Wenn du recht handelst, darfst du frei aufblicken
Und Jahwe sprach zu Kain: „Warum bist du zornig? Warum blickst du finster zu Boden? Denn wenn du recht handelst, darfst du frei aufblicken. Handelst du aber nicht recht, so lauert die Sünde wie ein Raubtier an deiner Tür und trachtet nach dir; noch kannst du ihr widerstehen.“
Jeder von uns trägt in sich einen Kain und einen Abel, und jeden Tag gibt es den Kampf, damit wir nicht auf den Weg Kains abbiegen. Die Geschichte ist voll von Menschen, die diesen Weg eingeschlagen haben, und hinter ihnen blieb nichts als Blut und Tod. Was heißt es, richtig zu opfern? Es heißt, auf die Knie zu fallen und den Herrn zu bitten, dass er das Opferfeuer entzündet. Es heißt, dem Herrn das Beste von dem zu geben, was wir haben.
Die Geschichte von Kain und Abel gehört zu den biblischen Geschichten, die ich in meiner Kindheit am besten kannte, und ich meinte, ich verstünde sie sehr gut. Ich dachte, diese Geschichte sei einfach und habe eigentlich nicht viel mitzuteilen außer: „Du sollst nicht töten“, dem 5. Gebot Gottes. Wenn wir genauer hinsehen, kann kaum jemand von sich sagen, dass er diese Geschichte wirklich versteht. Zu sagen, wir verstünden diese Geschichte, wäre so, als sagten wir, wir verstünden das Böse selbst. Ich möchte mit diesem Text an der Oberfläche dieser Geschichte kratzen und einiges darlegen, was ich interessant finde. Ich hoffe, dass auch der Leser Nützliches in diesem Text findet und dass er ihn zum Nachdenken anregt.
Nachdem sie aus Eden vertrieben worden sind, leben Adam und Eva auf der Erde. Eva gebiert Kain und danach Abel. Hier können wir sagen, dass Kain und Abel die ersten Menschen waren. Adam und Eva wurden unmittelbar von Gottes Hand geschaffen. Sie lebten im Garten Eden, im Paradiesgarten (griech. paradeisos). Sie gingen und sprachen unmittelbar mit Gott. Kain und Abel kommen auf die Welt wie wir alle übrigen und leben auf der Erde. Kain und Abel sind gewiss die ersten Menschen, die nach dem Fall auf die Welt kommen. Der Fall im weiteren theologischen Sinn bezeichnet den Zustand der ganzen Menschheit als Folge der Ursünde Adams und Evas.
Kain war Ackerbauer und Abel Viehzüchter. Dieses „Viehzüchter“ ist als Hirt zu lesen. Die Sache mit den Hirten ist die, dass wir modernen Stadtmenschen kein richtiges Bild von Hirten im Kopf haben. Gewöhnlich denken wir, Hirten seien Menschen, die den ganzen Tag unter einem Baum im Gras säßen und den Schafen beim Weiden zuschauten. Aber so war es damals nicht einmal annähernd. Die Hirten mussten immer wach und auf der Hut sein und auf die Herde achten. Sie mussten ihre Herde verteidigen und gegen Schakale, Hyänen, Wölfe und Löwen kämpfen können, je nachdem, in welcher Gegend sie sich befanden. Oft war alles, was sie hatten, ein Stock und eine Schleuder oder ein Messer. Ein Hirt musste mutig und tüchtig sein und über seiner Herde wachen. Das sagt uns viel über den Charakter Abels.
„Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar. Auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett.“ (Gen 4,1 - 16) Kain und Abel bringen ihr Opfer auf demselben Altar dar (das sehen wir oben auf dem Bild), was sinnbildlich bedeutet, dass ihnen der Herr dieselbe Gelegenheit zu einem Opfer gibt, das ihm wohlgefällig wäre. Der biblische Verfasser sagt nichts darüber, wie Kains Opfer beschaffen war. Abels Opfer war von bestmöglicher Güte. Abel gibt sein Bestes, um Gott zu gefallen. Von Kain steht das nicht geschrieben. Wir können nichts über Kains Opfer schließen. Vielleicht hat sich Kain wirklich bemüht und hart daran gearbeitet, dass sein Opfer Gott gefalle. Wir können nicht nur deshalb, weil im Text nichts steht, sagen, Kain habe einen Kopf Salat und zwei faule Kartoffeln als Opfer dargebracht.
