Ich fühle euch immer hier neben mir
Vor wenigen Tagen hat die Welt sechzig Jahre seit dem ersten Flug eines Menschen in den Weltraum gefeiert. Es war Juri Gagarin.
Wir bringen den Brief, den Juri Gagarin zwei Tage vor dem ersten Flug in den Weltraum am 12. April 1961 an seine Frau und seine Töchter geschrieben hat, sowie sehr interessante kleine Bilder aus ihrem Familienleben.
Der Brief sollte seiner Frau Valentina übergeben werden, falls etwas schiefginge. In Wirklichkeit war die Mission erfolgreich, und nach einer Stunde und 48 Minuten Flug kehrte Gagarin auf die Erde zurück und landete in der Region Saratow, etwa 850 Kilometer südöstlich von Moskau. Was jedoch sein geistliches Testament war, wurde seiner Frau erst sieben Jahre später übergeben, am 27. März 1968, als er bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam. In diesem ergreifenden Abschiedsbrief stehen sehr starke Worte über die Hingabe des Menschen an seine Berufung und an das Leben, die uns zugleich an die erste Reise des Menschen in den Weltraum erinnern.
Juri Gagarin wurde 1934 im Dorf Kluschino geboren; seine Kindheit verbrachte er auf einem Bauernhof, wo die Mutter für die Milchwirtschaft zuständig war und der Vater als Zimmermann arbeitete. Er finanzierte sein Studium mit Arbeit in einer Gießerei in Moskau, konnte seine Leidenschaft für das Fliegen pflegen und die nötigen Qualifikationen für die Aufnahme in die Luftwaffe erwerben. Mit siebenundzwanzig Jahren wurde er nach einem harten Auswahlverfahren dazu bestimmt, die Mission Wostok 1 zu leiten, und wurde so der erste Mensch, der in den Weltraum flog. „Hier oben sehe ich keinen Gott.“ Das ist der bekannte Satz, der Gagarin zugeschrieben wird. Aber er hat ihn wahrscheinlich nie gesagt. Valentin Petrow, ein ehemaliger Kosmonaut, hat das vor einigen Jahren bestätigt und erklärt, Gagarin, der in der orthodoxen Kirche getauft war, sei gläubig gewesen. Das ist eine Tatsache, die auch sein Freund Alexei Leonow bestätigte, eine weitere Legende der Kosmonautik. Die Tochter Helena wurde getauft, und die Familie feierte immer Weihnachten und Ostern.
Juri Gagarin und Valentina Iwanowna lernten sich zum ersten Mal kennen, als beide in den Zwanzigern waren, bei einem Tanzabend in der Fliegerakademie von Orenburg, und verliebten sich sogleich. Über diese erste Begegnung sagt er: „Mir gefiel alles an ihr: ihr Charakter, ihre kleine Gestalt, ihre Augen in der Farbe goldener Haselnüsse, die Zöpfe und die sommersprossige Nase. Nach zehn Jahren Schule nahm Valja Gorjatschewa eine Stelle im Telegrafenamt an. In einem ganz einfachen blauen Kleid hat mich Valja mit ihrer schüchternen Erscheinung bezaubert. Ich bat sie um einen Walzer, und so begann unsere große Freundschaft“. Einmal schrieb sie ihm: „Und denk daran, dass Warten-Können eine große Kunst ist. Bewahre diese deine Gefühle für glücklichere Tage auf“. Aus der Freundschaft wurde Liebe. Bald heirateten sie und bekamen zwei Töchter.
Valja, Krankenpflegeschülerin, war die Jüngste von sechs Kindern. Sie sagte zu ihrer Mutter über mich: „Er hat sich die Zähne am Granit der Wissenschaft geschärft. Sein ganzes Leben geht er zur Schule.“ Gemeinsam genossen sie es zu lesen und ins Theater zu gehen, und vor allem darüber zu sprechen, was sie gesehen und gelesen hatten. Sie teilten die Nachricht vom historischen Flug des Sputnik und die Ankündigung Nikita Chruschtschows, einen Menschen in den Weltraum zu schicken, sobald die Bedingungen dafür gegeben seien. Von dem Augenblick an, als er vom Sputnik erfuhr, wusste Gagarin insgeheim, dass er sich dem Raumfahrtprogramm anschließen würde, und er begann sogar, seine Ideen für Raumschiffe zu skizzieren. Er studierte die Theorien Ziolkowskis über den Raumflug.
Als er ihr die Nachricht vom ersten Flug in den Weltraum mitteilen wollte und davon, dass er glaubte, er werde es sein, sagte er im Scherz:
„Ich schiffe mich in den Weltraum ein. Pack mir diesen Koffer mit etwas Wäsche.“ „Es ist schon alles bereit“, antwortete Valja.
