Schau mir in die Augen
Schau mich an, schau mich an, ich bin schon vier Monate hier…
Schau mich an! Mitten in die Augen – hinein!
Lass mich mich in deinen Augen sehen!
Diese Augen haben nicht für sich geschaut;
sie waren nicht mehr meine, noch schauten sie sich selbst an!
Sie waren …in den deinen, immer – damit in ihnen geboren werden könnte,
aus deinen Augen allein mein Bild, so, wie du mich siehst!
Der Blick auf alle Dinge, auf die ganze Welt, so wie du sie siehst.
Hier bin ich nun – so, wie du mich willst.
„Wie du mich willst“, Luigi Pirandello
Sobald ein Kind geboren ist, wird das visuomotorische System (das Schauen und das Sehen) im selben Augenblick zum wichtigsten für sein Wachsen, das heißt zu der Weise, in der das Kind von Anfang an mitteilt. Was es höchstwahrscheinlich anschauen und sehen wird, ist das Gesicht der Mutter, besonders ihre Augen. Das Gesicht und die Augen der Mutter werden zur Mitte seines Schauens.
Ein Neugeborenes kann nicht sogleich sehen, sondern folgt einem Gegenstand reflexhaft und heftet den Blick an ihn. Ohne jede vorausgehende Erfahrung kann es einem sich bewegenden Gegenstand mit den Augen und dem Kopf folgen und den Blick auf ihm halten. Das lässt sich bei den meisten Neugeborenen leicht beobachten. Viele von ihnen werden schon wenige Minuten nach der Geburt einen Gegenstand, der durch ihr Blickfeld zieht, wach mit den Augen verfolgen.
Ein Neugeborenes kommt nicht mit fertigen Vorstellungen von den Gegenständen und Dingen der Welt um sich her ins Leben. All das ist ihm neu. Es gibt keine Vorstellungen und kein eingerichtetes System von Dingen, die mit seinen früheren visuellen Wahrnehmungen in Widerstreit geraten könnten. Seine Erfahrungen werden mit der Zeit allmählich weiter, vielschichtiger und umfassender. Solange es nicht von negativen Reizen überflutet wird, setzt es seine wichtige Aufgabe fort: die Wahrnehmung der Welt um sich her aufzubauen, das Bild der Menschen und der Dinge.
Das bedeutet nicht, dass das neugeborene Kind ein leeres Blatt ist. Es kommt mit einer Reihe von innen her festgelegter Wahrnehmungsneigungen, motorischer Muster und gedanklicher Neigungen zu uns, mit der Fähigkeit zu gefühlsmäßigem Ausdruck und, in gewissem Maß, zum Wiedererkennen. Es braucht den rechtzeitigen und ausgewogenen Reiz. Eines der ersten Dinge eines solchen Gleichgewichts ist, dass der Säugling Gegenstände in etwa acht Zentimetern Entfernung gut scharf sehen kann. Gegenstände, die viel weiter oder viel näher sind, kann er nicht deutlich sehen. Sie treten aus dem Brennpunkt und werden vermutlich unscharf.
Doch zwischen dem Schauen und dem Sehen besteht ein sehr wesentlicher Unterschied, wie es ihn auch zwischen dem Hören und dem gibt, was gehört wird. Ist das Neugeborene sogleich von einer wirren und überwältigenden Welt überflutet? Von einer Welt, in der es Licht und Dunkel, Winkel, Linien und Formen gibt, aber keine sinnvollen Gegenstände, keine Möglichkeit zu wissen, wo ein Ding aufhört und ein anderes beginnt, und auch keine Möglichkeit, Menschen von Gegenständen zu unterscheiden? In den ersten Wochen nach der Geburt verbringt es die meiste Zeit im Wachzustand mit dem Füttern und rund um das Füttern, etwas weniger beim Windelwechseln oder beim Baden.
Was wird das Neugeborene sehen? Es zeigt sich, dass die Augen des Neugeborenen, wenn es in der üblichen Haltung an der Brust oder an der Flasche trinkt, fast genau acht Zentimeter von den Augen seiner Mutter entfernt sind (sofern sie ihm zugewandt ist). Mütter verbringen während des Fütterns etwa 70 % der Zeit damit, ihr Kind anzuschauen, während das Kind die Mutter weniger betrachten kann. Das nimmt allmählich ab. Eine wichtige Aufgabe für beide ist es, sich aufeinander einzustimmen. Was es höchstwahrscheinlich anschauen und sehen wird, ist das Gesicht der Mutter, besonders ihre Augen. Das Gesicht und die Augen der Mutter werden zur Mitte seines Schauens.
Einige frühere Theorien nahmen an, der erste und wichtigste Gegenstand für das Kind sei die Brust. Doch sie ist zu nah, um scharf gesehen zu werden. Alles deutet also darauf hin, dass gerade das Gesicht der Mutter jene erste Mitte ist, von der aus der frühe Aufbau seiner sichtbaren Welt beginnt, und der Ausgangspunkt für die Bildung seiner frühen Fähigkeit, Beziehungen zu knüpfen und das eigene Ich aufzubauen.
Wie Winnicott sagt, denkt das Kind ungefähr so:“Wenn ich schaue, dann werde ich gesehen, und dann bin ich“. Das Gesicht der Mutter dient ihm als Spiegel, in dem es sich selbst erkennt. Alles, was von der Mutter kommt, wird für das Kind überaus wichtig: die körperliche Berührung, die Stimme und das gegenseitige Anschauen mit der Mutter. All das sagt ihm, dass es da ist und dass es wichtig ist.
