Wenn du groß bist, wirst du noch stärker kämpfen als heute. Und in einem größeren Boot. Und du wirst die Winde und Stürme bezwingen, die auf dich warten.
„Dem Menschen sind Freiheit und Vorbild gegeben. Die Freiheit, sich als Herr auf dem Seinen zu fühlen, frei die Wahrheit und neue Wege zu suchen. Das Vorbild, damit er zu ihm emporsteige, damit er ein Ziel habe, auf das er zugeht.“
Ivo Mašina wurde 1927 in Preko als Sohn von Ivo und Marica geboren. Er stammt aus einer kinderreichen Familie mit neun Kindern. Er lebte, wie Mladen Dorkin sagt, „für eine Welt in Freiheit, für eine Welt in Schönheit. In seinem Herzen war kein Platz für Selbstsucht, für Finsternis, Hass und Rache. Er lebte für das Ideal der Liebe und der Freiheit. In seiner Schau ist das Jesus Christus, vollkommener Gott und Mensch. Deshalb strebte er auch danach, sich selbst als vollkommenes Opfer darzubringen, das er reinen Herzens darbringen wollte für die Freiheit der Heimat, für das Recht auf Träume und auf einen Glauben, die verwirklicht werden können und müssen, und zwar als Sieg des Guten über das Böse, des Lichts über die Finsternis. Der Traum Ivo Mašinas ist der ganze und glückliche Mensch, frei in seinen Gedanken, Sehnsüchten und Bestrebungen, göttlich aufrecht in seiner Würde, in einem ebenso freien und glücklichen, in seiner Würde souveränen, stolzen Volk“.
Er besucht die Schulen in Dubrovnik und Zadar und schreibt sich schließlich 1948. in Zagreb für das Studium der Geschichte ein. In Zagreb gründet er mit seinen Kameraden aus Preko die Zeitschrift Parapet, die er redigiert. Ab 1954. arbeitet er als Absolvent der Geschichte im Staatsarchiv in Zadar. Im selben Jahr wird er verhaftet und zu 1,5 Jahren Gefängnis verurteilt. Danach kehrt er nach Zagreb zurück, um das Studium zu beenden, wird jedoch verhaftet und zu 11 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er flieht aus der Untersuchungshaft und hält sich versteckt, er flieht über die Grenze, kehrt aber zurück, weil er den verletzten Führer nicht allein lassen will. Erneut wird er zu 15 Jahren verurteilt. Wieder verbüßt er die Strafe in Stara Gradiška, wo er 1961. in der Einzelzelle nach nicht ganz einem Jahr stirbt. Seine sterblichen Überreste bleiben bis 1998. in Stara Gradiška, dann wurden sie in seinen Geburtsort Preko überführt. Ein echter Ausleger des Evangeliums, hat er mit seinem Leben und seinem Wirken Christus bezeugt; auf der Linie seiner Ideale war er kraftvoll und bewundernswert mutig, das Bewusstsein und das Gewissen seiner Zeit im Kampf um die universale Integrität des menschlichen Wesens und seines geliebten Volkes, um dessen natürliches Recht, frei und Herr auf dem Seinen zu sein in Arbeit, Schaffen, Redlichkeit, Würde und Fortschritt, in seiner menschlichen und göttlichen Sendung den anderen Völkern gleichgestellt“.
