Ennio Morricone: „In der Liebe wie in der Kunst ist die Beständigkeit alles“
Der Komponist Ennio Morricone, der zu Lebzeiten berühmte und wunderbare Melodien geschaffen hat, starb am 6. Juli 2020. Geboren wurde er am 10. November 1928 in Rom, wo er auch sein ganzes Leben verbrachte.
Seine Frau Maria Travia wurde 1932 in San Giorgio di Gioiosa Marea (Messina – Sizilien) geboren, in der letzten Nacht des Jahres, am 31. Dezember. Schon 1933 zog ihre Familie jedoch nach Rom, wo Maria aufwuchs. Sie war eine Freundin von Adriana, Ennios Schwester.
Unmittelbar vor seinem Tod hat er sie schriftlich als diejenige genannt, der er alles anvertraut hat: „Zuletzt, aber nicht als Letzte, Maria. Hiermit erneuere ich die außergewöhnliche Liebe, die uns zusammengehalten hat, und es fällt mir schwer, dass ich sie verlassen muss. Am schmerzlichsten ist der Abschied von ihr.”
Er und Maria heirateten am 13. Oktober 1956 in Rom und bekamen vier Kinder: Giovanni, Marco, Alessandra und Andrea. Während all der Ehejahre war Ennio Morricone tief in seine Frau verliebt, der er ergeben und treu war. Für einen berühmten Menschen in der heutigen Welt ist das ein außergewöhnliches Zeugnis.
Wir können wirklich sagen, dass sie wie die Filmmusik seines Lebens war, denn wie im Film ist es die Musik, die das Spiel der Hauptfigur trägt, unterstreicht und veredelt. Maria war als Gefährtin für Ennio die Filmmusik der Gegenwart, der Kraft und der Fürsorge. In dem Buch Jenem Klang folgend hat Ennio Morricone die Geschichte bestätigt, dass ihm die Eingebung für die berühmte Melodie "Se telefonando", ein Lied, das Morricone 1966 schrieb und das ein riesiger Erfolg wurde, kam, während er mit seiner Frau in der Schlange stand, um die Tankrechnung zu bezahlen. Das Ewige zeigt sich sogar zwischen den Rechnungen, die wir bezahlen müssen, wenn wir im geliebten Gesicht erkennen, dass es aus Liebe zu uns spricht. Die Liebe ist das Echo der unsichtbaren Ewigkeit.
Vielleicht ist Morricones so mächtige musikalische Begabung aus einer Liebe erwachsen, die starke und tiefe Wurzeln hatte. Er erinnert sich an einen schönen Brauch der Familie, bei dem er als Kind oft einschlief – er hörte der Mutter zu, die den Rosenkranz betete, während in ihrer unmittelbaren Nähe während des Zweiten Weltkriegs die Bomben fielen. In dieser Erinnerung sehen wir die Verflechtung von Wort und Klang, vielleicht den Keim jener Neigung zu einer Musik, die eine Geschichte begleitet und sie bereichert. Um eine Filmmusik zu schreiben, muss man sicher sein, dass sich der Handlungsbogen der Geschichte von Anfang bis Ende entfaltet und am Ende seine endgültige Auflösung findet. Ähnliches geschieht im Eheleben, in dem man sich einem anderen Menschen vor Gott "für immer" verspricht, ohne dabei auch nur den Augenblicken der Ungewissheit oder des Dramas ausweichen zu wollen.
Maria war seine Inspiration. Als Morricone im Jahr 2007 den Ehrenoscar für sein Lebenswerk erhielt, sagte er: "Diesen Oscar widme ich meiner Frau Maria, die mich sehr liebt, und ich liebe sie ebenso, sodass dieser Preis auch ihr gehört." Ähnlich äußerte er sich 2016 bei der Verleihung des Oscars für die Filmmusik zu The Hateful Eight von Quentin Tarantino, als er seiner Frau dankte: "Ich widme den Preis meiner Frau Maria, meiner Mentorin.”
“Maria ist diejenige, die als Erste ihr Urteil über jedes Werk abgab, vor allen anderen. Zuerst hörte meine Frau alle Möglichkeiten an. Dann gab sie mir ihre Meinung: „Behalte das; wirf das weg. Ennio, das ist nichts Besonderes.” Sie hat kein technisches Wissen über Musik, aber sie hat denselben Instinkt wie das Publikum. Von dem Augenblick an, als Maria begann, mir ihre Kommentare und ihre Kritik zu geben, hatten die Regisseure am Ende ausschließlich die beste Musik, die sie schon zuvor gutgeheißen hatte.”
