Du wirst in die Arche gehen
In der Fortsetzung unserer Reihe über biblische Paare stehen wir vor einer echten Herausforderung. An der Reihe ist Noah, der zehnte biblische Patriarch von Adam an. Die Absicht und zugleich die Herausforderung dieses Textes ist es jedoch, Noahs Lebensgefährtin kennenzulernen. Gehen wir der Reihe nach vor.
Noahs Name leitet sich vom hebräischen „Noach“ (נוֹחַ) ab, was „Ruhe“ oder „Trost“ bedeutet. Noah ist ein Erbauer. Er baut geduldig die große Arche, indem er den Weisungen folgt, die Gott ihm gibt, um seine Familie vor der großen Flut zu retten. Noahs Bauen ist ein Sinnbild des gehorsamen Gebets, das Früchte des Heils trägt.
Die Zeit, in der Noah lebte, war schwer. „In den Augen Gottes war die Erde verdorben, sie war voller Unrecht. (…) und alles Fleisch auf Erden hatte seinen Weg verderbt“. (Gen 6,11) Die Menschheit befand sich in einem schweren Zustand der Sünde und Bosheit, und es bedurfte des „Trostes“, der „Ruhe in Gott“. Die Sünde der Menschen war so groß geworden, dass ihre Folge die Sintflut war. Das Buch Genesis sagt uns, dass Noah ein gerechter und untadeliger Mann in seiner Zeit war. Gerecht im biblischen Sinn bedeutet: einer, der im Willen Gottes lebt, der Gott sucht, der nach dem Gesetz Gottes lebt. „Noah fand Gnade in den Augen des Herrn“ (…) Noah ging seinen Weg mit Gott“. (Vgl. Gen 6,8-9). Gerechtigkeit oder Heiligkeit ist genau das: mit Gott gehen. Auch dann, wenn alles um uns und in uns chaotisch, angstvoll und sinnlos ist.
Gottes Blick gilt jedoch der ganzen Familie Noahs. Um Noah zu retten, musste Gott auch seine Frau, seine Kinder, seine Schwiegertöchter und Enkel, seine Tiere verschonen. Gott musste sein ganzes Umfeld retten, alles, womit er um seiner Gerechtigkeit willen verbunden war. Wenn wir gerecht sind, wenn wir mit Gott gehen, steht unsere ganze „Welt“, in der wir leben, unter Gottes Schutz. Die Heiligkeit, zu der ich berufen bin, weitet sich auch auf andere aus. Natürlich gehörte zu dieser Welt Noahs auch seine Frau, sein „Paar“. Die Schrift führt an mehreren Stellen an, dass mit Noah auch seine Familie in die Arche ging, zum Beispiel Gen 6,18: „Du wirst in die Arche gehen – du und mit dir deine Söhne, deine Frau und die Frauen deiner Söhne.“
Die Schrift und jüdische rabbinische Quellen helfen uns, die „Identität“ von Noahs Frau zu entdecken. In Gen 4,22 finden wir, dass es in der Nachkommenschaft Kains einen Tubal-Kain gibt, den Stammvater aller, die Kupfer und Eisen schmieden. „Die Schwester Tubal-Kains hieß Naama.“ Obwohl die Schrift nicht sagt, dass gerade sie Noahs Frau war, sagt die jüdische Tradition doch, gestützt auf die Schrift Bereschit Rabba: „Die Schwester Tubal-Kains hieß Naama“. Rabbi Abba bar Kanana sagt: „Naama war Noahs Frau. Naama bedeutet ‚die Liebliche‘, ‚die Geliebte‘“. Dieser Rabbi fragt sich, warum sie einen solchen Namen trägt, und antwortet: „Weil ihre Werke lieblich, gut und gerecht waren“.
Es ist bemerkenswert, dass die Schrift Naama nicht ausdrücklich mit Noah in Verbindung bringt. Naama scheint verborgen, unsichtbar zu sein. Sie ist „die Frau“. Und sie hat eine sehr wichtige Rolle. Auch sie ist erwählt, an der Seite dessen, „der tröstet“, in schwerer Zeit ihre „Lieblichkeit“ zu bewahren. Für die Juden ist sie die neue Eva, die den Rest rettet, der überleben wird. Für uns ist sie ein Bild der seligen Jungfrau Maria, der Frau ihres Sohnes. Sie, die neben ihrem Sohn steht und für die Menschheit Fürsprache einlegt. Noah ist für die Juden der neue Adam, der im Unterschied zum alten Adam auf Gott hört, der ihm aufträgt, ein gewaltiges Schiff zu bauen. Noah ist ein Bild Christi, der dem Vater gehorsam das Holz des Kreuzes errichtet, das „uns, die gerettet werden, Gottes Kraft ist“ (vgl. 1 Kor 1,16)
Die Welt wurde dank der Arche gerettet, eines Fahrzeugs, das nach den Anweisungen des Herrn gebaut wurde, es war eine Art riesiges Schiff. Die Art, wie die Arche in der Schrift beschrieben wird, lässt uns ahnen, dass sie einem Schiff nicht ganz gleicht. Sie ist nämlich mit Räumen und Kammern ausgestattet, auf drei Stockwerken gebaut, mit einer Tür.“ „Mach dir eine Arche aus harzigem Holz; statte die Arche mit Kammern aus und dichte sie innen und außen mit Pech ab. So sollst du sie bauen: Dreihundert Ellen sei die Länge der Arche, fünfzig Ellen ihre Breite und dreißig Ellen ihre Höhe. Mach an der Arche eine Lichtöffnung und schließe sie eine Elle unterhalb des Daches ab. Den Eingang der Arche bring an der Seite an; sie soll ein unteres, ein mittleres und ein oberes Stockwerk haben“. (Gen 6, 14-16) Es scheint, dass sie mehr einem Haus gleicht als einem Schiff.