Fra Rudi Jerak, der am stärksten auf die Formung der Person Ivo Mašinas, auf seine vaterländischen und christlichen Ideale eingewirkt hat und selbst das Schicksal des Gefängnisses teilte, spricht so: „Zu Ivo, unserem Märtyrer, bete ich jeden Tag wie zu einem Heiligen. Ihm habe ich einen Rosenkranz aus dem Heiligen Land geschenkt, lange vor dem Gefängnis. Und eines Tages, als sie auch mich schlugen und dann auch Ivos Zelle öffneten, hörte ich Ivo laut protestieren: „Ihr habt kein Recht, mir den Rosenkranz wegzunehmen, und auch nach dem Gesetz habe ich das Recht, meinen Glauben zu bekennen. Sie nahmen ihm den Rosenkranz weg, und dann schloss der Wärter meine Zelle auf: „Weißt du, was das ist?“ – Ich weiß es – antwortete ich – das ist der Rosenkranz, den Sie vor einem Augenblick Ivo weggenommen haben.“ Indem ich gerade Ivo den Rosenkranz schenkte, hatte ich die Absicht, seinen Glauben zu vertiefen, denn als ein solcher wird er seinem Volk auch im politischen Kampf am meisten geben. Nachts hörte ich die Wärter kommen, die Ivo folterten, ich hörte sein Schluchzen, aber nie ein Aufschreien – so wie auch ich nie geschrien und nie geweint habe. Aber doch, ich habe geweint, als sie Ivo folterten. Ivo starb auch an der Methode des Aushungerns, am meisten aber an den Schlägen, er war ganz zerschlagen, mit gebrochenen Rippen, mit zerschlagenen Nieren …
Kennengelernt hat er ihn am Tag der ersten heiligen Kommunion auf der kleinen Insel Školjić. Alle Kinder waren vollzählig da, außer einem. In einem für einen Jungen viel zu großen Boot ruderte ein Kleiner in Weiß, der auf meinen Ruf hin ans Ufer legte, erschöpft, aber heiter: „Junge, du bist noch zu klein für diese Ruder, aber wenn du groß bist, ich sehe es, wirst du noch stärker kämpfen als heute, und in einem größeren Boot, und du wirst, ich weiß es, die Winde und Stürme bezwingen, die auf dich warten.“
In allem zeigte er die Liebe zur Familie, zum Geburtsort und zur Heimat. Diese Liebe ist mitfühlend, tief und tätig – zärtlich gegenüber Mutter und Vater, fürsorglich gegenüber den Brüdern und Schwestern, warm gegenüber der nahen Verwandtschaft und den Freunden. Der Geburtsort Preko „wird auf ewig tief in unsere Herzen eingegraben bleiben, denn diese Landschaft ist ein Teil unserer Person, ein Teil von uns selbst. Hier sind wir geboren, hier haben wir das Licht der Welt erblickt und das Leben begonnen. Wir sind aus diesem Karst gewachsen, und all das ist unser, und wir sind lebendige Teile dieser Steine und dieses Strandes und dieses Meeres. Dieser sanften Berge, – dieser Sonne und dieses Himmels, der nirgends so anziehend und schön ist.
Die Mutter – das liebste Wesen – wie auch die Heimat – ein Sinnbild der Frömmigkeit, des Friedens, der Opferbereitschaft und des Glücks, und das ist das Wesen des Lebens, das ist das, wofür er leben und sterben möchte“. Die Wärme des häuslichen Herdes, die gegenseitige Liebe und Zuneigung sind in jedem Brief zu spüren, in jedem Wort:
