Erschütterndes Zeugnis eines Missionars aus Afrika
Das Zeugnis bezieht sich auf das, was sich im Sommer 2002 im Distrikt Kitgum im Norden Ugandas zugetragen hat, in einem Gebiet, das von den berüchtigten Rebellen der LRA (Lord's Resistance Army) angegriffen wurde.
Hic sunt leones/dracones (hier sind Löwen/Drachen) soll eine gebräuchliche Wendung auf mittelalterlichen Landkarten gewesen sein. Sie bezeichnete unbekannte und unerforschte Gebiete, oft sehr gefährliche. Hic sunt leones ist eine Wendung, die auf ähnliche Weise Bruder Jorge gebraucht, der böse Mönch im Roman Der Name der Rose, wobei er an das gefährliche Wissen denkt, das die Bücher der Bibliothek enthalten, oder wenn der Hauptheld des Romans, Bruder William von Baskerville, in der Bibliothek vor einer Karte Afrikas steht, die genau dieses unerforschte und gefährliche Gebiet darstellt. Es gibt unzählige Geschichten über die Verbreitung gefährlicher Ungeheuer an den Rändern der Welt, doch obwohl bei den Menschen die Überzeugung besteht, die Ungeheuer befänden sich in den entlegenen Gegenden der Erde, ist es sicher ebenso wahr, dass die Ungeheuer auch in der Nähe des Hauses zu finden sind, in unserer Umgebung und in unserem Alltag – und oft in uns selbst.
Das Zurückblicken auf die eigene Vergangenheit ist eine Übung, die wir alle machen sollten, um uns die Bedeutung der Unterscheidung im Blick auf die Tatsachen und Ereignisse zu vergegenwärtigen, die in unserem Leben wichtig sind. Deshalb habe ich beschlossen, in unserer wöchentlichen Kolumne „Hic sunt leones“ an eine Erfahrung zu erinnern, die ich vor achtzehn Jahren in Uganda durchlebt habe. Es geht nicht nur darum, die göttliche Vorsehung angemessen zu erkennen, sondern es ist auch der Versuch, sich im Blick zurück dem zu stellen, was auch heute an den Rändern unserer armen Welt geschieht: der Auseinandersetzung über Gut und Böse, über das, was erlaubt oder unerlaubt ist, über Gnade und Sünde, um jede Art von Fundamentalismus zu überwinden.
Der Bericht, der nun folgt, nimmt mir, der ich darüber schreibe, die Angst, ist aber zugleich und vor allem das Bild eines Dramas, das ich nicht vergessen kann. Das Zeugnis bezieht sich auf das, was sich im Sommer 2002 im Distrikt Kitgum im Norden Ugandas zugetragen hat, in einem Gebiet, das von den berüchtigten Rebellen der LRA (Lord's Resistance Army) angegriffen wurde. Durch Gottes Gnade sind diese Rebellen heute nicht mehr auf ugandischem Gebiet präsent, auch wenn sie weiterhin verschiedene Teile Afrikas verwüsten. Unter der Führung ihres historischen Anführers, eines verrückten Visionärs namens Joseph Kony (in der Sprache der Acholi: „Gras“) morden und zerstören sie weiter, besonders in der Zentralafrikanischen Republik und in den Gebieten des ehemaligen Zaire und im Südsudan.
Am 28. August 2002 befand ich mich mit zwei Mitbrüdern, Comboni-Missionaren, im Ort Tumangu (in der Sprache der Acholi: „Ort, an dem das wilde Tier lebt“), einem Dorf, verloren inmitten hohen Grases, etwa dreißig Kilometer östlich von Kitgum. An diesem Ort unweit der sudanesischen Grenze, mit einem Namen, der alles andere als ermutigend ist, treffen Pater Tarcisio Pazzaglia, Pater Carlos Rodriguez Soto und ich eine Gruppe von Rebellen, in einer Mission schwieriger Vermittlung für den Frieden, die von der katholischen Kirche und anderen örtlichen religiösen Führern gefördert wird.
Ich verhehle nicht, dass ich Angst empfunden habe, große Angst, die sich noch heute meldet. Wenn mir jener Tag in Erinnerung kommt, stellt sich ein Gefühl der Verlorenheit ein. Ich glaube, es war ein wahres Wunder, unter solchen Umständen dem Tod zu entgehen.