„Da habe ich begriffen, dass sie schon alles weiß. Zum ersten Mal sagte ich Valja, dass der Flug eines Menschen in den Weltraum nun schon ganz nahe sei und dass die Wahl vielleicht auf mich fallen werde. Dann bemühte ich mich, Valja die Gründe zu erklären, auf die ich meine Hoffnungen stützte. Und an ihrem Gesicht, das plötzlich ernst wurde, an ihrem Ausdruck, an ihrer veränderten Stimme, am leichten Zittern ihrer Lippen habe ich begriffen, dass Valja stolz und zugleich beunruhigt war. Aber sie wollte mir nichts sagen, damit ich mir keine Sorgen machte. Wir verbrachten eine schlaflose Nacht, sprachen über die Vergangenheit und schmiedeten Pläne für die Zukunft. Wir sahen unsere Töchter schon erwachsen und verheiratet und uns selbst, wie wir auf die Enkel aufpassen. Unser Leben würde glatt verlaufen, ohne Krieg und Zwietracht, wie wir es uns im Kommunismus dachten. Als dann alle Argumente erschöpft waren, wollte ich, dass mir Valja sagt, was sie über das denkt, was mich erwartet.“ Sie antwortete: „Wenn du dir deiner sicher bist, dann geh nur. Alles wird gut.“
Im Abschiedsbrief vor dem Flug schreibt Juri: „Seid gegrüßt, meine Lieben, meine so sehr geliebten Waletschka, Lenotschka und Galotschka! Ich habe beschlossen, euch einige Zeilen zu schreiben, damit ihr daran (am ersten Flug in den Weltraum) teilnehmen und die Freude und das Glück mit mir teilen könnt, die mir heute zuteilgeworden sind. Gerade heute hat die Regierungskommission beschlossen, mich als Ersten in den Weltraum zu schicken. Du weißt, liebe Waljuscha (eine weitere Verkleinerungsform für Valentina), wie glücklich ich bin, und ich möchte, dass auch ihr mit mir glücklich seid. Einem einfachen Menschen wurde eine so große staatliche Aufgabe anvertraut: als Erster den Weg in den Weltraum zu bahnen! Kann man von etwas Größerem träumen? Ja, das ist Geschichte; das ist eine neue Zeit. In einem Tag muss ich aufbrechen. Inzwischen werdet ihr euren Beschäftigungen nachgehen. Auf meinen Schultern liegt eine große Aufgabe. Zuerst wollte ich einige Zeit mit euch verbringen und mit dir sprechen. Aber leider seid ihr weit weg. Trotzdem fühle ich euch immer hier neben mir. Ich vertraue der Technik völlig. Sie darf nicht versagen.
Aber es kann geschehen, dass ein Mensch auf einer ebenen Fläche stürzt und sich das Genick bricht. Auch bei dieser Gelegenheit kann etwas geschehen. Ich persönlich glaube nicht an diese Möglichkeit. Sollte jedoch etwas geschehen, so bitte ich euch, in erster Linie dich, Waljuschka – lass dich nicht vom Schmerz überwältigen. Denn das Leben ist das Leben, und niemand hat die Garantie, dass ihn morgen nicht ein Auto überfährt. Bitte sorge für unsere Mädchen, liebe sie, wie ich sie liebe. Erzieh sie, bitte, nicht zu Faulenzerinnen, nicht zu verwöhnten Kindern, sondern zu wahren Menschen, die sich vor der Härte des Lebens nicht fürchten. Erzieh Menschen, die der neuen kommunistischen Gesellschaft würdig sind. Auf jeden Fall lebt euer Leben so, wie es euch das Gewissen gebietet, so, wie ihr es für nötig haltet. Ich lege euch keine Verpflichtungen auf und habe kein Recht dazu.
Es zeigt sich, dass der Brief allzu traurig ist. Ich selbst glaube nicht, dass es geschehen wird. Ich hoffe, du wirst ihn nie zu Gesicht bekommen. Ich werde mich vor mir selbst dieser vorübergehenden Schwäche schämen. Aber wenn etwas geschehen sollte, solltet ihr über alles Bescheid wissen. Ich habe ehrlich und aufrichtig gelebt, zum Nutzen der Menschen, auch wenn es vielleicht nichts Großes war. Schon als kleiner Junge habe ich gelesen, was W. P. Tschkalow (ein Pionier der sowjetischen Luftfahrt) gesagt hat: „Wenn ich es sein muss, dann muss ich der Erste sein.“ Nun werde auch ich versuchen, so zu sein und es bis zum Ende zu bleiben. Ich möchte, Waletschka, diesen Flug den Menschen der neuen kommunistischen Gesellschaft widmen, zu der auch wir gehören, unserer großen Heimat, unserer Wissenschaft. Ich hoffe, dass wir in einigen Tagen wieder zusammen sein werden, glücklich. Waletschka, bitte vergiss meine Eltern nicht; wenn du Gelegenheit hast, hilf ihnen. Grüße sie in meinem Namen: Sie mögen mir verzeihen, dass sie von all dem nie etwas gewusst haben; es wäre nicht gut für sie gewesen, es zu wissen. So, ich glaube, das ist alles. Lebt wohl, meine Lieben.“
Eine große Umarmung und einen Kuss, mit Gruß, euer Papa, Juri. 10.04.1961.
