lebensgrundsatz aurea mediocritas (die goldene Mitte) lautet, ist es folgerichtig zu erwarten, dass er sich in einer solchen Gesellschaft nicht wohlfühlen wird. Der Seelenfrieden ist für Horaz das Prinzip eines glücklichen Lebens.
Doch obwohl wir nicht nur bei Horaz, sondern auch bei den übrigen römischen Klassikern wie Properz, Ovid, Tibull und sogar beim Geschichtsschreiber Livius eine Auseinandersetzung mit der römischen Gesellschaft finden, begegnen uns die konkreten Ursachen des genannten Zustandes in ihrem erhaltenen Werk nicht oft. Dennoch finden wir eine konkrete Ursache in einigen Versen eines der Gedichte des Horaz. Im 6. Gedicht des 3. Buches der Oden spricht Horaz von der sittlichen Krise in Rom. Nachdem er das Ausmaß des Schadens beschrieben hat, den die Abkehr der Gesellschaft von den alten, echten Werten verursachen wird, hebt Horaz hervor, dass die Ursache alles Übels, das Rom getroffen hat, in der Befleckung von Ehe und Familie verborgen liegt, die einst der höchste Wert waren.
Bei Horaz sind Ehe und Familie als Grundzelle der Gesellschaft, von der auch die Gesellschaft im Ganzen und das Fortbestehen der Heimat abhängen, von entscheidender Bedeutung für deren Beständigkeit und Wachstum.
Die Zerstörung, die vom Haus ausging, hat sich über das ganze Volk ergossen.
fecunda culpae saecula nuptias
primum inquinavere et genus et domos:
hoc fonte derivata clades
in patriam populumque fluxit.
(Hor. Carm. 6, 4: 17-20)
Ein Geschlecht voll Schuld / befleckte zuerst die Ehen, die Familie und die Häuser. / Aus dieser Quelle / ergoss sich das Unheil über Heimat und Volk.
(eigene Übersetzung)
Es gibt noch ein persönliches Zeugnis, das mit der Bedeutung des Themas Familie bei Horaz zusammenhängt, der einer niedrigeren gesellschaftlichen Schicht angehörte und weniger begütert war als etwa Cicero. In seiner Satire gibt er uns auf ausgesprochen dichterische Weise seine eigene Erinnerung an die Kindheit und bietet damit einen aufschlussreichen Text zum Nachdenken, um sein Verhältnis zum Vater zu verstehen: ”Wenn mein Charakter, der im Übrigen recht ist, nur von wenigen und unbedeutenden Mängeln beeinträchtigt wird, wenn mich niemand in guter Absicht der Habgier, der Gefühllosigkeit gegenüber anderen oder der Unzucht bezichtigen kann; wenn ich so lebe, dass man mich lobt, frei von Schuld und den Freunden lieb – dann ist das allein das Verdienst meines Vaters, der, obwohl von bescheidenen wirtschaftlichen Möglichkeiten im Vergleich zu anderen, den Mut hatte, mich noch als Knaben nach Rom zu bringen, damit ich die gleiche Bildung erhalten konnte wie die Söhne der Reichen und der Senatoren.”
- Mladen Klanac
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