Liebe, Liebe braucht es heute in uns
Gib, dass ich in jedem Menschen Dich sehe, gib, dass ich jeden um Deinetwillen liebe.
Ich weiß: Wenn ich nicht liebe, tue ich nichts; ich weiß: Wenn mir die Liebe fehlt, fehlt mir alles.
Miroslav Bulešić
Vorsatz aus dem Geistlichen Tagebuch von Miroslav Bulešić: „ganz eintreten, allein bleiben, anders hinausgehen“.
Zum Führer wird man nicht geboren, zum Führer wird man. In seiner ganzen geistlichen Vorbereitung auf das Priestertum hat sich Miroslav Bulešić – nach heutigen Begriffen sogar ein wenig skrupulös – über sich selbst befragt, über seine Eignung, seine Sendung, sein Ziel, seine Tugenden wie auch über seine erhabensten Sehnsüchte. All das war er bereit in Frage zu stellen, und es hätte ihm als Grund genügt, wenn es nicht mit dem Willen Gottes übereinstimmte: „Doch was mir ein Gewinn war, das habe ich um Christi willen als Verlust angesehen. Ja noch mehr: Ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen“ (Phil 3, 7-8, vgl. 1 Kor 13,3-13).
Gebet
Gott, unser himmlischer Vater,
du hast in dem Priester Miroslav Bulešić
deinem Volk einen eifrigen Hirten
und einen unerschrockenen Märtyrer geschenkt.
Stärke auf seine Fürsprache hin in uns den Glauben
und die beharrliche Geduld in den Schwierigkeiten des Lebens
und gib, dass wir uns bereitwillig einsetzen
für das Wachstum und die Einheit der Kirche.
Durch Christus, unseren Herrn. Amen.
Gebet aus dem Geistlichen Tagebuch
des seligen Miroslav Bulešić, Poreč, 2020.
Betrachtet man das Leben dieses bescheidenen istrischen Priesters aus der schwersten Zeit der Weltgeschichte, so lässt sich auf den ersten Blick vielleicht nichts von einer Führergestalt erkennen, ja es besteht sogar die Gefahr, den Fall des Martyriums dieses Zeugen des Glaubens an Christus geringzuschätzen, wenn man die misslichen Umstände von Miroslavs Leben bedenkt. Werfen wir jedoch einen genaueren Blick in die Lebensbeschreibung dieses „Riesen der Unscheinbarkeit“, so stoßen wir auf zahlreiche Züge, deren sich auch die größten weltlichen wie menschlichen Vorbilder der Führung nicht schämen müssten, wie es sich auch aus dem oben angeführten Gebet herauslesen lässt. Denkt man an sein bescheidenes Leben im heimatlichen Čabrunići, so zeigte er die Auszeichnung des leadership schon als vorbildlicher junger Mann, der von klein auf Gottes Ruf zum Priestertum spürte und ihn pflegte, so gut er es eben verstand.
Er glich wahrhaftig schon von früh auf dem Hirten selbst, oder zumindest sind uns keine gegenteiligen Angaben bekannt, und wir dürfen mit gutem Grund glauben, dass er Christus schon im Elternhaus nachgefolgt ist: „Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam; und er wuchs heran an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.“ (Lk 2,51-52). Mancher könnte sagen: Was für eine Führung ist es denn, gehorsam zu sein? Blickt man jedoch auf das Beispiel, das uns unser Erlöser hinterlassen hat, so war gerade eine solche Führung in diesem Alter nötig, wenn man an die Geschwister denkt, denen ein Vorbild zu geben war.
Hier ist ein wahres Vorbild für das heutige Geschlecht! Ohne sein Leben im Geringsten auf die völlige Unterwerfung unter den Willen Gottes und auf die Gleichgestaltung mit ihm verkürzen zu wollen, was ebenfalls großartig wäre, betone ich, dass er in jedem Augenblick seines Lebens, und nicht erst im Augenblick des Martyriums, wie viele meinen, gerade die Fülle seiner Persönlichkeit und Ursprünglichkeit verwirklichte, indem er sich Gott darbrachte, wie er selbst anmerkt: „Vorsatz: intrare toti, manere soli, exire alii. [ganz eintreten, allein bleiben, anders hinausgehen].“ In der festen Überzeugung, dass niemand zwei Herren dienen kann (Mt 6,24), zeigt uns unser Miro, dass sein einziger leader Jesus Christus ist, Gott, der König der Könige und der Herr der Herren (vgl. Offb 17,14), also der einzige Herr. Und wer wollte nicht dem folgen, der Christus so entschieden folgt?
Ein guter Führer kennt darüber hinaus sehr gut seine Pflichten vor Gott und weiß, dass er Verantwortung vor den Menschen trägt, auch wenn er noch keine konkreten Menschen in seiner Obhut hat; das kann jungen Menschen, die über geistliche Berufungen nachdenken und dabei in die Falle des Bösen geraten, der sie zu überzeugen vermag, sie seien allein, ein guter Ansporn im Kampf gegen das Böse sein. Erschrecken wir nicht vor der Wucht der Worte des folgenden Gebetes des Seligen: „Rein muss ich sein. O Gott, vergib mir, wenn ich Dich beleidigt habe. Lass nicht zu, dass ich Dich in Zukunft auch nur durch eine kleine Sünde beleidge. Gib mir ein reines Herz. Gib, dass ich heilig werde, damit ich Dir würdiger das Opfer Deines Eingeborenen darbringen und viele und viele Seelen zum Glauben bekehren kann. Gib, dass ich in jedem Menschen Dich sehe, gib, dass ich jeden um Deinetwillen liebe. Ich weiß: Wenn ich nicht liebe, tue ich nichts; ich weiß: Wenn mir die Liebe fehlt, fehlt mir alles; ich bin überzeugt, dass ich ohne die Liebe zunächst ein nicht hinreichend guter Priester und mit der Zeit auch ein schwacher werde. Darum, o Gott, gib mir Liebe, Liebe, Liebe. Gib mir ein reines Herz, damit ich Dir treu das Lob singen kann.
