Unsere Empfindungen stimmten immer überein, und er war mir stets Trost und Halt in allem
„Ich war gesegnet, weil ich Heilige zu Eltern hatte.“
„Der gute Gott hat mir einen Vater und eine Mutter geschenkt, die des Himmels würdiger sind als der Erde.“
hl. Theresia vom Kinde Jesu
„Zwischen unseren Eltern herrschte ein vollkommenes Einvernehmen,
auch wenn sie in manchen Ansichten auseinandergehen konnten“.
Die Tochter Céline
Die Eheleute, der heilige Louis Martin (1823 – 1894) und die heilige Marie-Zélie Guérin (1831 – 1877), sind das erste Ehepaar in der Geschichte der Katholischen Kirche, das gemeinsam heiliggesprochen wurde. Sie sind zugleich die ersten Eltern einer Heiligen, die seliggesprochen wurden. Sie wurden nicht deshalb heiliggesprochen, weil sie eine heilige Tochter hatten, die hl. Theresia vom Kinde Jesu, sondern weil sie ein heiliges Leben führten.
Anlässlich der Seligsprechung erklärte der Vizepostulator des Verfahrens, Pater Antonio Sangalli, gegenüber Radio Vatikan Folgendes: „Sie waren ein Paar, das die Ehe und die Heiligkeit des Sakramentes lebte, und schon vor der Ehe verlangte jedes von ihnen nach der Heiligkeit. Den Kindern gaben sie den Glauben weiter, die Liebe zu den Missionen, sie lehrten sie beten und ein sakramentales Leben führen. Wahrhaft bewundernswert sind ihr Glaube, ihre Liebe zur Kirche, ihre Treue zur Lehre der Kirche und zu den Geboten. Die heilige Theresia spricht von ihren „unvergleichlichen Eltern“. Sie nahmen das Leben als Geschenk Gottes an, sie wussten, dass die Kinder nicht ihnen gehören, sondern ihnen geschenkt sind, damit sie sie dem Herrn schenken können. Die Kinder betrachteten sie nicht als Eigentum, nicht als etwas, dem sie ihre Liebe widmen sollten, um im Alter einen Nutzen davon zu haben. Sie erzogen sie zur freien Entscheidung, in größter Freiheit und mit größter Achtung.“
Louis Martin wurde am 22. August 1823 in Bordeaux geboren. Sein Vater war Soldat, und so zog die Familie in den ersten Lebensjahren häufig um. Schließlich ließ sich seine Familie in Alençon nieder, wo er zur Schule ging. In Rennes, Straßburg und Paris erlernte er das Uhrmacher- und Juwelierhandwerk – einen Beruf, der Geduld und Genauigkeit verlangt – und war darin sehr erfolgreich. In dieser Zeit wünschte er sich, sein Leben als Ordensmann Gott zu weihen. Diesen Plan durchkreuzten Schwierigkeiten beim Erlernen der lateinischen Sprache, und so eröffnete er schließlich eine Uhrmacherwerkstatt in Alençon. Obwohl es ihm beträchtlichen Gewinn gebracht hätte, gab er niemals der Versuchung und dem Zureden von Bekannten nach, sein Uhrmacher- und Juweliergeschäft auch am Sonntag geöffnet zu halten. Seine Tochter bezeugte später, dass er häufig das alttestamentliche Buch Tobit anführte: „Der Lohn dessen, der für dich arbeitet, soll nicht über Nacht bei dir bleiben; zahl ihn sofort aus.“ (Tob 4,14) Louis war von Natur aus vornehm und würdevoll, ordentlich, pünktlich, dem Nachdenken und der Zurückgezogenheit zugeneigt. Er las, sang und musizierte gern, und das Angeln war sein liebstes Steckenpferd. Zudem gehörte er einem Kreis von 12 jungen Christen an und hatte auch ein ausgeprägtes Interesse am gesellschaftlichen Wirken sowie an den kirchlichen und politischen Verhältnissen.