„Meine liebe Mutter, ich eile, Dir zu Deinem lieben Geburtstag zu gratulieren. Wie gern wäre ich jetzt bei Dir, um Dich abzuküssen und fest zu umarmen! Auch wenn Du mich nicht siehst, ich bin bei Dir, Mütterchen, und bitte Jesus um Deine Gesundheit, um Deinen Frieden und um Deinen Trost. Ich möchte Dich erfreuen!, aber ich weiß nicht womit, und so bitte ich Jesus, dass er Dir seine Freude sende. Ich werde an Deinem Geburtstag die Kommunion empfangen; ich weiß, dass Dir das ein liebes Geschenk sein wird. Ich bin gesund, und es geht mir gut; der Frühling ist schon gekommen, und so bin ich irgendwie wie neugeboren. Zu Ostern kann ich leider nicht nach Hause kommen, aber auch der Sommer ist nicht so fern. Ich lerne. Jetzt habe ich mich für das letzte Semester des Studiums eingeschrieben, sodass ich im Juni das Absolutorium erreichen werde. Das heißt, dass ich mit dem Hören der Vorlesungen fertig sein werde. Ungefähr ein Jahr danach werde ich – so hoffe ich – das Diplom machen und so das Studium und all diese Mühsal abschließen. Es besteht Aussicht, dass ich am Ende Zadar bekomme, was mir lieb wäre, auch deshalb, weil wir dann nahe beieinander wären. Meine liebe Mutter, ich weiß, dass Du viele Sorgen hast, aber überlass sie jetzt den Jüngeren, und Du warte auf bessere und schönere Tage, die nicht so fern sind. Freilich, wir werden noch vieles durchmachen müssen, aber nach jedem Kalvarienberg folgt die Auferstehung. Blick heiter nach vorn, Mütterchen, und fürchte Dich nicht um uns – um Deine Kinder, denn Du hast uns gelehrt, den Weg zu gehen, der das Leben verheißt. Dafür sei Dir tausendmal Dank, und Gott segne Dich! Ich küsse Dir die Stirn und die Hände, Mütterchen.“ Dein Ivo
„Meine liebe Mutter, ich schreibe Dir einen frohen Brief zu Weihnachten. Weine nicht, dass ich nicht da bin. Um mit Davor die Krippe und den Baum zu schmücken. Hier, in meinem Herzen, habe ich einen großen, goldenen Baum und eine Krippe für das Jesuskind gemacht. Der Gerechte wird in das Herz des Gerechten kommen, denn so hat er es gesagt. Alle Glocken läuten in meinen Fasern, meine Seele ist eine singende Nachtigall im Strauch. Danke, Mütterchen, für dieses Gefühl, das alle Gefühle übersteigt. Dank sei Dir und der Gnade. Denn es gibt keine erhabenere Idee als die Idee der Liebe. Sieh, die Liebe wird der Welt geboren, sieh, die Liebe wird in mir geboren. Was kann mir mein Feind antun, wenn ich ihn liebe? Mein Kreuz ist süß und meine Last ist leicht, so leicht, dass ich sie gar nicht anders empfinde als Glück. Wie also solltest Du um Deinen Sohn traurig sein? Freu dich mit mir, denn es steht geschrieben: Eure Trauer werde ich in Freude verwandeln, die Seufzer in Jubelrufe, eure Tränen in Lachen. Hier bin ich, in der Stube, neben dem Baum, und singe. Es brennen die Kerzen am Baum, und ihr Widerschein in Deinen Augen. Es brennt das Licht Christi in uns. Die Finsternis hat die Fackel der Liebe zerstreut, denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn auf die Erde gesandt hat, damit er leide und sterbe. Gibt es ein größeres Beispiel der Liebe, kann die menschliche Phantasie sich ein ähnliches Beispiel ausdenken? Das leuchtende Beispiel Christi steht wie ein Leuchtturm vor uns. Lasst uns lieben, damit wir heute Nacht glücklich seien in der Gegenwart unseres Herrn, indem wir sein ganzes Gebot erfüllen. Und seine Gnade sei über uns. Wenn wir diese zwei haben – die Liebe und die Gnade – sind wir reich genug und suchen nichts weiter. Freu dich, Mütterchen, an diesem Weihnachtsfest und weine nicht, dass ich nicht da bin, um mit Davor die Krippe und den Baum zu schmücken. Hier, in meinem Herzen, habe ich einen großen, goldenen Baum und eine Krippe für das Jesuskind gemacht. Der Gerechte wird in das Herz des Gerechten kommen, denn so hat er es gesagt. „ (Geschrieben im Kerker – Zagreb, Đorđićeva, Kreisgericht – vor Weihnachten 1954.)