Aus diesem Grund verlangen die Bauanweisungen, dass die Arche innen und außen mit Pech (Teer oder Harz) abgedichtet werde. Im hebräischen Urtext wird für den Ausdruck „innen“ der Ausdruck „im Haus“ verwendet. Deshalb wird Noah das Pech „innerhalb des Hauses und außerhalb“ brauchen. Die Worte des inspirierten biblischen Textes zeigen, dass Gott von Noah verlangt, ein Haus zu bauen. Nur so wird er die Welt retten. Dieses Detail ist den Künstlern nicht entgangen, von denen viele die Arche als Haus dargestellt haben. Zum Beispiel die Mosaiken in der Kathedrale von Monreale, im Baptisterium von Florenz, in der Markusbasilika in Venedig, auf Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan.
Das Haus ist für uns alle außerordentlich wichtig. Im Haus lernen wir, einander ohne Furcht in die Augen zu schauen, während wir sprechen, wir lernen das Lachen, das Vertrauen zu Menschen, aus diesem Vertrauen lernen wir, auf eigenen Füßen zu stehen und zu gehen, wir lernen zuzuhören und zu sprechen, wir lernen, Zärtlichkeit zu empfangen und zu schenken. Im Haus wird gegessen und dafür gesorgt, dass auch die anderen essen, im Haus wird geruht und gearbeitet, im Haus sorgt man für die Kranken und begleitet die Sterbenden. „Lasst mich zu Hause sterben“ ist oft der letzte Wunsch der Menschen. Wenn das Haus „gesund“ ist, sind wir in ihm befreit vom „Krebs der Seele“, und das ist die Angst. Das Haus ist ein intimer, innerer, verborgener Ort, aber gebaut aus „äußerem Material“. Ins Haus bringen wir die äußere Welt hinein. Doch das Haus ist in erster Linie ein Innenraum, jedoch mit einer Fassade versehen, die nach außen gerichtet ist. Es ist ein Ort für den, der eben erst geboren ist, aber nach außen gerichtet; darum verlässt man früher oder später das Haus und tritt auf die Straße hinaus, geht hinaus in die Stadt, ins Freie. Unser ganzes Umfeld gleicht eigentlich einem einzigen großen Haus. Die Enzyklika von Papst Franziskus „Laudato si'“ aus dem Jahr 2015 ist der „Sorge für das gemeinsame Haus“ gewidmet, das unsere Erde ist.
Naama, Noahs Frau, stammt aus der Nachkommenschaft Kains, des Brudermörders: „So bist du verflucht, verbannt vom Erdboden, der seinen Mund aufgesperrt hat, um aus deiner Hand das Blut deines Bruders aufzunehmen“. (Gen 4, 11) Kain trägt den Fluch, doch aus seiner Nachkommenschaft kommt Naama, „die Liebliche, die Anmutige“, „die zweite Mutter aller Menschen“, wie die jüdischen Glaubenslehrer sie nennen. Die Tatsache, dass sie gerettet wurde, sagt uns, dass nicht alle Nachkommen Kains verflucht und ohne Hoffnung auf Rettung sind. Die Rabbiner deuten es so: Aus dem, was an Kain gut war, wurde die Welt neu begründet – durch diese Frau. Wegen ihrer familiären Herkunft erwähnte die alte biblische Überlieferung sie nicht, doch sie war im Haus ihres Mannes. Sie war in der Arche. Wie die Jungfrau Maria in der neuen Arche, die die Kirche ist. Die Frau im Haus.
Heute brauchen wir wieder neu das Haus, das die neue Arche ist. Die Familie als neue Arche Noahs, in der Mann und Frau ihren Platz haben. Der Mann in der Sorge für die Frau und umgekehrt. Das Haus als Ort des Heils für die Menschheit. Die Frau ist oft unsichtbar, namenlos in ihrem Haus, an ihrem Arbeitsplatz, bei ihren Kindern, und doch hat sie einen unermesslichen Wert. Noah und Naama sind ein bemerkenswertes Paar. In einem Haus, das rettet. Heute brauchen wir Noah und Naama und ihre Gemeinschaft im Haus. In der Kirche. In der Hauskirche. Chesterton hat sinngemäß gesagt, dass die Welt nicht gerettet werden kann ohne eine gesunde Atmosphäre im Wohnzimmer eines Familienhauses. Er lobt das häusliche Leben als Ort des Kampfes gegen den Geist der Welt und als Ort höchster Freiheit. Freiheit in der Liebe. Im Sichverschenken. Ort der Ruhe, der Lieblichkeit. Des Lebens.
- Mladen Klanac
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