Freundschaft ist kein geschlossener Kreis
Wenn zwei Menschen einander entdecken,… wenn sie ihre Sicht miteinander teilen, dann ist die Freundschaft geboren.
In der Freundschaft lautet die wichtige Frage: „Siehst du die Wahrheit so wie ich?“. Oder zumindest: „Liegt dir dieselbe Wahrheit am Herzen?“.
Ein Mensch, der mit uns darin übereinstimmt, dass eine Frage von großer Bedeutung ist, die anderen nicht so wichtig erscheint, kann unser Freund sein. Er muss nicht unbedingt mit uns in der Antwort übereinstimmen.
C. S. Lewis beschreibt in seinem Buch „Die vier Arten der Liebe“, das von eigener Erfahrung durchdrungen ist, die vier Grundarten menschlicher Liebe: die Zuneigung, die Freundschaft, den Eros und die Liebe zu Gott. Wir werden in diesem Artikel nur die Freundschaft kurz darstellen.
Die Freundschaft galt im Altertum als die glücklichste und vollständigste der menschlichen Lieben, als Krone des Lebens und Schule der Tugend. Im Unterschied dazu vernachlässigt sie die heutige Welt. Natürlich geben wir zu, dass jeder Mensch neben Ehefrau und Familie auch einige „Freunde“ braucht. Nur wenige schätzen die Freundschaft, weil nur wenige sie wirklich erleben.
Von der Natur des Menschen her ist sie biologisch weniger notwendig als die anderen oben genannten Lieben. Sie ereignet sich zwischen Einzelnen. In dem Augenblick, in dem zwei Menschen Freunde werden, lösen sie sich in einem gewissen Maß gemeinsam aus der Menge (der Herde). Niemand von uns wäre ohne den Eros geboren, und ohne die Zuneigung könnte niemand von uns heranwachsen, während wir ohne Freundschaft sowohl leben als auch aufwachsen können. Die menschliche Art, biologisch betrachtet, braucht sie nicht. Eine Gemeinschaft als Rudel oder Herde kann sie sogar nicht wollen und kein Vertrauen zu ihr haben. Es scheint, dass uns die Freundschaft mehr als alle anderen Lieben auf die Ebene der Götter oder der Engel erhebt.
Liebende sprechen immer miteinander über ihre Liebe. Freunde kaum je über ihre Freundschaft. Liebende stehen gewöhnlich einander gegenüber, ganz voneinander erfüllt. Freunde stehen Schulter an Schulter, in ein gemeinsames Interesse vertieft. Vor allem gilt: Der Eros ist (solange er dauert) notwendigerweise nur zwischen zweien. Aber zwei sind für die Freundschaft weit davon entfernt, eine ausreichende Zahl zu sein, und auch nicht die beste. Und der Grund dafür ist sehr wichtig. In jedem meiner Freunde gibt es etwas, das nur ein anderer Freund ganz zum Vorschein bringen kann. Deshalb ist die wahre Freundschaft die am wenigsten eifersüchtige von allen Lieben.
Zwei Freunde freuen sich, wenn sich ihnen ein dritter zugesellt, und drei, wenn ein vierter dazukommt – vorausgesetzt, der Neuhinzugekommene ist geeignet, ein wirklicher Freund zu werden. Dann können sie sagen, wie die seligen Seelen bei Dante: „Sieh da einen, der unsere Freundschaft mehren (bereichern) wird.“ Denn in dieser Art von Liebe heißt „teilen“ nicht „wegnehmen“. Jeden Freund besitzen wir nicht weniger, sondern mehr, je größer die Zahl derer ist, mit denen wir ihn teilen.
Wenn zwei Menschen einander entdecken,… wenn sie ihre Sicht miteinander teilen, dann ist die Freundschaft geboren. Im selben Augenblick finden sie sich gemeinsam in einer unermesslichen Einsamkeit wieder. Liebende suchen die Zurückgezogenheit. Freunde finden eine Einsamkeit, die mit ihnen selbst zu tun hat, jene Schranke zwischen ihnen und der Herde, ob sie es wollen oder nicht. Im Gegenteil, sie würden sie gern verringern.
