Senglea-Malta: Der Abschied des Seemanns von seiner Familie
Dieses Denkmal ist den Seeleuten aus Senglea auf Malta und ihren Familien gewidmet, es kann aber allen Familien gewidmet sein, die die Erfahrung des Abschieds kennen. Die Skulptur ist ein Sinnbild des Leidens und der Verbundenheit einer Familie, der Erfahrung der Trennung, aber auch der Sehnsucht nach dem Wiedersehen.
Es ist der Augenblick, in dem er sich von seinen Liebsten entfernen und Abschied nehmen muss. Wenn er zurückkehrt, werden sie einander wiedererkennen, wenn auch verändert; sie werden wie zuvor beisammen sein, aber mit einer neuen Erfahrung.
Die Künstlerin, die das Denkmal geschaffen hat, heißt Cari Privitera aus Catania (geboren 1971). Das Denkmal ist aus einem Lavablock gehauen, der beim Ausbruch des Ätna um das Jahr 1700 entstand und in einem Steinbruch im Ort Paternò bei Catania auf Sizilien herausgeschnitten wurde. Ursprünglich wog er 20 Tonnen. Die Künstlerin verwendete einen besonderen Diamanten, um dieses Denkmal zu meißeln, denn Lava gehört zu den härtesten Gesteinen, die es in der Natur gibt, und lässt sich deshalb nur schwer bearbeiten.
Wir können sie mit einer Familie vergleichen, die trotz Leid und körperlicher Trennung fest und geeint bleibt. Diese Kraft kommt auch im Gewicht (9,5 Tonnen), im Volumen und in den Proportionen zum Ausdruck (1,5 m breit und 2,30 m hoch). Mächtig ist das Werk auch in seiner Dynamik. Obwohl es zu ruhen scheint, ist es zugleich in Bewegung, während die Gestalten aneinandergeschmiegt und wie zu einem Knoten verbunden sind.
Wir sehen die Mutter und den Sohn, wie sie den Vater umarmen, bevor er in See sticht. Es ist, als suchten sie seinen Segen und seinen Schutz, die drei vereint wie ein einziger Leib. Der Vater umarmt zugleich die Frau und den Sohn. Seine Hand liegt auf dem Kopf des Sohnes als Zeichen der Fürsorge, des Segens und des Schutzes. Seinen Kopf hat er zur Frau geneigt und drückt ihr so seine Liebe aus, während sich in seinem Gesicht ungeheures Leid zeigt. Die Ehefrau hat ihre Hand auf das Herz des Mannes gelegt, als Zeichen der Liebe und der Einheit. Ihre Umarmung ist ausgesprochen ergreifend, während sie den Mann hält. Unter ihnen sind mächtige Wellen, die jeden Augenblick gegen sie zu schlagen scheinen. Der Sohn sucht Schutz beim Vater, ist aber zugleich der Mutter zugewandt; bei ihr wird er bleiben und deshalb zu einem Teil die Rolle des Vaters übernehmen, doch mit einem Fragezeichen im Gesicht, ob er das können wird. Diese Umarmung ist wahrhaftig etwas Mächtiges, Spontanes und Natürliches. Im Grunde unterscheidet sich eine Umarmung nicht von irgendeiner anderen Lebensregung von größerer oder geringerer Bedeutung. Sie fasst sie alle auf ihre Weise in sich zusammen. Ganz zu leben heißt, sich ganz jemandem zu überlassen, an dem uns sehr viel liegt. Zugleich heißt das, sich all dem zu überlassen, was für uns Leben bedeutet: der Arbeit, dem Gespräch mit Freunden, der Erziehung der Kinder, dem Hören von Musik, dem Malen, dem Helfen oder etwas anderem, woran wir spüren, dass wir leben und schaffen. Dieses gegenseitige Durchdrungensein ist entweder da oder es ist nicht da. Wenn es nicht da ist, kann es beginnen, besonders in kritischen und schweren Lebenslagen wie dieser.
Die Wellen sind unter dem Seemann, als könnten sie ihn verschlingen und auch die ganze Familie mitreißen. Die Gesichter, die etwas Allgemeingültiges haben, stehen für die Familie der ganzen Menschheit; sie sind voll Leid und Ungewissheit und wecken im Betrachter augenblicklich Mitgefühl. Es ist, als hinge die Frage in der Luft, ob sie einander wiedersehen werden. Die Umarmung ist über den Wellen und sagt gleichsam – ja, die Umarmung und die Verbundenheit sind stärker als die Wellen.
Das Werk ist eigentlich eine einzige Gestalt, so wie es die Familie ist, ohne großen Abstand zwischen den Figuren. Dieser Zugang verstärkt jene Einheit und verleiht dem Stein und den Gestalten größere Kraft. Damit wird zugleich die Kraft der Familie betont. Die Bewegung der Welle unterstreicht auch die Dynamik der einzelnen Gestalten und der ganzen Familie. Sie hat in sich etwas Starkes, Unvergängliches, Festes, wie eben die Lava. Andererseits bringt sie täglich etwas Neues, Unvorhersehbares, Herausforderndes.
- Mladen Klanac
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