„Meine liebe Mama. Ich weiß, dass der Frühling wie immer in Deinen Garten und in unseren Hof gekommen ist, und das heißt – da ist auch Dein Geburtstag! Deine Zeit, liebe Mama, erfüllt von Schmerz und von Tapferkeit! Deine Jahre, in denen wir gewachsen sind, Deine wunderbare Gestalt, über die wir niemals hinauswachsen werden! So sehe ich Dich, und so wirst Du bleiben. Am Sonntag ist Dein Geburtstag. Ich habe auch Dein Bildchen bei mir, Du bist immer bei mir. Ich habe auch Kekse, jene kleinen Würfel, sehr feine, und Bonbons aus dem Paket. Ich werde mich auf Deine Rechnung bewirten und Dir mit Limonade zutrinken (Du magst sie gern) statt mit Wermut. Ich hoffe, dass Du jetzt auch für Dein Enkelkind ein wenig Zeit findest und nicht bloß im Garten herumwerkelst, und ich hoffe auch, dass Dein Garten ebenso üppig ist und dass alles schön blüht. Ich denke an Deine Gesundheit und daran, ob Du außer jenen Deinen wässrigen „Spezialitäten“ noch etwas essen kannst. Bei mir gibt es keinerlei Neuigkeiten. Ich bin gesund, und es geht mir gut. Ich lese, spiele Schach, schlafe gut und träume manchmal: gewöhnlich vom Meer, von Dampfschiffen und von Fischerbooten. Vor kurzem ist mir die Brille zerbrochen, und so erwarte ich, dass Ihr mir jene andere Brille schickt, die ich vom Militär mitgebracht habe. Ich wünsche Dir alles Gute, liebe Mama, zu Deinem Geburtstag, vor allem aber Gesundheit, Frieden und Gottes Segen. „ Dein Ivo
Von früher Kindheit an lebte er vom Evangelium beseelt und wuchs in einem harmonischen patriarchalischen Haus auf, in dem sein Vater das Leben eines Menschen „mit offener Hand, mit offenem Herzen für jeden“ führte:
„Vor fünf Jahren, an diesem Maitag, ist mein Vater gestorben. Ich erinnere mich: Er war die Güte selbst. Sein Blick war so sanft und edel, sein Lächeln war immer heiter und zärtlich. Obwohl er hätte reich werden können, war er lieber ein armer Mensch mit offenem Herzen für jeden. Noch heute begegnen mir fast völlig unbekannte Menschen und rühmen ihn, seiner gedenkend, wie einen Heiligen. Er ist ganz Preko und der Umgebung in bester Erinnerung geblieben. In meinem ersten Schulaufsatz habe ich meinen Abschied vom Vater zu Beginn des Schuljahres beschrieben, als ich mit dem Dampfschiff in die Stadt fuhr, um zu lernen. Damals umarmte er mich und sagte: „Lerne, mein Sohn, und sei ein Mensch!“ Ich schrieb das, während ich im Geist lebendig meinen guten Papa vor mir sah, wie ich ihn auch heute sehe: seine edlen Augen, seinen Optimismus, die Freude und den Ernst in seinem Gesicht. Ich wusste nicht, dass ich ihn nicht mehr wiedersehen würde. Ich war damals 17 Jahre alt, als ich ohne Vater blieb. Es waren schwere Kriegstage. Es war Mai, und ich weiß, dass ich an jenem Tag in mein Tagebuch schrieb, wie die Mairosen für meinen Papa aufgeblüht waren. Die Erde hatte ihr schönstes Kleid angelegt, um sein gutes Herz in sich aufzunehmen. Wir waren fern (Ivo war in Zagreb), getrennt, Vater, als Du uns verließest. Mir hat die Mama erzählt, wie Du uns verlassen hast. Sie – unsere Dulderin – hat gelitten wie Du. Sie weinte, während sie mir von Dir erzählte, und ich mit ihr – obwohl ich sie trösten wollte. Sie weinte und wollte mir unter Tränen Deinen letzten Blick zeigen, den Du auf sie gerichtet hast. Einen Blick voller Schmerz. Es schmerzte Dich, dass Du sie und uns alle allein lassen musstest. Aber dieser Blick wollte, da ich Dich kenne, gewiss noch sagen: „Sei tapfer, Maria! Seid tapfer, Kinder!“ Mein Vater, auch wir werden zu Dir kommen. Wie wunderbar ist dieser unser Glaube, den Du uns gelehrt hast und der uns verheißt, dass wir zu Dir kommen werden, dass wir beisammen sein werden. Und bis dahin – möge der gute Gott geben, dass Deine Kinder ein solches Herz haben, eine solche Sanftmut, eine solche Liebe in den Augen wie Du – unser Papa.“