Zélie Guérin wurde am 23. Dezember 1831 als zweites Kind einer Familie geboren, in der sie die religiöse Überlieferung und den soldatischen Mut empfing. Ihr Vater war Soldat und hatte die Schändungen miterlebt, die während der Französischen Revolution begangen wurden. Oft setzte er sein Leben aufs Spiel, um Priestern zu helfen, was damals verboten war. Aus späteren Briefen erfahren wir, dass ihre Kindheit und Jugend von Traurigkeit erfüllt waren, denn ihre Mutter war, obgleich gut, sehr streng zu ihr und ohne Verständnis, worunter sie litt. Die zwei Jahre ältere Schwester wurde Ordensfrau, und der zehn Jahre jüngere Bruder Isidore ein verwöhntes Kind. Von Natur aus war Zélie sanft, aber tatkräftig, unternehmungslustig und mutig. Sie verspürte die Berufung zum Ordensleben, doch die Oberin des Klosters, in dessen Schule sie ging, wies sie ab, und so schloss sie eine Ausbildung im Spitzenklöppeln ab und wurde eine geschickte Spitzenklöpplerin. In der Stadt Alençon, in der sie lebte, eröffnete und führte sie eine sehr erfolgreiche und weithin bekannte Spitzenwerkstatt, in der sie Frauen aus der Umgebung beschäftigte, die sie behandelte, als gehörten sie zu ihrer eigenen Familie. In der Bibel fand sie die Inspiration für ihr ganzes Wirken. Zélie beschrieb sich selbst, ohne sich dessen bewusst zu sein, als sie ihrem Bruder bei der Wahl einer guten Frau raten wollte: „Die Hauptsache ist, eine gute Frau zu suchen, die häuslich ist, die sich nicht scheut, sich bei der Arbeit die Hände schmutzig zu machen, die keine Zeit auf ihr Äußeres verwendet außer für das Notwendige, und die es versteht, Kinder zur Arbeit und zur Heiligkeit zu erziehen.“
Louis und Zélie lernten einander im Frühjahr 1858 auf einer Brücke in der Stadt Alençon kennen – der Stadt, in der sie lebten, in Frankreich. Als Zélie ihn erblickte, hörte sie in sich eine Stimme: „Das ist der, den ich für dich bereitet habe.“ Diese Begegnung fädelte Louis' Mutter ein, die zusammen mit Zélie die Schule für die Spitzenherstellung besucht hatte. Da sie die wunderbaren Eigenschaften dieses Mädchens aus der Nähe gesehen hatte, wünschte sie sich, Louis möge mit ihr eine Familie gründen. Zur beiderseitigen Freude geschah das auch, denn Louis als Uhrmacher hatte nicht weniger Tugenden als sie. Die Hochzeit war am 13. Juli 1858. Louis war damals 35, Zélie 27 Jahre alt. Zum Hochzeitstag fertigte Louis für seine Frau ein Medaillon mit den alttestamentlichen Gestalten Tobias und Sara an: „ O Herr, nicht aus Begierde nehme ich diese meine Schwester, sondern in Aufrichtigkeit. Lass mich Erbarmen finden und mit ihr alt werden“ (Tob 8,7). Damit wollte er sagen, dass er diese Frau genau so erlebt wie Tobias, dem der Engel selbst Sara zur Frau gefunden hat.
Am Tag ihrer Hochzeit ging sie zum ersten Mal ihre Schwester im Kloster besuchen: „Ich kann sagen, dass ich an jenem Tag all meine Tränen geweint habe; ich weinte, wie ich in meinem Leben nie geweint habe und wie ich auch nie wieder so weinen werde. Meine Pauline, du, die du deinen Vater so sehr liebst, meinst du, dass ich ihn auf diese Weise verletzt und ihm den Tag unserer Hochzeit verdorben habe? Doch so war es nicht; er hat mich verstanden und mich getröstet, so gut er konnte, denn seine Neigungen waren den meinen ähnlich. Ich glaube sogar, dass dies das Wachstum unserer gegenseitigen Liebe befördert hat. Unsere Empfindungen stimmten immer überein, und er war mir stets Trost und Halt in allem. Doch als wir Kinder bekamen, änderten sich unsere Gedanken dann doch ein wenig. Wir lebten damals nur noch für sie. Sie waren unser ganzes Glück, das wir nirgendwo sonst gefunden haben. Kurz, nichts fiel uns schwer, und die Welt war uns keine Last mehr. Mir waren die Kinder ein großer Trost, sodass ich viele Kinder haben wollte, die ich für den Himmel erziehen würde“.