Es ist zumindest erschütternd, diesen Verrückten gegenüberzustehen, die mit einer Art Rosenkranz um den Hals kämpfen, im Namen eines angeblichen Gottes mit bizarren Ansprüchen: Sie verbieten streng, weiße Hühner zu essen und Kühe der Volksgruppe der Ankole zu besitzen, und vor allem gebieten sie, jeden zu töten, der Alkohol trinkt oder Tabak raucht. Ich tröste mich jedoch mit dem Wissen, dass meine beiden Begleiter diese Art von Erfahrung schon in der Vergangenheit gemacht haben, und zwar immer erfolgreich. Bei unserer Ankunft ergreift Pater Tarcisio als Erster das Wort und grüßt alle mit entwaffnender Unbefangenheit. Die Rebellen, kaum älter als Jugendliche und alle in Tarnkleidung, lassen uns auf drei Stühlen unter einem Baum Platz nehmen. Ich schätze, dass es etwa fünfzehn waren.
An Pater Carlos war es, den Grund unseres Besuchs zu erklären: einen Kontakt herzustellen, der dem Dialog dienen kann, um Frieden zu erreichen. Plötzlich springt ein Rebell auf und schreit: „Soldaten, Soldaten, die Regierung!“ Es folgten endlose Maschinengewehrsalven und überall ein Kugelhagel. Die Hütten stürzen ein und verwandeln sich in brennendes Gestrüpp. Wir liegen am Boden, den Kopf zur Seite, wir können die Einschläge nicht mehr zählen.
Splitter fliegen überall umher, und Pater Carlos, der unter einer Hütte Schutz gesucht hatte, wird von einem Stück brennenden Daches am Arm getroffen. Wir alle drei verstecken uns unter dem Baum, wo wir nur wenige Minuten zuvor im Gespräch mit den Rebellen darauf gewartet hatten, dass uns jemand von den Behörden erkennt. Wir schreien aus vollem Halse: „Wir sind Missionare, schießt nicht.“ Die Soldaten sind rings um uns und richten ihre Maschinengewehre auf unsere Köpfe. Wir bleiben am Boden liegen. Brüllend beschuldigen sie uns, zur Al Qaida zu gehören.
Inzwischen hören wir Kinder weinen. Ich sehe, wie einige an den Füßen gefesselt und wie Hühner zu Boden geworfen werden. Eine Frau liegt am Boden und blutet, aber niemand hilft ihr. Andere Menschen werden zu Tode geprügelt. Man beschuldigt sie der Zusammenarbeit mit den Rebellen. Man nimmt uns einige persönliche Dinge weg, während ein Soldat auf unseren Rücken springt und einige von ihnen mit den Füßen zutreten. Einer von ihnen zündet absichtlich eine Zigarette an und drückt sie dann auf meinem Rücken aus. Die Soldaten brüllen uns an, wir hätten keinerlei Hoffnung. „Ihr werdet bald getötet“, sagen sie auf Englisch.
Diese psychische Misshandlung dauert etwa vierzig Minuten. Wir sehen uns stumm an und denken an das Schlimmste. Pater Tarcisio sagt zu mir: „Giulio, ich glaube, diesmal ist es aus“. „Gut“, antworte ich, „beten wir zu Pater Raffaele aus Bari“. Ich denke an alle geliebten Menschen und an Pater Raffaele, unseren Mitbruder, den die Rebellen im Jahr 2000 getötet haben. Ich bitte ihn um seine Fürsprache. Ich weiß nicht, was aus meinem Leben wird, aber ich empfinde eine große Hingabe und Ruhe, eine ungewöhnliche Kühle. Plötzlich tritt ein Polizist heraus. Ich habe ihn vor zwanzig Jahren in Kampala kennengelernt, und er erkennt mich. Ihm verdanke ich, dass mein Leben gerettet wurde. Ihr könnt euch die Erleichterung nur vorstellen, die Freude, als er uns sagt, dass wir aufstehen dürfen.
