Brot aus Popovići
…kommt eine besondere Zutat in mein Brot…
Wohin dich das Leben auch führt, immer erinnerst du dich gern an die Düfte, Bilder und Menschen deiner Kindheit. Diese Erinnerungen begleiten dich dein ganzes Leben lang. Sie sind ein Teil von dir, wie auch immer dein Leben heute aussieht und wo du dich befindest, sie bleiben ein Teil von dir. Und du kannst sie auch heute noch so stark spüren. Das bestätigt auch diese Geschichte.
Auf der Insel Garmenjak war es nicht ungewöhnlich, dass Menschen mit demselben Nachnamen heirateten, auch wenn die Möglichkeit bestand, dass sie entfernt blutsverwandt waren. Das war auch die Ursache für die degenerativen Merkmale der römischen Kaiser, der Julier und der Flavier, wie auch der Herrscherfamilien in ganz Europa. Die älteren Frauen sahen die Heirat von Menschen mit demselben Nachnamen wohlwollend, denn diese Erscheinung war jahrhundertelang üblich. In der Vergangenheit wurden auf der Insel Fälle verzeichnet, in denen taubstumme Kinder oder Kinder mit sechs Fingern geboren wurden. Einer der Gründe war auch, dass die Einheimischen bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht in Kontakt mit anderen Menschen außerhalb der Insel kamen, keine weiterführenden oder höheren Schulen besuchten und nicht in der Stadt arbeiteten. Es gab schlichtweg keine Orte, an denen Männer Frauen kennenlernen konnten und umgekehrt, wenn sie nicht von Garmenjak stammten. Erst die Generation meines Mannes ging zur Schule aufs Festland und brachte Frauen mit, die nicht von der Insel stammten.
Auch mich hat der Weg auf die Insel Garmenjak geführt, aus meinem Heimatdorf Popovići bei Benkovac. Als ich zur Welt kommen sollte, kam der Arzt zu uns nach Hause, um meine Mutter zu holen, und beschloss, sie mit seinem Auto, einem Fiat 750 (dem Fićo), in die Praxis nach Benkovac zu bringen. Doch ich hatte es eilig und kam im Auto auf diese Welt. Das war wohl ein Zeichen, dass ich in meinem Leben reisen würde. Die Volksschule besuchte ich in meinem Heimatdorf. Eines Tages kam der Schuldirektor zu uns und sagte, die alte Lehrerin habe eine Stelle in der Stadt Zadar gefunden und wir bekämen eine neue, junge Lehrerin. Als sie uns in der ersten Stunde von sich erzählte, sagte sie, sie stamme von einer kleinen Insel namens Garmenjak. Sie hatte die Anzeige am Schwarzen Brett der Lehrerbildungsanstalt gesehen und sich für die Arbeit auf dem Land entschieden. Als sie den Namen dieser Insel nannte, überkam mich ein wohliges Gefühl. Ich stellte mir eine bewaldete Insel auf offener See vor, Fischer, die frühmorgens aufstehen und zu ihren Netzen fahren, Schafe, die an den Hängen der Hügel weiden. Später sollte sich herausstellen, dass ich schicksalhaft mit dieser Insel verbunden sein würde. Nach dem Unterricht blieb ich im Klassenzimmer und bat die Lehrerin, mir noch ein wenig von ihrer Insel zu erzählen. Sie lächelte und erzählte mir von ihrer geographischen Lage und von den Menschen, die dort leben. Es entstand eine gegenseitige Zuneigung, sodass meine Familie die Lehrerin sonntags oft zum Mittagessen einlud. Ich hörte ihren Geschichten mit Freude zu.
Nach dem Abschluss der achtjährigen Grundschule verschlug es mich nach Zagreb. Dort lebte meine Tante, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrem Mann, einem Militärangehörigen, in Zagreb geblieben war. Da sie keine Kinder hatten, nahmen sie mich wie ihr eigenes Kind auf. Ich schrieb mich an der Kochschule ein. Wir Mädchen aus Popovići haben geschickte Hände. Manche Mädchen wurden Friseurinnen, manche Schneiderinnen, manche Krankenschwestern. Meine andere Tante ging nach San Pedro in Kalifornien, wo sie eine Firma für das Nähen von Vorhängen und für Innenausstattung mit dem Namen Final Touch gründete. Wir alle hatten eine besondere Begabung in den Händen. Was unsere Augen sehen, das machen unsere Hände.
Einmal ging ich so die Ilica entlang, und ich weiß selbst nicht wie, glitt mir die Tasche von der Schulter, fiel zu Boden, und alle meine Bücher und Hefte verstreuten sich über den Asphalt. Zum Glück war es trockenes Wetter, denn wäre es regnerisch gewesen, hätte ich sie den ganzen Nachmittag am Ofen trocknen müssen. Sofort eilte ein zufälliger Passant zu Hilfe und half mir, die verstreuten Sachen aufzusammeln. Ich dankte ihm und lud ihn auf einen Kaffee ein. Er sagte zu mir:
- Ich bin Medizinstudent. Ich bin nicht aus Zagreb. Ich komme von einer kleinen Insel, die nicht sehr bekannt ist. Sie heißt Garmenjak. Ich bin zum Studium hergekommen, weil hier meine Tante lebt. Bei ihr wohne ich.