Die Tochter Céline schreibt über die Eltern: „Zwischen unseren Eltern herrschte ein vollkommenes Einvernehmen, auch wenn sie in manchen Ansichten auseinandergehen konnten. So sehr unsere Mutter unseren Vater bewunderte, so sehr liebte sie ihn auch; sie ließ ihn die ganze Autorität im Haus übernehmen, seine Rolle war patriarchalisch. Meine Schwestern konnten viele Male bezeugen, dass ihre Einheit nie durch irgendein Missverständnis getrübt wurde. Es genügt, die Briefe meiner Mutter zu lesen, um zu sehen, wie groß der Wunsch meines Vaters in seinem Herzen war, in all ihren Ängsten bei ihr zu sein, sei es, dass man um vier Uhr morgens aufbrechen musste, um eine Amme für ihr krankes Kind zu finden, sei es, dass er sie in einer eisigen Nacht auf einem Weg sechs Meilen weit von Alençon begleitete, bis hin zur Wiege ihres sterbenden kleinen Joseph“.
Als ihr Beichtvater sie einlud, einen Zeitpunkt festzulegen, um die Enthaltsamkeit zu beenden und sich für Nachkommen zu öffnen, waren sie bereit, das anzunehmen. Die Ankunft der Kinder festigte sie noch mehr in ihrer Berufung: „Als wir Kinder bekamen, änderten sich unsere Vorstellungen ein wenig; wir lebten nur für sie; sie alle waren unsere Freude, und niemals haben wir unsere Freude anderswo gefunden als in ihnen. Nichts fiel uns schwer, was wir für sie taten; die Welt war keine Last mehr.“ Sie, die ausrief, sie sei „geschaffen, um Kinder zu haben“, bewahrte wie auch ihr Mann eine große Achtung vor dem Ordensleben, aber sie bedauerte nichts. „Oh! Ich bedauere es nicht, geheiratet zu haben“, sagte sie zu ihrem Bruder.
Louis und Zélie verbrachten neunzehn Jahre in einer Ehe, die glücklich und von Liebe erfüllt war, in der sie aber ebenso durch sehr belastende, tragische und schmerzliche Zeiten gingen. In den ersten dreizehn Jahren ihres Ehelebens wurden ihnen neun Kinder geboren. Zélie weihte jedes Kind gleich nach der Geburt Gott und betete dieses Gebet: 'Gott, gewähre mir die Gnade, dass dieses Kind dir geweiht sei und dass nichts die Schönheit seiner Seele beflecke.' Céline schrieb über ihren Vater: 'Er war streng zu sich selbst, aber immer liebenswürdig zu uns. Sein Herz war uns gegenüber unermesslich zärtlich. Er lebte nur für uns. Auch das Herz einer Mutter hätte ihn nicht übertreffen können.' Eine der Weisen, in denen der hl. Louis den Kindern seine Liebe zeigte, war der Gebrauch von Kosenamen. Marie nannte er 'Diamant', Pauline 'Perle', Céline 'die Unerschrockene', Léonie 'die Gutherzige' und Theresia 'kleine Königin' oder 'Blümchen'.“ Louis spielte auch mit den Kindern, baute Spielzeug für sie, erfand verschiedene Spiele und sang mit ihnen.
Und über ihre Mutter schreibt Céline: „ Unsere Mutter war die lebendige Verkörperung der Arbeit. Unablässig war sie mit der Herstellung von Spitzen beschäftigt, sie hielt das Haus in Ordnung, arbeitete für ihre Kinder und erledigte die Korrespondenz. Der Vater bemühte sich immer, so gut er konnte, ihr die Arbeit zu erleichtern, und redete ihr zu, Leute einzustellen, die ihr im Haus helfen sollten. Doch sie dachte nie an sich – sich selbst vergaß sie vollkommen. Sie war immer bereit, mit uns zu spielen, selbst wenn sich deshalb ihre Hausarbeit bis nach Mitternacht hinzog.“ Allen bereitete sie ein reichliches Frühstück, sie selbst aber begnügte sich damit, im Vorbeigehen rasch etwas Suppe zu trinken (die Magd Louise).