„Ich habe immer gern geschrieben – schon als Junge. In den frohesten Augenblicken meiner Jugend schrieb ich frohe Worte voller Begeisterung. Und wenn mein Herz traurig war – schrieb ich und weinte ganze Nächte hindurch. Dann brachte mir die Morgenröte Erleichterung und – einen neuen Tag. Schon lange überlege ich, wie ich dieses Tagebuch beginnen soll, und finde im Chaos meiner Gefühle und Gedanken weder Kopf noch Schwanz. Aber gerade das ist es, was mich zum Schreiben zwingt. Schließlich muss der Mensch, wenn er vernünftig und redlich leben will, sich auch sammeln, wenigstens für einen Augenblick zu sich kommen, um die Lage, in der er sich befindet, und den Weg, den er geht, genau beurteilen zu können. Ich habe bemerkt, dass mir meine Tagebücher dabei ein wenig geholfen haben. Meine innersten und allerinnersten Gefühle und das Problem des Aufbaus der eigenen Person müssen in diesem Tagebuch das Erste sein. Von nun an will ich durch es – durch mein persönliches Tagebuch mich selbst kontrollieren, will versuchen, meine Fehler wie auch meine Tugenden genau zu beurteilen und gegen die ersten zu kämpfen und die zweiten zu veredeln. Mein Tagebuch wird mir immer zu sagen wissen: Das hast du dir zur Aufgabe gemacht, das hast du erfüllt, das nicht – hier hast du verloren, und hier hast du die Schlacht gewonnen. Und nur so werde ich im Aufbau meines Charakters vorwärtsgehen können …“
„Wann immer ich in mich schaue, in mein Inneres (und ich tue das oft, denn ich will mich selbst möglichst gut kennenlernen), stoße ich immer auf etwas Neues. Dieses Neue wächst und gerät in Konflikt mit dem Alten. Ich fühle, dass ich ein Drama bin. Ein Drama, über dem sich der Vorhang auch dann nicht senkt, wenn ich schlafe. Etwas weckt mich mitten in der Nacht oder im Morgengrauen, und ich fühle mich als neuer Mensch. Und wenn ich nun auf mein vergangenes „Ich“ schaue, sehe ich die Stromschnelle eines Flusses, der ungestüm dahinfließt und in jeder Sekunde anders und neu ist. Jeden Tag stehe ich vor dem Rubikon, und jeden Tag werfe ich den Würfel. Diesmal werfe ich ihn vor Euch.
Was soll ich mir zu meinem zwanzigsten Geburtstag sagen? Ich habe keine Worte. Ich schweige nur und fühle, wie in mir das Blut siedet – das Blut des zwanzigsten Sommers. Träume, meine Träume! Wir laufen in den Hafen ein. Wir sind ihm immer näher. Im dritten Jahrzehnt werden meine Träume Wirklichkeit werden. Wir haben die erste Jugend hinter uns gelassen und gehen kühn ins Leben. Ich werde unermüdlich zu meinen lieben Sternen emporsteigen … Wie ein neuer Kolumbus werde ich neue Welten erobern. Der erste Stern wird in Freiheit erstrahlen. Mein Kroatien! Der zweite Stern wird in der Wärme und der Liebe des eigenen Herdes erstrahlen. Und der dritte Stern, der schon jetzt glänzt, wird noch heller leuchten. Am Kreuz das traurige Antlitz Christi! Und was brauche ich mehr? Ich habe alles. Wie ein Wanderer aus fernen Ländern werde ich alle Müdigkeit und alles Leid mit mir tragen, dem ich auf dem Weg begegne. Und ich werde das Leben zu schätzen wissen. Denn es ist so viel wert, wie seine Ideale wert sind. Ich liebe das Leben und werde es niemandem geben. Und deshalb, weil ich das Leben liebe, werde ich eher fallen, als dass ich den Nacken beuge und – ein Affe werde. Weil ich das Leben liebe, das Er mir gibt, werde ich nicht sterben. Das Leben – das ist die Ewigkeit, und die Ewigkeit ist in Ihm.