„Der Herr schaute gnädig auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht.“() Hier begegnen wir dem Vorzug des jüngeren Sohnes. Das taucht später in der Bibel noch mehrmals auf. Der älteste Sohn ist in den Augen der Menschen bevorzugt, doch der Herr kümmert sich nicht um menschliche Regeln. Jahwe hat nichts über Kain und sein Opfer gesagt. Kains Opfer konnte durchaus gut und wertvoll sein. Aber Abels Opfer war besser. Abels Opfer gefiel Gott mehr. Auf dem Bild oben ist Abel links dargestellt, demütig auf den Knien im Gebet, und aus der Wolke hilft ihm der Herr, das Opfer zu entzünden. Kain ist über den Altar gebeugt und versucht zornig mit Gewalt, das Feuer selbst zu entfachen. Er tut es so, um später allen Ruhm für sich beanspruchen zu können. Es gelingt ihm nicht, er erstickt nur im Rauch.
Aus der Etymologie ihrer Namen wissen wir, dass wir den Namen Kain mit „Der, der die ganze Welt besitzen will“ übersetzen können und den Namen Abel mit „Der, der wertlos ist“. Und tatsächlich verhält sich Kain so, als wäre Abel wertlos, doch Kain, der alles haben muss, kann nicht darauf verzichten, das Lob Gottes zu bekommen. Ebenso ist das, was in den Augen des Menschen wertlos ist, vor Gott erhaben. Eine von Kains möglichen Antworten auf diese ganze Lage hätte sein können: „Mensch, ich mache sicher etwas falsch. Ich sollte mein Opfer verbessern und es besser machen“. Er hätte auf die Knie fallen und zum Herrn sagen können: „Ich war die ganze Zeit im Unrecht. Ich habe die falschen Opfer dargebracht. Abel verdient alles, was er hat“. Aber das ist nicht das, was geschehen ist. „Da wurde Kain sehr zornig, und sein Gesicht wurde finster.“ Kain ist nicht glücklich. Und das können wir leicht verstehen. Kain beklagt sich bei Gott, wie es Menschen gewöhnlich tun, wenn sich ihre Pläne nicht erfüllen und wenn sie sich benachteiligt fühlen. Dasselbe gilt für Menschen, die nicht an Gott glauben. Als Atheist ist es, nehme ich an, schwerer zu wissen, wen man beschuldigen soll, aber das heißt nicht, dass das Gefühl nicht da wäre. Dasselbe Schauspiel läuft ab.
„Und Jahwe sprach zu Kain: ‚Warum bist du zornig? Warum blickst du finster zu Boden? Denn wenn du recht handelst, darfst du frei aufblicken. Handelst du aber nicht recht, so lauert die Sünde wie ein Raubtier an deiner Tür und trachtet nach dir; noch kannst du ihr widerstehen.‘ Das ist der entscheidende Teil der Geschichte. Der Herr sagt Kain, dass das abgelehnte Opfer ausschließlich seine eigene Schuld ist, und der Herr weist jede Verantwortung dafür weit von sich. Er sagt ihm, dass er nicht alles ist, was er sein könnte. Es lohnt sich wirklich innezuhalten und gut zu überlegen: Wenn wir im Leben Opfer bringen, uns um etwas mühen und es uns nicht so gelingt, wie wir es gern hätten, dann liegt das vielleicht nicht daran, dass Gott uns hasst und nicht gutheißt, was wir tun, sondern einfach daran, dass unser Opfer nicht so gut ist, wie es sein könnte.
Außerdem sagt ihm der Herr, dass er selbst der Baumeister seines Untergangs ist. In der ursprünglichen Übersetzung dieses Verses ist von einem Raubtier die Rede, das mit Begierde kommt, und Kain lässt es herein und geht eine schöpferische Verbindung mit ihm ein. Das will sagen, dass Kain alles gut durchdacht und beschlossen hat, den bösen Gedanken freien Lauf zu lassen, damit sie sich vermehren und zu den schlimmsten Schrecken entwickeln. Das alles ist das Letzte, was Kain hören will. Von allen schlechten Nachrichten, die er bekommen konnte, ist diese die schlimmste, und das besonders, wenn sie Gott selbst überbringt. Er will hören, dass Gott daran schuld sei, dass sein Opfer abgelehnt wurde, und dass es ungerecht sei, dass es Abel besser ergangen ist, dass das Leben keinen Sinn habe, weil es ihm nicht gut geht, und dass alles eigentlich ein Fehler sei, den man vernichten müsse.