Auch einige Untersuchungen bestätigen die Bedeutung des Blicks in der frühen Lebensphase und der Verbundenheit mit anderen. Ahrens und Spitz beobachteten, dass Kinder im Alter von drei Monaten mehr Interesse zeigen und häufiger jene Gesichter anlächeln, die ihnen unmittelbar gegenüberstehen, verglichen mit einer Ansicht im Profil oder mit anderen Gegenständen, die vor ihnen auftauchen. Und in den frühesten Zeichnungen von Kindern standen zwei große Punkte im Mittelpunkt, die die Augen darstellen, genau eingesetzt in einen größeren Kreis, der das Gesicht darstellt.
Das bedeutet, dass das Neugeborene von Anfang an auf das menschliche Gesicht oder auf einige seiner Merkmale hin ausgerichtet ist. Eine angeborene Neigung zu einer bestimmten visuellen Anordnung ist keine Kleinigkeit. Sie bedeutet, dass ein Schema oder ein „Bild“ des menschlichen Gesichts in unseren Genen verschlüsselt ist, das sich in unserem Gehirn abbildet und sich schließlich in unserem Verhalten ausdrückt, ohne jede vorausgehende besondere Lernerfahrung.
In Wahrheit kann nichts auf der Welt die Aufmerksamkeit des Kindes so fesseln wie das menschliche Gesicht. Die Anregungen, die dem Kind über die Gesichter der ihm nahen Menschen zukommen, sind entscheidend für seine spätere Entwicklung; die Veränderungen, die sich auf ihren Gesichtern abspielen, sind für das Neugeborene besonders faszinierend. Es scheint, dass das menschliche Gesicht wirklich das ist, was es am meisten in Anspruch nimmt.
Das gilt vor allem für das Gesicht der Mutter. Irgendwann um die sechste Woche erreicht das visuomotorische System des Kindes eine Entwicklungsstufe, die dieses Wechselspiel mit der Mutter auf eine neue Ebene hebt. Was da geschieht, ist sehr fein. Der Säugling wird einfach fähig, den Blick der Mutter mit den Augen festzuhalten. Was die Mutter angeht, so erlebt sie zum ersten Mal ganz sicher, dass der Säugling sie wirklich anschaut. Ja mehr noch: dass er ihr geradewegs in die Augen schaut. Die Mutter kann erleben, dass sie und das Kind endlich „verbunden“ sind. Meistens können die Mütter diese Veränderung nicht benennen.
Das ist die Zeit, in der die tätigere Einbeziehung des Vaters des Kindes in die Beziehung beginnt. Wichtig wird ein weiteres Augenpaar, das dem Kind die Tür zur Welt öffnet und ihm bei der allmählichen Ablösung von der Mutter hilft. Das Kind stärkt auf diese Weise sein Ich noch mehr und kann die Dinge auch anders sehen als die Mutter. So öffnet sich dem Kind der Weg in die eigene Zukunft. Die Rolle des Vaters ist für das Kind sehr wichtig.
Eric Clapton hat die Bedeutung dieses Blicks in dem Lied „Die Augen seines Vaters“ schön ausgedrückt: „Am nächsten bin ich den Augen meines Vaters gekommen in dem Augenblick, als ich in die Augen meines Sohnes blickte“. Dieser Satz sagt uns eigentlich, dass sich auch der Vater in den Augen des Sohnes bestätigt findet.
Bis zum Ende des dritten Monats vollzieht das Kind noch einen weiteren Sprung in der Entwicklung. Das visuomotorische System ist im Grunde reif geworden. Vor allem ist seine sichtbare Welt nicht mehr auf die kurze Entfernung von 8 cm beschränkt. Die Brennweite des Neugeborenen erreicht fast denselben Umfang wie bei Erwachsenen. Der Säugling kann der Mutter folgen, während sie fortgeht, näher kommt und sich im Zimmer bewegt. Er wendet die Augen rasch, um einem Gegenstand zu folgen oder ihn im Blick zu behalten, und ebenso vermag er den Blick rasch abzuwenden, um Gegenstände scharf zu stellen.
Dieses Entwicklungsmerkmal ist außergewöhnlich, wenn wir es mit der Unreife der meisten übrigen Verständigungssysteme des Kindes und seiner Fähigkeit zum Kontakt vergleichen, etwa der Sprache, der Gesten, der Fortbewegung oder des Umgangs mit Gegenständen. Eine solche Reife der motorischen Steuerung der Blickrichtung gibt ihm größere Verfügung über das, was es sehen wird. Auf diese Weise beginnt das Kind bereits auszuwählen, was es anschauen will und was nicht. Das Kind wird zu einem wirklichen Partner.
Das gegenseitige Anschauen von Kind und Mutter und danach auch des Vaters ist wichtig für die spätere Fähigkeit, in den Gesichtern anderer Menschen zu „lesen“, aber auch für das Bewusstsein von sich selbst und vom anderen (wer bin ich für mich, wer ist der andere für mich und wer bin ich für den anderen). Das Kind findet zuerst in den Augen der Mutter und dann auch in denen des Vaters sein leibliches wie sein seelisches Ich.
Schön spiegelt das ein kurzes Gedicht der Maori wider:
Ich bin so glücklich deinetwegen.
Ich schaue auf die Schönheit deines Gesichts
und sehe ein großes Geschenk für uns beide.
In dir ist so deutlich der Abdruck
unserer wunderbaren Vorfahren,
die mit jedem ihrer Atemzüge die Zukunft erbetet haben.
(für Monika)
- Mladen Klanac
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