Auch wenn ich vorläufig das offizielle Aufstehen auf 4 Uhr gelegt habe – so heißt das doch nicht, dass ich wach im Bett liegen bleiben muss, wenn ich zufällig früher aufwache. Der Grundsatz lautet: 1. Aufstehen, sobald du aufwachst 2. Gewissenhaft und fleißig lernen 3. Nicht faulenzen und keine Zeit vertrödeln 4. Sich täglich über das Tagebuch kontrollieren. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass ein starker und fester Charakter die Frucht eines unaufhörlichen und mühsamen Kampfes des jungen Menschen mit sich selbst und mit hundert „objektiven“ Schwierigkeiten ist. Ich bin mir auch dessen bewusst, dass der Erwerb von Wissen meine erste und größte Aufgabe ist, denn nur so werde ich imstande sein, zur Verwirklichung meiner Ideale einen möglichst großen Beitrag zu leisten. Von nun an will ich danach streben, dass jeder Monat in meinem Leben ein Ganzes für sich ist. Jeder Monat soll seinen Wahlspruch, sein Programm, seine Verpflichtungen haben. Ich will versuchen, auch eine monatliche Rubrik anzulegen, in der ich die Ergebnisse über mich selbst und über meine Arbeit festhalte, und so könnte ich auch die Ergebnisse der einzelnen Monate vergleichen. Dieses Tagebuch wird mir dabei, dessen bin ich sicher, helfen, wenn ich mich nur folgerichtig durch es kontrolliere …“
Je mehr er über die Verhältnisse in der Welt nachdachte, über die Gesellschaft, in der er lebte, über die Umgebung, in der er sich bewegte – desto mehr kam er zu dem Schluss, dass der Weg, auf dem ihn der Glaube und das Christentum führen, der einzig richtige Weg ist „und dass ich Gott wahrhaft unaussprechlich dankbar sein muss für die große Gnade, die er mir gegeben hat, dass ich als Christ geboren wurde und dass es mir bei allen Erschütterungen dennoch gelungen ist, in meiner Seele den Glauben an Jesus Christus, den Glauben an Gott und die Ideale des Evangeliums zu bewahren“, die ihm einen wirklichkeitsnahen Blick auf die Welt und auf die Menschen gaben, denen er begegnete: „Mit Euch Kommunisten ist es überhaupt schwer zu reden. Alle Revolutionäre besitzen auch ein gewisses Maß an Unduldsamkeit, und ohne Duldsamkeit ist ein normaler Austausch der Gedanken unmöglich. Ich habe in unseren Gesprächen bemerkt, Genosse, dass Ihr persönlich – obwohl vielleicht ein glänzender Kommunist – ein Mindestmaß an Unduldsamkeit besitzt. Eine ungerechte Gesellschaft misst mit ungerechtem Maß, eine gerechte aber – mit gerechtem und einsichtigem“.
Und immer wieder beginnt er von Neuem – „Amici diem perdidi“, indem er den jungen römischen Kaiser zitiert. „Genug der übertriebenen Sanftmut! Ich muss rau und grausam sein, um gut sein zu können (Hamlet). So ist die Zeit heute. Aber ich muss vor allem gegen mich selbst dreist sein und Fehler und Laster ausrotten. Lieb war ihm der Satz aus dem Evangelium: „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben.“ Alles interessiert ihn: von den Verhältnissen in der Welt- und in der heimischen Politik bis zum Fußball, zum Skifahren, zu den Filmen, zu den sozialen Verhältnissen, zur Geselligkeit und zum Essen. Deshalb ist er nicht allein. Um ihn herum sind unzählige Menschen. Bei häufigen Gelegenheiten verfasst und trägt er Trinksprüche vor, den sogenannten „Spatz“, in denen er oft auf Kosten der Anwesenden zu scherzen wusste.