Als er den Namen dieser Insel nannte, durchfuhr etwas meinen Körper. Ein wohliges Gefühl. Ich spürte, dass das der Finger des Schicksals war. Manche nennen es Gottes Plan. Was für ein Plan das war, wusste ich damals nicht. Wir hatten so viele Gesprächsthemen. Ein wenig älter als ich, gebildet, voller Leben. Die Liebe entflammte. Ich beendete die Mittelschule, und er machte drei Jahre nach meinem Abschluss sein Diplom an der Medizinischen Fakultät.
In diesen drei Jahren arbeitete ich als junge Köchin im Hotel Esplanade und lernte mein Handwerk. Ich liebte meine Arbeit, und ich liebe sie noch heute. Ich mache Menschen gern glücklich, auf eine besondere Weise: über den Geschmack, die Farbe und den Duft auf dem Teller. Ich sehe mich selbst als Künstlerin, die kleine Kunstwerke schafft. Die Schriftsteller mit Buchstaben, die Maler mit Farbe, die Bildhauer mit Stein oder Gips, und ich mit den Zutaten zum Kochen. Meine Kochkünste wurden von den Hotelgästen erkannt. Ich machte schnell Fortschritte und gewann das Vertrauen der Küchenchefs und der Leitung. Bald bereitete ich die Speisen selbstständig zu. Es kam vor, dass Gäste das Trinkgeld ausdrücklich für mich hinterließen. Mein Einkommen reichte, um eine Wohnung in der Nähe des Hauptbahnhofs zu mieten, in die wir beide einzogen. Gemeinsam trafen wir die Entscheidung, ins Ausland zu gehen. Er nahm eine Stelle als Arzt in einem Seniorenheim in Salzburg an, und ich wurde im selben Heim als Köchin angestellt. An den Wochenenden gab es dort Lieder und Fröhlichkeit. Wir sparten etwas Geld und beschlossen, auf Garmenjak ein Haus zu bauen, um dort die Sommermonate zu verbringen.
Ich bin es gewohnt zu arbeiten. Vielleicht würde sich jemand anderer im Sommer ausruhen, aber ich bin nicht so eine. Die Maurer haben mir neben dem Haus einen Kamin gebaut, eine schwarze Küche, wie wir das in Popovići nennen. Im Sommer stand ich früh am Morgen auf, machte Feuer, knetete den Brotteig und backte ihn unter der Peka. Manchmal backte ich Fritule oder machte Pizza. Alles gelang mir sehr schmackhaft. Die Frauen des Ortes baten mich, auch ihnen meine Kunst beizubringen. Ich habe mein Wissen immer mit denen geteilt, die etwas von mir lernen wollten. An jenem Tag kamen mehrere Frauen zusammen, die meisten jüngeren Alters. Jede brachte ein Kilogramm Mehl und ein Päckchen Trockenhefe der Marke Digo mit. So, wie ich es machte, machten es auch sie. Zuerst rührten wir die Hefe in etwas Mehl und warmem Wasser an. Als die Hefe „anging“, kneteten wir sie ins Mehl ein, gaben Salz dazu und gossen bei Bedarf warmes Wasser nach. Wir deckten das Brot mit einem Küchentuch ab und ließen jedes Brot aufgehen. Während die Brote aufgingen, plauderten wir bei einem Kaffee. Schon beim Aufgehen bemerkten alle Frauen, dass mein Brot das größte war und am besten aufgegangen war. Dann knetete jede ihr Brot noch einmal durch, und wir gingen nach Hause, damit jede von uns es an ihrem eigenen Kamin unter der Peka backte. Nach dem Backen trafen wir uns wieder bei mir zur Verkostung. Meins war das beste, gleichmäßig gebacken, weder von oben noch von unten angebrannt. Und das schmackhafteste. Bei den anderen Frauen war es nicht so gelungen, und ihnen war nicht klar, wie mir das gelang.
Ich beschloss, mein Geheimnis mit ihnen zu teilen. Mich hat in Popovići meine Großmutter Ljuba das Brotbacken gelehrt. Sie lehrte mich, dass ich das Brot mit Gefühl kneten und ganz auf die Arbeit konzentriert sein muss, die ich tue. Wenn ich beim Kneten des Brotes an etwas anderes denke, wird es nicht so gelingen, wie es soll. Das schmeckt man im Brot. Ich muss gesammelt sein, während ich arbeite. So habe ich mein ganzes Leben lang gearbeitet. Sie hat mich noch etwas gelehrt. Bevor ich es aus der Schüssel, in der es zweimal aufgegangen ist, auf die erhitzten Ziegel des Kamins stürze, bekreuzige ich es mit der rechten Hand. Manchmal mache ich auch ein Kreuz in den Teig vor dem Backen. Dann habe ich das Gefühl, dass eine besondere Zutat in mein Brot kommt. Etwas, das wir nicht sehen, aber spüren können. Die Liebe zu der Arbeit zu spüren, die man tut, und sie auf ungewöhnliche Weise auf das Brot zu übertragen. So wurden Kirchen und Kathedralen in der ganzen Welt gebaut. Die Liebe ist ein Rezept, das ihr in keinem Kochbuch finden werdet. Alles, was ihr tut, tut mit Liebe, und glaubt mir, der Erfolg wird nicht ausbleiben.
- Mladen Klanac
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