Liebst du mich?
Von Mozart heißt es, er habe denen, die ihn drängten, ihnen etwas vorzuspielen, oft die Frage gestellt: Lieben Sie mich? (Liebst du mich?). Bekam er eine bejahende Antwort, so setzte er sich ans Klavier und führte seine Virtuosität vor. Er ertrug es nicht, dass jemand seine Musik und sein Spiel liebte, ohne ihn selbst zu lieben. Die Liebe hat ihn inspiriert. Sie schenkte ihm Sicherheit und Ganzheit, die höhere Mathematik.
Interessanterweise hat auch Christus Petrus gefragt: Liebst du mich? Er wollte, dass Petrus alles von Seiner Person trennt, was nicht Er selbst ist, und dass er Ihn persönlich liebt. Nur das hat vollen Sinn. Alles andere stiftet Verwirrung. Die Person sucht die Person!
Diese Frage Mozarts und Christi stürzt uns in eine Krise. Immer neige ich dazu, eine Person für irgendeine Sache auszunutzen. Und ebenso kämpfe ich ständig mit jenen, die mich zur Sache machen. Diese Frage kreist wie ein Heiligenschein um jede Person. K. Gibran hat Jesus diese Worte an Maria Magdalena in den Mund gelegt: Alle haben in dir sich selbst geliebt, ich aber liebe in dir dich! So liebe ich in Wirklichkeit mich selbst, wenn ich am anderen etwas von ihm liebe, irgendeine seiner Fähigkeiten oder seinen Besitz. Meine Liebe geht an der Person vorbei, mit der das verbunden ist, und kehrt zu mir zurück. Der Kreis schließt sich und alles stirbt. Erst wenn ich die Person liebe, gelingt es mir, aus mir herauszutreten.
Die Frage: Liebst du mich?, hat zwei Schneiden. Mit der einen Seite fordert sie alle um mich herum heraus, mich wirklich zu lieben, und das rettet mich; mit der anderen Seite hilft sie den anderen, aus sich selbst herauszutreten. Dieses Heraustreten erfüllt auch sie mit Liebe. Die Liebe ist immer zugleich gebend und empfangend. Sie bestätigt die Personen. Und das ist für uns notwendig, denn wir alle sind unbeständig und fließen leicht in Dinge und Ideen über. Die Liebe ist. Gott ist Liebe. Die Liebe ist seinshaft.
Zum Schluss hier ein längeres Zitat aus der Auslegung des Ersten Johannesbriefes durch den hl. Augustinus: Die Liebe sollte immer in unserem Herzen sein, und darum dürfen wir nicht aufhören, von ihr zu sprechen… Ihr seid begeistert und hingerissen, wenn ich euch lobend von der Liebe spreche… Die Liebe ist ein großer Schatz. Wenn ihr sie wollt, könnt ihr sie besitzen, denn man kann sie umsonst bekommen. Wenn es schon so schön und angenehm ist, von der Liebe zu sprechen, wie schön und angenehm wird es erst sein, wenn wir sie besitzen? Fürchtet euch nicht und meint nicht, die Liebe könne langweilig werden. Das Wort Liebe ist ein angenehmes und anziehendes Wort, aber die Werke der Liebe sind noch angenehmer und anziehender. Freilich kann man nicht immer von der Liebe reden, aber immer können wir in der Liebe leben… Mich hat dieses Thema schon lange ergriffen, doch ist es unerlässlich und wichtig, dass der Wert der Liebe auch in eure Herzen eingepflanzt wird. Wenn bei euch gar keine Liebe ist, dann haben meine Worte keinerlei Wirkung auf euch, und im besten Fall haben sie die Liebe in euch entzündet. Wenn ihr die Liebe schon besitzt, dann sind meine Worte wie Öl im Feuer… Je größere Freude ich empfinde, wenn ich von der Liebe spreche, umso weniger wünsche ich, dass dieser Brief zu Ende geht. Es gibt nichts, was in einer Predigt angenehmer zu hören wäre als dies, nichts, was wirksamer und heilsamer für euch wäre, als davon zu trinken …
(Buch von W. Stinissen, Doch die größte unter ihnen ist die Liebe)
- Mladen Klanac
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