In der Freundschaft lautet die wichtige Frage: „Siehst du die Wahrheit so wie ich?“. Oder zumindest: „Liegt dir dieselbe Wahrheit am Herzen?“. Ein Mensch, der mit uns darin übereinstimmt, dass eine Frage von großer Bedeutung ist, die anderen nicht so wichtig erscheint, kann unser Freund sein. Er muss nicht unbedingt mit uns in der Antwort übereinstimmen.
Die Bedingung dafür, dass wir Freunde haben, ist gerade die, dass wir außer Freunden auch noch etwas anderes wollen sollten. Die Freundschaft muss mit etwas zu tun haben, und sei es nur eine Begeisterung für etwas. Wer nichts hat, kann nichts miteinander teilen, und wer nirgendwohin reist, kann keine Weggefährten haben.
Ja mehr noch: Beim Teilen der Freundschaft werdet ihr überhaupt keine Eifersucht empfinden. Man kann behaupten, dass Freundschaften von praktischem Wert für die Gemeinschaft sind. Jede zivilisierte Religion hat in einer kleinen Gruppe von Freunden begonnen. Die Mathematik begann eigentlich, als sich einige griechische Freunde versammelten, um über Zahlen, Linien und Winkel zu sprechen. Eine kleine Gruppe von Freunden, die „der Welt den Rücken kehren“, sind die, die sie wirklich verwandeln. Ein Freund wird sich – das ist gewiss – auch als Verbündeter erweisen, wenn ein Bündnis nötig wird; er wird leihen oder geben, wenn wir es brauchen, uns in der Krankheit pflegen, für uns bei unseren Feinden eintreten, tun, was er kann, für unsere Witwen. Aber all diese guten Werke sind an sich nicht die Sache der Freundschaft. Sie sind wichtig, denn er wäre ein falscher Freund, wenn er sie nicht täte, sobald sich die Notwendigkeit zeigt. Sie sind unwichtig, denn die Rolle des Wohltäters bleibt immer zweitrangig, ja sogar ein wenig fremd, wenn sie von einem Freund kommt. Sie kann sogar unangenehm sein.
Nicht einmal die Dankbarkeit an sich bereichert diese Art von Liebe. Die Freundschaft fragt, anders als der Eros, nicht nach. Man wird der Freund eines Menschen, ohne zu wissen oder sich darum zu kümmern, ob er verheiratet ist oder nicht oder wie er seinen Lebensunterhalt verdient.
Siehst du die Wahrheit so wie ich? – das ist die eigentliche Frage in der Freundschaft.
In einer vollkommenen Freundschaft ist diese achtungsvolle Liebe, so meine ich, oft so groß und so fest gegründet, dass sich jedes Mitglied im geheimsten Teil seines Herzens vor den anderen demütig fühlt. Manchmal fragt es sich, was es da unter lauter Größeren (als es selbst) zu suchen hat. Es fühlt sich unendlich glücklich in einer solchen Gesellschaft. Besonders wenn die ganze Runde beisammen ist und jeder das Beste, das Klügste oder das Lustigste für alle mitbringt.
Die Freundschaft ist etwas, das uns fast über das Menschliche erhebt. Diese Liebe, frei vom Instinkt, frei von allen Pflichten – die eine solche Liebe dennoch freiwillig auf sich nimmt –, ist fast völlig frei von Eifersucht und ohne die Bedingung des „Gebrauchtwerden-Müssens“. Das ist die Art von Liebe, die wir uns unter Engeln vorstellen können. Haben wir hier eine natürliche Liebe gefunden, so wie die Liebe in sich selbst ist?
Die Freundschaft wird in dem Augenblick geboren, in dem ein Mensch zum anderen sagt: „Was! Du auch? Ich dachte, niemand außer mir…“. Aber der gemeinsame Geschmack, die Sicht oder der Blick auf die Wirklichkeit, der sich da auftut, muss nicht immer etwas Schönes sein. Von jenem Augenblick an können Kunst, Philosophie, Fortschritt in Religion oder Sittlichkeit sich erheben (zu Größerem). Jede wahre Freundschaft ist eine Art Absonderung (von den anderen), manchmal sogar Auflehnung.