In diesen Worten spürt man die große Liebe zu einer Frau, die es ihm ermöglicht hat, seine Begabung ganz zu entfalten, indem sie sich um die Familie kümmerte und zugleich einen schöpferischen Beitrag zu der Musik leistete, die Morricone komponierte. Maria Travia war die Textautorin des Liedes in Cinema Paradiso und hat mit ihrem Mann einen Teil der Filmmusik in Spiel mir das Lied vom Tod bearbeitet.
Musik: Ennio Morricone
Text: Audrey Stainton Nohra und Maria Travia
Gesang: Andrea Bocelli
I woke and you were there
Beside me in the night
You touched me and calmed my fear
Turned darkness into light
I woke and saw you there
Beside me as before
My heart leapt to find you near
To feel you close once more
To feel your love once more
Your strength has made me strong
Though life tore us apart
And now when the night seems long
Your love shines in my heart...
Your love shines in my heart
In einem Interview für den Corriere della Sera war er sehr deutlich, als man ihn fragte, wie er 70 Jahre lang mit derselben Frau leben könne: „Diese Frage müssten Sie meiner Frau stellen. Mit jemandem zu leben, der meinen Beruf ausübt, ist nicht leicht. Militärische Disziplin und Konzentration. Strenge Zeitpläne. Ganze Tage des Komponierens, ohne jemanden zu sehen. Niemand durfte das Arbeitszimmer betreten außer ihr. Das war ihr besonderes Vorrecht. Wenn ich arbeite, stehe ich unter Druck, bis ich fertig habe, was ich tun muss. Das kann für die Menschen um mich herum schwer sein. Maria hat mich genau so angenommen und unterstützt.”
“Ich bin vor allem mit mir selbst anspruchsvoll und dann auch mit denen um mich herum. Sonst würden die Ergebnisse nicht kommen. Der Erfolg kommt gewiss aus der Begabung, aber noch mehr aus der Arbeit, aus der Erfahrung und, ich wiederhole es, aus der Treue. Zur eigenen Kunst ebenso wie zur eigenen Frau. Mir selbst habe ich die Regel gesetzt, immer mein Bestes zu geben. Auch wenn es mir nicht jedes Mal gelingt, das zu erreichen, was ich möchte.”
Ich wache früh am Morgen um 4:00 Uhr auf. Jeden Morgen kämpfe ich mit der Trägheit, aber am Ende stehe ich immer auf. Das ist die einzige Lösung – früh aufstehen, dann Dehnübungen und Zeitunglesen, um auf dem Laufenden zu sein, was in der Welt geschieht. Danach schließe ich mich im Studio ein und arbeite. Gewöhnlich nutze ich den Nachmittag zur Erholung, wenn ich nichts zu tun habe, aber auch heute habe ich immer noch so viele dringende Termine. . . . Am Abend mache ich Übungen, jeden Tag. Alles in allem absolviere ich etwa fünfzig Übungen, zusammengefasst in Dreierserien. Auf diese Weise habe ich die Leistungsfähigkeit meiner Gelenke überprüft und war glücklich, als ich merkte, dass mein Körper gut reagiert. Man muss sich um all diese praktischen Dinge das ganze Leben lang kümmern, wenn man nicht als steifer Greis enden will.
Die Familie war in den letzten Tagen im Krankenhaus bei ihm. Bis zuletzt blieb er klar bei Bewusstsein, er konnte noch mit seiner Frau sprechen. Es ist geheimnisvoll und ergreifend, dass ihre Liebe in Wahrheit ebenfalls in einem Krankenhaus begonnen hat. Sie gefiel ihm von Anfang an, doch was sie wirklich zusammenführte, war ein unglückliches Ereignis: Sie verunglückte mit ihrem Vater bei einem schweren Verkehrsunfall und kam dann ins Krankenhaus, vom Hals bis zur Taille in Gips gelegt.
In dieser Lage gewann Ennio, der ihr nahe blieb, ihr Herz: „Sie hatte große Schmerzen. Ich blieb in ihrer Nähe. Und so habe ich sie Tag für Tag, Tropfen für Tropfen, dazu gebracht, sich zu verlieben. In der Liebe wie in der Kunst ist die Beständigkeit alles. Ich weiß nicht, ob es die Liebe auf den ersten Blick oder eine übernatürliche Eingebung gibt. Ich weiß, dass es die Beständigkeit gibt, die Folgerichtigkeit, den Ernst und die Dauer. Und natürlich die Treue.” Auf gewisse Weise beginnt jedes wahre Versprechen der Liebe "im Krankenhaus" des Lebens, das heißt mit dem gegenseitigen Eingeständnis, dass beide Eheleute zerbrechlich und schwach sind und doch bereit, Hand in Hand durch das Leben zu gehen.