Im Grund seiner Person liegt vielleicht der Wunsch, das Ideal der Menschlichkeit und des Glaubens zu leben: „Ja, wir Menschen sind deshalb oft mit uns selbst unzufrieden, weil wir uns damit begnügen, das zu sein, was auch alle gewöhnlichen Menschen sind, weil wir nicht mit ganzer Kraft und mit ganzem Willen nach großen Zielen streben mögen. Das macht aus uns „kleine Menschen“, es erzeugt in uns das Gefühl der Minderwertigkeit und der Kleinmütigkeit, und alles wird mit der Redensart gerechtfertigt: Die anderen sind auch nicht besser. Als kleiner Mensch kannst du alles tun, was auch die anderen tun. Wenn du aber ein Großer werden willst – gibt es viel Arbeit, vieles, sehr vieles ist verboten, und es braucht viel Anstrengung … Und davor fürchten wir uns. Dann trösten wir uns: Man müsse nicht ehrgeizig sein, am besten sei es, ein kleiner, gewöhnlicher Mensch zu sein: schlicht und bescheiden. Nein! – „Ou Chateaubriand ou rien“ („Entweder Chateaubriand oder nichts“). So hat es der kleine Victor Hugo geschrieben. Auch er hätte ein bescheidener, schlichter kleiner Mensch sein können. Aber er wollte Chateaubriand sein und wurde Victor Hugo. Oh, Victor Hugo, heute Abend habe ich Eure Seele betrachtet! Wie nahe sind einander unsere Seelen, die Liebe, die Güte, das Vergeben! Das schafft der Mensch, und das allein kann auch eine schönere, bessere, gerechtere Gesellschaft schaffen. Nichts wünschte ich mehr als dies: den Menschen und mir die Wahrheit zu erschließen, eine Wahrheit, die die Menschen und ihre Gesellschaft bessern wird. Nichts wünschte ich mehr, als eine solche Wahrheit zu schreiben. Man muss es nur wollen. Man muss eigentlich die Stirn heben, wir müssen unermüdlich arbeiten, man muss sich mühen, man muss beständig nach großen Verwirklichungen streben – um zu Chateaubriand zu gelangen. Wirst du das tun, Ivo? Ja, ich will. Entweder Hugo oder nichts.
In der Frau sah er, wie auch in der Heimat, jenes, man kann es so nennen, Vermögen des Herzens, sofern die Frau es lebt und dadurch zur wahren und echten Freiheit und zum Glück führt: „Ich eile – wenn auch mit großer Verspätung – ich eile, damit Dir dieses weiße Blatt so bald wie möglich meine aufrichtigen Glückwünsche zu Deinem Geburtstag bringt. Was soll ich Dir alles sagen, was soll ich Dir am schönsten wünschen? Ich wünsche Dir Glück! Jenes wahre, jenes echte Glück, nach dem – im Grunde – alle Menschen sich sehnen und das dem Herzen keine Unruhe bringt, sondern Frieden und Zufriedenheit. Du bist ein goldenes Mädchen in Deiner Erscheinung – ich wünsche, dass auch Dein Herz golden sei. Du bist nicht leichtsinnig (das weiß ich aus Erfahrung, und das freut mich) – ich wünsche, dass Deine Besonnenheit immer der Steuermann Deines Herzens sei. Denn nur das ist der Weg zum Glück: besonnen auf es zuzugehen. Ich wünsche Dir noch vieles, was ich Dir sagen könnte, wenn Du hier neben mir wärest, so aber – auf dem Papier – kämen nur sinnlose Worte heraus. Und ich habe an jenem Tag an Dich gedacht, obwohl ich nicht wusste, dass Du Geburtstag hast. Ich wusste, dass Du einen Brief bekommen wirst. Ich dachte damals auch an meine gute Mama, die tags darauf ebenfalls ihren Geburtstag feierte. Ich sage Dir …, in meinem Herzen gibt es nichts, was mir so nahe wäre wie Du und meine Mama. Das ist es, was ich von nun an Heimat nenne, denn gerade darin liegt ihr Wesen. Das ist es, was ich am meisten liebe und wofür ich leben und sterben möchte. Ja, ich wünsche Dir noch etwas. So schön möge Deine Seele sein, wie Du es bist … An der Frau ist es, sich zu entscheiden. Ihr fällt das leichter als uns. Wenn