Jede Gruppe von Freunden pflegt eine eigene „öffentliche Meinung“, die ihre Mitglieder gegenüber der öffentlichen Meinung der Gemeinschaft im Ganzen festigt. Als solche ist sie also ein Herd möglichen Widerstands. Männer, die wahre Freunde haben, lassen sich weniger leicht lenken …, von guten Obrigkeiten schwerer bessern und von schlechten Obrigkeiten schwerer verderben. Wenn es also unseren Herren – mit Gewalt oder mit Propaganda über „Gemeinschaftlichkeit“ oder durch unauffälliges Verhindern von Privatsphäre und freier Zeit – je gelänge, eine Welt zu schaffen, in der alle Genossen und niemand Freund ist, dann würden sie zwar gewisse Gefahren beseitigen, uns aber zugleich das nehmen, was fast unser stärkster Schutz vor völliger Knechtschaft ist.
Diese Gefahr ist wirklich real. Die Freundschaft kann eine Schule der Tugend sein, aber ebenso eine Schule des Lasters. Sie ist zwiespältig. Gute Männer macht sie besser und schlechte Männer schlechter. Diese Liebe hat, wie auch die anderen natürlichen Lieben, eine angeborene Neigung zu einer bestimmten Krankheit. Es ist offensichtlich, dass die Elemente der Absonderung, der Gleichgültigkeit oder der Taubheit (wenigstens in manchen Dingen) gegenüber der äußeren Welt allen Freundschaften gemeinsam sind, seien sie gut, schlecht oder einfach harmlos. Menschen, die einander langweilen, sollten sich selten treffen, während sich Menschen, die füreinander Interesse zeigen, oft treffen sollten.
Wir haben schon gesagt, dass sich in einer guten Freundschaft jedes Mitglied oft demütig gegenüber den anderen fühlt. Er sieht, dass sie glänzend sind, und hält sich für glücklich, unter ihnen zu sein. Deshalb ist auch der Schritt von der persönlichen Demut zum gemeinsamen Stolz sehr leicht getan. Natürlich liegt es an uns, eine solche Gefahr zu erkennen, denn sie ist von der Freundesliebe fast untrennbar. Die Freundschaft muss ausschließen. Vom unschuldigen und notwendigen Akt des Ausschließens bis zum Geist der Exklusivität ist es ein kleiner Schritt. Die gemeinsame Sicht, die uns zuerst verbunden hat, kann leicht verblassen.
Gerade weil sie die geistigste aller Lieben ist, ist auch die Gefahr, die ihr droht, geistiger Natur. Die Freundschaft ist, wenn ihr so wollt, engelhaft. Aber der Mensch muss sich dreifach mit Demut gürten, wenn er ohne Risiko (ohne zu fallen) das Brot der Engel essen will.
Dann ist auch die Freundschaft, wie die anderen natürlichen Lieben, nicht imstande, sich selbst zu retten. In Wirklichkeit steht sie, weil sie geistiger Natur ist, einem feineren Feind gegenüber und muss sich darum noch inständiger als jene auf den göttlichen Schutz berufen, wenn sie zu bestehen hofft. Denn bedenkt, wie schmal ihr wahrer Weg ist. Sie darf nicht zu dem werden, was die Leute einen „Verein zur gegenseitigen Bewunderung“ nennen. Andererseits: Wenn es nicht viel gegenseitige Bewunderung und dankbare Liebe gibt, dann ist es überhaupt keine Freundschaft. Kein Freund kann seinen eigenen Glanz ertragen, ohne ihn zugleich beim anderen zu sehen. Deshalb beginnen sie, den anderen höher zu schätzen als sich selbst. Weil du redlicher bist als ich, wird der eine sagen. Weil du liebenswerter bist als ich, wird der andere sagen.
Die Freundschaft ist keine Belohnung dafür, dass wir benachteiligt wären, und sie bedeutet auch nicht, einen guten Geschmack im Finden von Freunden zu haben. Sie ist das Mittel, durch das uns Gott die Schönheiten der anderen offenbart. Durch die Freundschaft öffnet Gott unseren Blick für die anderen. Sie sind, wie alle Schönheiten, aus Ihm hervorgegangen und dann in einer guten Freundschaft durch die Freundschaft selbst gewachsen. So werden sie zu Seinem Werkzeug der Schöpfung wie auch zu Seinem Werkzeug der Offenbarung. Bei diesem Fest ist Er es, der den Tisch deckt, und Er ist es, der die Gäste auswählt. Er ist es, der immer den Vorsitz führen sollte, und hoffen wir, dass es wenigstens manchmal geschieht.
- Mladen Klanac
- Zugriffe: 38