Unser Abenteuer ist damit jedoch noch nicht zu Ende. Wir müssen zu unserer Mission nach Kitgum zurück, aber wir sind noch weit von unserem Auto entfernt. Die Regierungssoldaten befehlen uns deshalb, ihnen durch das hohe Gras zu folgen, um den Rebellen zu entkommen. Sie sagen uns, sie gehörten zu einer mobilen Einheit der Armee und seien über unser Treffen mit den Rebellen nicht informiert worden. Wir laufen durch die Savanne, unter der Sonne, acht Stunden oder länger. Völlig erschöpft erreichen wir die Kaserne in Pagimu, wenige Kilometer von Kitgum entfernt. Wir bitten um etwas Wasser, aber es wird uns verweigert. Dann werden wir in ein Auto gestoßen, einen Geländewagen.
In Kitgum jedoch bringt uns die Armee, statt uns zur katholischen Mission zurückzubringen, aus unerfindlichen Gründen in Haft. Wir werden in eine Blechhütte von vier Metern Durchmesser gesperrt, mit einem Fenster und einer Tür. Man nimmt uns die Schuhe und die Kleidung ab, die Hosen dürfen wir behalten. Wieder bitten wir um etwas Wasser, aber vergeblich. Trinken werden wir erst um elf Uhr am nächsten Tag können. Nachts haben wir gebeichtet, und am Morgen führt man uns endlich hinaus; barfuß werden wir von Nachrichtenoffizieren begleitet, die aus der Stadt Gulu gekommen sind. Sie sind viel freundlicher als ihre Kollegen, mit denen wir es bis dahin zu tun hatten, und erlauben uns, uns anzuziehen und zu trinken. Sie stellen uns viele Fragen, und kurz darauf bringen sie uns mit dem Hubschrauber nach Gulu zu den höchsten örtlichen Militärbehörden, wo wir erneut verhört werden.
Nach der offiziellen Version, die die Behörden in Kampala gaben, hat die mobile Einheit auf uns geschossen, weil die zuständigen Stellen über unsere Friedensmission nicht informiert gewesen seien. Monsignore John Baptist Odama, der Erzbischof von Gulu, bestreitet das jedoch offiziell. Die örtliche Presse wiederholt seine Worte und erinnert daran, dass die Behörden von Kitgum den Vorschriften entsprechend im Voraus informiert worden waren. Am Ende sagt man uns, es habe sich um ein „Missverständnis“ gehandelt. Wir werden freigelassen, sind aber weiterhin erschüttert. Wir können nicht anders, als an die einheimische Bevölkerung zu denken, die der Krieg zerstört hat – ein Krieg, von dem wir nichts hören, außer wenn eine Nachricht über einen entführten oder getöteten Missionar auftaucht.
Heute, nach einiger Zeit, wenn ich auf jene tragischen Augenblicke zurückblicke, bin ich immer mehr davon überzeugt, dass das, was wir erlebt haben, eine Kleinigkeit ist im Vergleich zu dem, was jene erleiden, die von morgens bis abends täglicher Gewalt, Morden und anderen Schrecken ausgesetzt sind. Während ich schreibe, spüre ich, wie die Worte nicht ausreichen. Es ist eines, am Schreibtisch in der Redaktion zu schreiben. Ein anderes ist es, unmittelbar zuzusehen, wie Blut fließt, und den Gestank der Leichen zu riechen, wegen dessen man die Luft nicht einatmen kann. Pater Tarcisio, der 2018 gestorben ist, hat mich jedes Jahr am 30. August angerufen, damit wir den Tag unserer Befreiung feiern.
Eines ist sicher: Jener Bürgerkrieg – an dem sich die Waffenhändler bereichert haben – ist nach zwanzig Jahren beispielloser Gewalt zu Ende gegangen und hat mindestens 100 000 Opfer und mehr als eine Million Vertriebene gefordert. Er endete 2007, vor dreizehn Jahren. Während des Konflikts wurden zahllose Kinder im Schulalter entführt. Bis heute weiß man nicht, was mit vielen dieser Kinder geschehen ist. Diesmal, liebe Leser, habe ich mich mit einer klaren Absicht hingesetzt und zu schreiben begonnen: damit es nicht vergessen wird.
HIC SUNT LEONES
- Mladen Klanac
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