Im Leben Ennio Morricones gab es nicht nur die Musik. Der Komponist war vor allem ein leidenschaftlicher Mensch. Er liebte den Fußball, das Schach, die Freunde und die Familie.
Über die Rolle der Musik im Film erinnert er sich an das, was ihm sein Freund Gillo Pontecorvo sagte:” Hinter jeder Filmgeschichte steht eine wirkliche Geschichte. Die Musik muss einen Weg finden, den Wert dieser verborgenen Geschichte hervortreten zu lassen. Die Musik “hilft den Gefühlen, begrifflich zu werden, und den Begriffen, gefühlvoll zu werden ”, wie Pasolini zu sagen pflegte.”
“Ich schreibe nicht für den Erfolg. Ich schreibe für mich. Wenn ich schreibe, kann mir niemand helfen, denn wer schreibt, hat etwas Persönliches zu sagen. Die Musik verlangt, dass du zuerst in dich hineinschaust und dann das ausdrückst, was in der Partitur und in der Aufführung ausgearbeitet ist.”
Besonders hob er die Idee der dynamischen Unbeweglichkeit hervor, das heißt jener fast unsichtbaren Energie, die gerade dadurch wahrnehmbar und gegenwärtig wird, wie zum Beispiel beim Tänzer, wenn die Bewegung innehält und sich dann in der Darbietung neue Energie freisetzt. Ähnlich wie bei den Christen, die den Glauben nicht öffentlich bekennen konnten. Die dynamische Unbeweglichkeit ist der innere Glaube ohne äußere Zeichen, ein Bewahren, das mit der Zeit zur Verwandlung führen wird.
“Die Klänge also, denen ihr nachjagt, hängen nicht nur mit der Musik zusammen. In diesem Fall ist der Klang Gegenwart. . . Die grundlegende Gegenwart ist Maria und die starke Liebe, die ich für sie hege, für jene, die mich so annimmt, wie ich bin. Und das so viele Jahre lang. Unablässig hat sie mich angespornt und dazu gebracht, weiter zu schaffen.”
Er spielte leidenschaftlich Schach. Und zwar mit den großen Namen des Weltschachs. Das Schach hängt mit der Mathematik zusammen, und die Mathematik hängt mit der Musik zusammen, wie Pythagoras behauptete. Schließlich sind Musik, Schach und Mathematik allesamt schöpferische Tätigkeiten. Sie stützen sich auf grafische und logische Verfahren, die auch Wahrscheinlichkeit und Unvorhersehbarkeit einschließen: “Nun, ich würde sagen, dass das Schach gerade deshalb das beste Spiel ist, weil es kein bloßes Spiel ist. Alles steht auf dem Spiel: die Regeln der Moral, das Leben, die Umsicht und die Entschlossenheit in einem Kampf ohne Blutvergießen, die Entschlossenheit zu siegen, und zwar auf rechte Weise – durch Begabung und nicht durch bloßes Glück. Solange meine Kinder in Rom lebten, habe ich oft mit ihnen Schach gespielt. Jahrelang habe ich alles getan, was ich konnte, um ihnen meine Liebe zum Schach weiterzugeben, und mit der Zeit wurde Andrea besser als ich.”
Über alles liebte er Maria Travia, die große und einzige Liebe seines Lebens, der er das einzige Gedicht widmete, das er je geschrieben hat. Es trägt den Titel "Jenem Klang folgend" und ruft die Verbindung zwischen dem Unsichtbaren und dem Menschlichen wach, das Echo Gottes in unserem Leben und in der Beziehung zu einem geliebten Menschen, das in uns nachklingt wie eine teure Stimme:
Der Klang deiner Stimme
erreicht in der Luft
einen Unsichtbaren
und verwandelt ihn
in einen ewigen Augenblick.
Dieses Echo ist in mich eingedrungen
und zerbrach die zerbrechlichen Kristalle
meiner ungewissen Wirklichkeit
... ohne Wiederkehr.
Ich werde die Zukunft suchen müssen,
jenem Klang folgend,
und allein in der Verzweiflung des Echos,
um mich selbst zu finden.
- Mladen Klanac
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