die moderne Technik und der Fortschritt verlangen, dass die Frau die Familie verlässt – dann halten wir einen solchen Fortschritt auf, denn das ist ein Fortschritt in die Katastrophe und ins Böse. Mögen uns die Mädchen wirklich Mädchen sein, mögen uns die Frauen wirklich Mütter sein. Denn die Welt kann nicht ohne Herz leben. Nur sie können der Welt das bringen, was sie nicht hat, woran es ihr am meisten mangelt: Liebe und Wärme. Und ihnen fällt es leichter, sich dafür zu entscheiden, als es uns fällt, „rettende Ideen“ zu ersinnen, denn das liegt beständig in ihrer Natur, und deshalb sind „sie dem Guten näher als wir.“
Und zum Schluss bringen wir einen poetischen Brief an die Seinen über die im Gefängnis verbrachten Tage, wo er jeden Tag die Messe betete, die er auswendig konnte. In allem, auch im Gitter der Gefängniszelle, sah er einen tieferen Sinn und die Fülle des Lebens und erwartete es in jedem Augenblick und an jedem Ort: „Meine Lieben. Mir scheint, dass heute Gründonnerstag ist, vielleicht aber auch nicht, vielleicht irre ich mich. Ja, so ist das, wenn ein Mensch ohne „richtigen Kalender“ ist, und das Osterfest ist ohnehin launisch, denn es richtet sich nach dem Mond statt nach der Sonne. Aber morgen werde ich es wissen: Wenn Karfreitag ist, dann wird man die Glocke von der Kathedrale nicht hören, deren Läuten jeden Tag diese armen Eisengitter so überlegen bezwingt und deren schwermütiger Klang jeden Winkel auch dieses Zimmers erfüllt wie Weihrauchduft, wie ein Balsam des Friedens. Eisen und Eisen. Die Glocke von der Kathedrale und das Gitter am Fenster. Und während die Glocke singend wächst und immer größer wird, sehe ich, wie das schwindsüchtige Gitter mit jedem Tag noch mehr verdorrt. Drei Tage lag Jesus Christus tot im Grab, und am dritten Tag ist er auferstanden. Deshalb schaue ich jeden Morgen, seit diese heiteren Frühlingstage angebrochen sind, durch die Gitter in die Sonne, die siegreich am blauen, klaren Himmel scheint, ich lache ihr zu und sage ihr guten Tag, mein Herr, bitte, treten Sie ein in dieses Zimmer, es macht nichts – es geht auch durch die Gitter: Wer kann Sie aufhalten, wo Sie doch, mein Herr – die Sonne sind. Und sie tritt ein in breiten Wasserfällen, in Strömen von Licht, in meine kleine Wohnung, die so natürlich nicht das ist und nicht das sein kann, was die Menschen gewöhnlich „Gefängnis“ nennen. Und so kommen die Sonne und ich ins Plaudern, und sie streichelt mir dabei (was mir sehr komisch vorkommt) den Kopf und legt die Hände auf meine Schultern. So umschlungen, ich und meine Sonne, werden wir am Ostermorgen den Psalm der Auferstehung singen: „Ich bin auferstanden und bin bei Dir. Halleluja!“ Jetzt fällt mir ein: Wie erbärmlich wird in jenem Augenblick erst dieses mein Gitter am Fenster aussehen, wenn die Sonne und das Läuten der Osterglocken im Triumph durch seine Öffnungen eintreten, und so tut mir mein armes Gitter immer mehr leid. Deshalb schaue ich jetzt so vom Tisch aus (und draußen ist es dunkel, denn das Abendessen ist schon vorüber) und denke: Schäme dich nicht, kleines Gitter, dass du ein Gitter bist! Quäle dich nicht, steh nur fest! Auch du erfüllst deine Pflicht, so erfülle sie redlich und treu. Es ist nötig, kleines Gitter, dass wir gemeinsam die Weisheit Gottes preisen, dass wir zusammen mit der Sonne jenes Kreuzesholz auf der Höhe von Golgota preisen und den großen Stein, der sein Grab verschloss. Denn nur durch das Kreuz ist das Heil gekommen und nur durch das Grab – die Auferstehung. Euer Ivo
- Mladen Klanac
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