Im Internet könnt ihr die Tagebuchaufzeichnungen von Eric Harris finden. Harris dachte genau dasselbe und hat es aufgeschrieben, bevor er bei einem Amoklauf 13 seiner Mitschüler tötete. Es gibt also nichts in dieser Geschichte, was nicht wirklich wäre. Und Kain nimmt schließlich die Katechese des Bösen an, beschließt, die Hand zu erheben und den zu vernichten, den er am meisten bewundert. Er beschließt, den zu töten, dessen Platz er einnehmen will. Und das alles tut er, ohne Rücksicht darauf, was es ihn kosten wird, und dem Herrn zum Trotz. Genau das hat auch Harris getan. Das sagt er selbst in seinen Aufzeichnungen. Deshalb bringen sich Massenmörder nach und nicht vor ihren Untaten um. Denn man könnte fragen: Wenn sie mit ihrer Wirklichkeit so unzufrieden sind, warum begehen sie dann nicht einfach in ihrem Keller Selbstmord, statt hinauszugehen und zu töten? Weil das nicht annähernd die Wirkung hätte, die sie erzielen wollen. Ein Massenmord sagt: Mein Leben ist mir nichts wert, aber auch das keines anderen, und darum werde ich mich rächen, so viel ich kann, und um euch nur zu zeigen, wie wenig es mich kümmert, bringe ich am Ende auch mich selbst um. Die Leute sagen immer, sie könnten nicht verstehen, wie so etwas jemandem passieren kann. Ich glaube das nicht. Wer auch immer sagt, er könne nicht sehen, wie ihm so etwas geschehen könnte, ist entweder nicht aufrichtig oder kennt einfach nicht
„Kain aber sagte zu seinem Bruder Abel: ‚Gehen wir hinaus!‘ Und als sie auf dem Feld waren, fiel Kain über seinen Bruder Abel her und erschlug ihn.“ Und Kain tötet seinen Bruder Abel. Denken wir nur darüber nach, was dieser Mord bedeutet. Kain war neidisch auf Abel, was heißt, dass er eigentlich sein wollte wie er. Abel war für ihn wie ein Ziel, wir können sagen: der Sinn, nach dem er strebte. Mit der Ermordung Abels verschwindet der Sinn aus Kains Leben. Was hat Kain danach? Nichts. Denn jeder braucht ein Ziel, einen Lebenssinn, der ihn jeden Tag vorwärtstreibt. In Abel können wir Christus sehen, der sein Leben für uns hingegeben hat. Abel gibt das Beste von dem, was er hat, er legt alles vor den Herrn hin, so wie auch Christus sein Leben für uns vor den Herrn hingelegt hat. Ebenso stirbt Abel als Gerechter und weil er ein Gerechter ist. Wir können sagen, dass Abel durch seine Gerechtigkeit Kain die Wahrheit über ihn selbst sagte. Auch Christus wurde gekreuzigt, weil er den Juden die Wahrheit sagte. Darum haben sie ihn getötet, und darum tötet auch Kain den Abel. Die Sache ist eigentlich noch schlimmer. Kain tötet seinen Bruder, um sich an Gott dafür zu rächen, dass er nicht auf sein Opfer geschaut hat. Er erhebt die Hand und versucht, seinem Schöpfer zu schaden, was die Geschichte noch dunkler macht. Gott vertreibt ihn von seinem Angesicht. Kain verliert jede Verbindung zum Herrn. Darum sagt Kain später: „Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.“ Danach geht alles bergab. Es wird Kains Nachkomme Tubal-Kain geboren, der der Überlieferung nach der erste Schmied war, der Waffen schmiedete. Die gegenseitigen Racheakte werden immer größer. Dann kommt die Sintflut. Es ist genial, wie die Geschichte von der einzelnen Sünde in die allgemeine Katastrophe übergeht.
Was sollen wir aus dieser Geschichte mitnehmen? Nun, auf der Erde gibt es keine Kains und Abels. Jeder von uns trägt in sich einen Kain und einen Abel, und jeden Tag gibt es den Kampf, damit wir nicht auf den Weg Kains abbiegen. Die Geschichte ist voll von Menschen, die diesen Weg eingeschlagen haben, und hinter ihnen blieb nichts als Blut und Tod. Was heißt es, richtig zu opfern? Es heißt, auf die Knie zu fallen und den Herrn zu bitten, dass er das Opferfeuer entzündet. Es heißt, dem Herrn das Beste von dem zu geben, was wir haben.
Kain – Lovis Corinth, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Düsseldorf
- Mladen Klanac
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