Als er Priester geworden war, wurde Bulešić nicht müde, greifbare Liebe zu zeigen, nun auf viel offenkundigere Weise als zuvor im Verborgenen. Diese Liebe gefällt vielleicht nicht allen auf der Gefühlsebene: „Öde und Traurigkeit! Die Menschen entfernen sich von Gott. Ich bemerke heute keine Begeisterung für das morgige Fronleichnamsfest. Die Leute lieben Vergnügungen und Tänze. Sie vernachlässigen ihre christlichen Pflichten. Die Jugend sucht nur den Genuss und übertritt Gottes Gebote. – Vater, Dein Wille geschehe. Christus, Du lebendiges Brot, herrsche Du mit Deinen Gesetzen der Redlichkeit, der Gerechtigkeit, der Liebe und der brüderlichen Eintracht. Man hat mich angeklagt, ich sei zu streng. Ich bin es nicht. Ich will, dass meine Pfarrangehörigen Dir, Gott, in allem dienen. Andere haben sich über mich lustig gemacht. Es sei Dir, Gott, zur Ehre. Andere haben mich gehasst und hatten den Willen und den Wunsch, mich zu beseitigen. Ich bin in Deinen Händen. Dein Wille geschehe. Gib mir die Kraft auszuharren. Wenn Du mein Leben willst, schone mich nicht!“[1] Wir konnten uns überzeugen, dass Miro wirklich einer von uns war und ganz normal und gesund menschlich dachte; doch am Ende des Zitats zeichnet sich sein Kranz ab, jene von Gott eingegossene Tugend, die ihn zur baldigen vollen Verwirklichung seines Traumes und seiner Sendung in jenem konkreten Augenblick der Ausweglosigkeit für viele führte. Er fürchtete sich nicht, auf den Leuchter gestellt zu werden (vgl. Mt 5,13-16).
Andererseits stellte er sich nie über das Volk, sondern hütete sich vor jeder Form von Klerikalismus und ruderte als wahrer Anführer an der Spitze desselben Bootes mit der ihm anvertrauten Herde: „Es ziemt sich, dass es in der Kirche einen solchen Hirten gibt, der – wie der heilige Paulus sagt – allen alles wird, damit in ihm der Kranke Heilung findet, der Traurige Freude, der Verzweifelte Zuversicht, der Unerfahrene Belehrung, der Zweifler Rat, der Reuige Vergebung und Trost und schließlich ein jeder das, was er zu seinem Heil braucht. […] Inmitten eines betrübten, traurigen, blutgetränkten Volkes müssen wir gute Samariter sein, die trösten, heilen, aufrichten, jede Wunde in die weiße Binde der Liebe hüllen, denn der Hass verursacht Blutungen, die Liebe aber heilt die Wunden. Liebe, Liebe braucht es heute in uns, damit wir sie durch das Wort und besonders durch die Tat weitertragen können. Ich bin am Ende. Beten wir und arbeiten wir. Gott sei Dank, dass wir so viel Arbeit haben.
Seine Sehnsucht nach dem Martyrium („Gib mir, Gott, eher den Tod, als dass ich in eine einzige Sünde der Unlauterkeit falle. – Ich wünsche, wenn es Dein Wille ist, so bald wie möglich zu Dir zu kommen. Andernfalls strafe mich, zähme mich, demütige mich!“[1]) sollte bald erhört werden. Genau zwei Monate, nachdem er diesen Wunsch mit Tinte zu Papier gebracht hatte, gewährte ihm Gott die Gnade, sich der Märtyrer leuchtendem Heer anzuschließen und damit den Weg des Kampfes gegen das Böse bis zuletzt zu erhellen. Obwohl er ihm auf dieser Erde nicht vorgesetzt war, bin ich überzeugt, dass auch der sel. Alojzije Stepinac, der Zagreber Kardinal und ein weiterer Großer in der Geschichte der Kirche bei den Kroaten, im istrischen Märtyrer einen leader sah, wie er selbst einer sein sollte, bis hin zum Vergießen des Blutes. Schließlich stellt sich die Frage: Was ist das für ein Erster, der stirbt und hinter dem nichts zurückbleibt? Die Antwort liegt paradoxerweise im zweiten Teil der Frage: Hinter ihm bleibt sehr wohl allerlei zurück; all das, wonach er sich sehnte, verwirklicht sich in der österlichen Verheißung der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus. Miroslav Bulešić beweist, dass er das Wort ganz verstanden und in sein Herz aufgenommen hat: „Warum so viel Blut im Leiden Jesu – Jesus hat all sein Blut vergossen –, und warum so viel Sparsamkeit mit dem Blut der Priester? Die Antwort ist dieselbe: Propter nimiam charitatem. Ama et fac quod vis. Non omnes capiunt istud. [Wegen der übergroßen Liebe. Liebe und tu, was du willst. Nicht alle fassen das]. […] Dem ersten Aufbegehren des Blutes stellt Christus den letzten Tropfen seines Blutes entgegen als höchsten Akt der Hingabe seines makellosen Lebens. Während die ersten niedrigen Freuden erwachen, sagt der Sohn Gottes: 'Es ist vollbracht' [Joh 19,30].“
- Mladen Klanac
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