Drei Kinder starben im Säuglingsalter (Marie Joseph Louis im Alter von fünf Monaten, Marie Joseph Jean-Baptiste im Alter von acht Monaten und Marie Mélanie Thérèse im Alter von sieben Wochen), während Marie Hélène im Alter von fünf Jahren und vier Monaten starb). Auch die übrigen fünf Töchter waren im Säuglingsalter oder später in der Kindheit dem Tod nahe (Marie, Pauline, Léonie, Céline und Theresia). Sehr schmerzlich durchlebte sie den Tod ihrer vier kleinen Kinder, und andere sagten ihr damals bisweilen: „Wäre es nicht besser gewesen, du hättest sie gar nicht geboren?“ Zélie zeigt, dass sie die schweren Augenblicke des Lebens anzunehmen und zu deuten weiß, und antwortet ihnen: „Meine Kinder habe ich nicht für immer verloren. Das Leben ist kurz und voller Leid, und eines Tages werden wir im Himmel jene wiederfinden, die wir lieben…“. Als ihre Tochter Léonie mehr als ein Jahr lang zwischen Leben und Tod schwebte, hatte diese Mutter, der der Tod so viele Male ihre geliebten Kinder genommen hatte, die Kraft, Gott dieses kühne Gebet zu sagen: „Herr, wenn sie eines Tages eine Heilige werden soll, mache sie gesund.“
Nach fünf Jahren Ehe schrieb Zélie: „Ich bin noch immer sehr glücklich mit ihm; er macht das Leben sehr angenehm. Mein Mann ist ein heiliger Mensch, und ich wünschte, alle Frauen hätten solche Männer.“ Wann immer Zélie mit jemandem über ihren Mann sprach, konnte sie nicht anders, als stets dasselbe Beiwort hinzuzufügen: „mein guter Louis.“
Die Briefe, die sie einander schrieben, besonders während seiner Reisen von Berufs wegen, zeigten die ganze Lebendigkeit einer Liebe voll Zärtlichkeit: „Ich möchte in deiner Nähe sein, mein lieber Louis. Ich liebe dich von ganzem Herzen, und meine Liebe zu dir wächst, weil ich deiner Gegenwart beraubt bin; es wäre mir unmöglich, getrennt von dir zu leben... Ich umarme dich und ich liebe dich. Ich umarme dich von ganzem Herzen; heute bin ich bei dem Gedanken, dich wiederzusehen, so glücklich, dass ich nicht arbeiten kann. Deine Frau, die dich mehr liebt als ihr eigenes Leben.“
Er erwidert ihr: „Meine liebe Freundin, ich kann nicht vor Montag nach Alençon zurückkehren. Die Zeit kommt mir lang vor, und ich kann es kaum erwarten, in deiner Nähe zu sein. Ich brauche dir nicht zu sagen, dass mir dein Brief große Freude gemacht hat, außer dass ich sehe, dass du dich zu sehr abmühst. Deshalb empfehle ich Ruhe und Maß, besonders bei der Arbeit. Ich habe einige Aufträge von der Firma in Lyon. Noch einmal: Sorge dich nicht so sehr. Am Ende werden wir mit Gottes Hilfe ein schönes kleines Geschäft haben. Ich war glücklich, in Notre-Dame des Victoires die Kommunion empfangen zu haben, die wie ein kleines irdisches Paradies ist. Dort habe ich auch eine Kerze für die ganze Familie angezündet. Ich umarme dich von ganzem Herzen, während ich auf die Freude warte, wieder mit dir vereint zu sein. Ich hoffe, dass Marie und Pauline sehr brav sind! Dein Mann und wahrer Freund, der dich das ganze Leben lang liebt“.
Fortsetzung folgt…
- Mladen Klanac
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