Dir wird geraten, demütig zu sein, damit du kein gefühlloser Mensch wirst
Von außerordentlicher Bedeutung bleibt für uns, dass wir endlich gelernt haben, die großen Ereignisse der Menschheitsgeschichte von unten zu sehen, aus der Perspektive derer, die leiden. Es kommt darauf an, dass wir uns in dieser Perspektive von unten nicht auf die Seite der ewig Unzufriedenen stellen, sondern dass wir den Anforderungen des Lebens in all seinen Dimensionen entsprechen.
Dietrich Bonhoeffer
Dir wird geraten, demütig zu sein, damit du kein gefühlloser Mensch wirst: Er, Gott, ist Mensch geworden; du, Mensch, erkenne an, dass du Mensch bist: deine ganze Demut besteht darin, zu erkennen, dass du Mensch bist. Da Gott dich nun die Demut lehrt, sagt er: „Ich bin nicht gekommen, um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“. Die Hochmütigen tun ihren eigenen Willen. Die Demütigen aber tun den Willen Gottes.
hl. Augustinus
In diesen Tagen haben wir den Blick zum Himmel gerichtet, zur Gemeinschaft aller Heiligen, und für die Seelen der Verstorbenen gebetet. Halten wir den Blick noch einen Augenblick nach oben gerichtet, um vor der Gestalt eines außergewöhnlichen Heiligen der Erneuerung der Kirche nach dem Konzil von Trient innezuhalten - vor dem hl. Karl Borromäus.
Wer immer an das Ufer des Lago Maggiore in Italien kommt, kann sehr leicht die 35 Meter hohe Statue des hl. Karl Borromäus aus dem 17. Jahrhundert erblicken. Diese Skulptur des Mailänder Erzbischofs im Segensgestus hat eine Besonderheit: Man kann sie dank einer inneren Treppe von innen besichtigen. Wer die vielen Stufen hinaufsteigt, kann durch zwei Öffnungen, die genau über den Augen Karls liegen, das Panorama der Umgebung betrachten. Diese beiden Öffnungen, die Augen Karls, mit denen er seine Sendung betrachtete und lebte, waren die Demut und der Eifer. Was Karls Leben von Grund auf geprägt und ihn auf den Weg der Heiligkeit gestellt hat, auf den Weg des humilitas, näher zur Erde, war der Tod seines Bruders Federico, der in Karls Armen starb.
Der Verlust des Bruders erschütterte die Seele dieses Mannes zutiefst. Gott bediente sich dieses Ereignisses, um Karl in einer demütigen Haltung gegenüber sich selbst und seiner Sendung zu formen und ihn mit Eifer für die ihm anvertrauten Seelen zu erfüllen. Das Innere des hl. Karl wurde gleichsam demütiger, einfacher. Gott bereitete ihn durch dieses Ereignis geistlich auf seine Sendung vor. Wenn der Herr eine Seele zu einer Sendung ruft, gibt er ihr Kraft, Mut und prophetischen Eifer. Von jenem Augenblick an bedeuteten all sein Wissen und all sein Einfluss nichts mehr. Er verstand, dass er vergänglich und sterblich ist, und das brachte ihn zur Erde. Zur Wirklichkeit. Zur Einfachheit. Er wählt das schlichte bischöfliche Wahlwort Humilitas. In dieses Wort ist das Leben jedes Christen eingeschrieben. Alles ist in diesem Wahlwort Karls zusammengefasst. Das Hauptwort humilitas hat dieselbe Wurzel wie das Eigenschaftswort humilis, das man mit demütig übersetzen kann, aber auch mit erdverbunden oder von der Erde stammend, denn es kommt von humus (Erde).
In sein ganzes reiches pastorales Leben brach Karl buchstäblich von der Erde her auf, von unten. Kiko Argüello, der Initiator des Neokatechumenalen Weges, sagte in einer Katechese, es sei sehr aufschlussreich, die Welt von unten zu betrachten, die Welt vom Boden aus zu sehen, nicht von oben, sondern von unten. Die Füße der Menschen zu sehen, die vorübergehen, der Letzte zu sein. Das ist in Wahrheit die Antwort auf die Frage, wie man den Herrn lieben soll. Der Letzte sein, sich für den Letzten halten, wie es die Kirchenväter und die Wüstenväter sagten. “Sich für den Letzten und den Schlechtesten von allen halten”.
Die wunderbare Vorbereitung Gottes im Herzen des hl. Karl begann mit der Demut, von der Erde her, die sehr rasch Eifer hervorbrachte. Der Hochmut kann nicht zum Eifer führen. Wenn der Hochmut an der Spitze der bösen Pyramide steht, die über die Welt herrscht, dann steht die wahre Demut an der Spitze der Pyramide Gottes, die Macht zum Leben hat. Ebenso: Wenn die Trägheit am Fuß der verkehrten Pyramide steht, dann steht der Eifer am Fuß der heiligen Pyramide.
Der Schluss ist einfach: Die Demut kommt am Ende, das heißt an der Spitze. Alles beginnt mit dem Eifer. Durch den Eifer nimmt der Zorn ab, wird die Mäßigung in Speise und Trank gestärkt, schmilzt der Neid, beruhigt sich die Unkeuschheit, verliert sich der Geiz, und am Ende stirbt der Hochmut. Am Anfang steht der Eifer, am Ende steht die Demut. Die Demut mag von außen der Trägheit ähneln, aber im Inneren ist sie aufs Tiefste mit dem Eifer verbunden. So ist auch der Hochmut in Wahrheit ein falscher Eifer. Hinter dem falschen Eifer verbirgt sich der Hochmut.
Im Buch Jesus von Nazareth von Papst Benedikt XVI. finden wir eine Erörterung über den Eifer. Das erste Kapitel des zweiten Bandes des Buches. Christus verzehrte der Eifer für das Haus des Herrn. Zelus domus tuae comedit me. Dieser Eifer führte Ihn bis zum freiwilligen Tod am Kreuz. Der Papst sagt, das sei der wahre Eifer, im Unterschied zu jenem Eifer, der den anderen tötet.
Jesus Christus zeigt uns durch den heiligen Karl, dass unser größter Fehler der Hochmut ist, und er spornt uns zum Eifer an und sendet den Heiligen Geist, damit er sich in unsere Seele ergieße und sie mit Eifer entflamme. Eifer in den kleinen Dingen. In den unbedeutenden Dingen. In den scheinbar wertlosen. Besonders in denen, die in den Augen der Menschen wertlos sind. In den verborgenen Dingen. Bekannt ist uns jenes Wort Christi aus dem Buch der Offenbarung: Du bist weder heiß noch kalt, sondern lau, darum werde ich dich ausspeien. Sei eifrig und kehre um!
- Mladen Klanac
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