Nach dem Flugzeugunglück und dem Tod ihres Mannes Juri gab Valentina keine Interviews mehr. Sie nahm an Veranstaltungen zu Ehren des ersten Kosmonauten teil, traf die führenden Persönlichkeiten des Landes, half dem Juri-Gagarin-Museum und übergab ihm die persönlichen Sachen ihres Mannes. 1981 schrieb Valentina Iwanowna das erste Buch zum Gedenken an Gagarin, „108 Minuten und ein ganzes Leben“.
Sie lebte im Sternenstädtchen im Bezirk Schtschelkowo in der Moskauer Region, im 4. Stock des Hauses Nummer 2. Von ihren Fenstern aus sieht man das Denkmal ihres Mannes, der ein Gänseblümchen in der offenen Hand hält.
Elena Gagarina sagt über das Privatleben ihres Vaters: „Für mich war er immer der erste Kosmonaut der Welt, und sein ganzes Leben war mit dem Weltraum und der Erforschung des Raumes und des Alls verbunden. Wovon er mir gern erzählte, das war seine Kindheit – davon, wie es war, in Smolensk aufzuwachsen, und vom Krieg unter der deutschen Besatzung.
Meinen Vater haben sein ganzes Leben lang Literatur und Geschichte interessiert. Seine Liebe zur Geschichte war sehr lebendig – als hätte er selbst an ihr teilgenommen. Ich erinnere mich, dass er eines Tages meine Schwester und mich nach Borodino fuhr – auf das Schlachtfeld, auf dem Napoleons Armee gegen die russische Armee kämpfte – und dass er jede Einzelheit der Schlacht zu kennen schien, die Ereignisse wieder lebendig machte und uns zeigte, was wo geschehen war. Er trug uns auch Gedichte über die Schlacht vor, und ich erinnere mich, dass mich sein Wissen beeindruckt hat. So war es auch, als er Student in Samara war, dann in Sankt Petersburg und in Moskau. Er lernte über die Geschichte der Städte, was er nur konnte – er war neugierig und für alles zu begeistern. Oft erzählte er uns von Büchern und von Literatur, und er trug uns gern Gedichte vor, und zwar laut. Er kannte viele Gedichte auswendig und ermunterte uns gern, sie auch aufzusagen.
Ich bekomme sehr viele Fotos und Erinnerungen von verschiedenen Menschen, die ihn kannten, und wenn ich jemandem begegne, der sich an den 12. April erinnert oder sich daran erinnert, ihn getroffen zu haben, erzählen sie mir immer davon. Das ist für mich immer eine Freude. Er hat einen Brief an meine Mutter geschrieben, in dem er sagt, dass er wahrscheinlich nicht zurückkehren werde, weil der Flug sehr gefährlich war, und dass er wünsche, sie möge in diesem Fall nicht allein bleiben. Aber er gab ihr den Brief nicht. Sie fand ihn zufällig unter seinen Sachen, als er zurückgekehrt war. Er wollte nicht, dass sie ihn findet, und sagte ihr, sie solle ihn wegwerfen. Aber natürlich hat sie ihn behalten.
Die Ausbildung der ersten Kosmonauten war außerordentlich hart und prüfte die Grenzen menschlicher Möglichkeiten. Da wir von Kosmonauten umgeben lebten und viele von ihnen Freunde unserer Familie sind, wissen wir um einige der schrecklichen Dinge, die sie durchmachen mussten, und um die Tatsache, dass jeder Flug mit so vielen Gefahren verbunden ist. Sie sprachen nie über diese Schwierigkeiten und Gefahren. Ich denke, dass nur jemand mit sehr guter Gesundheit, sehr gut ausgebildet, und ein Mensch, dessen Verstand sehr schnell arbeitet, dieser Berufung gewachsen sein kann. Er war neugierig und für alles zu begeistern. Er las gern, hatte ein sehr gutes Gedächtnis und arbeitete während seines Erwachsenenlebens 20 Stunden am Tag. Alles hat ihn interessiert.
Mein Vater war ganz sicher ein Familienmensch. Auch wenn es so scheinen mag, war sein Leben kein geheimes Leben; aber wie alle, die für das Militär arbeiten, sprechen sie zu Hause nie über ihre Arbeit und wollen nie, dass ihre Frauen oder Kinder wissen, was geschieht, weil sie nicht wollen, dass diese sich sorgen. “
- Mladen Klanac
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