Das Fresko „Der Triumph des Todes“ in Palermo
Alfons V. von Aragón, bekannt als der Großmütige (1396-1458), errichtete die erste Universität in Catania und das erste öffentliche Krankenhaus in Palermo. In diesem Krankenhaus, im Palazzo Sclàfani, befand sich ursprünglich das Fresko „Ospedale Grande“, gedacht als eine Sammlung von Kunstwerken für den Innenhof, mit Skulpturen, Gemälden und Fresken, die den Kranken in ihren irdischen Leiden auf gewisse Weise Linderung und geistlichen Trost schenken sollten. „Der Triumph des Todes“ – wir kennen die Herkunft dieses großen Freskos (600 × 642 cm), das etwa zwischen 1440 und 1450 entstand, während die Identität seines Urhebers unbekannt geblieben ist.
Es waren zugleich gesellschaftlich dramatische Jahre, in denen die Ausbreitung von Seuchen, Hungersnöten und der schwarzen Pest verändert hat, wie die Menschen den Tod erlebten. Sicher ist, dass es neben dem Fresko vom „Triumph des Todes“ einen Zyklus zum Thema der vier sogenannten Novissima gab, das sind nach christlicher Deutung die vier letzten Dinge, denen der Mensch begegnet: Tod, Gericht, Hölle und Himmel.
Doch was genau stellt „Der Triumph des Todes“ dar? Es ist eine an alle gerichtete sittliche Mahnung, und es gelingt ihr, etwas sehr Genaues auszusprechen: die Vergänglichkeit des Daseins, die Zerbrechlichkeit des Lebens, die Hinfälligkeit des Menschen; sie erinnert uns daran, dass die Tatsache des Todes alle angeht, ohne Rücksicht auf die gesellschaftliche Stellung und die Schicht, der sie angehören.
Das große Fresko wird von der Darstellung des Todes beherrscht: ein Skelett auf einem Pferd, dessen Sehnen und Knochen sichtbar sind, im Begriff, mit Bogen und Pfeil jene zu töten, auf die es in seinem unaufhaltsamen Lauf trifft.
Die Szene spielt sich in einem prächtigen Garten ab, in dem der Tod sich durch Natur und Menschen hindurchschlägt – wie in einer typischen Jagdszene – und gerade einen weiteren tödlichen Pfeil abschießt, der unerbittlich sein Ziel trifft.
Der Tod drängt sich als schwarze Herrin in die Mitte des Bildes, als Skelett auf einem unwirklichen Pferd reitend, wie aus einer Vision. Auf der einen Seite die Darstellung der wirklichen, glücklichen, angenehmen, kultivierten und feinen Welt, auf der anderen ihr Gegenteil, die metaphysische Welt des Dramas und des Todes. Genau so, wie es im wirklichen Leben geschieht – die einen durchleben das Drama des Todes, während die anderen leben, als geschähe es gar nicht um sie herum.
Der Bezugstext ist gewiss die Offenbarung des Johannes:
„Da sah ich ein weißes Pferd, und der, der auf ihm saß, hatte einen Bogen. Da sah ich ein fahles Pferd; und der, der auf ihm saß, hieß Der Tod, und die Unterwelt zog hinter ihm her. Und ihnen wurde Macht gegeben über ein Viertel der Erde: zu töten durch Schwert, Hunger und Tod und durch die wilden Tiere der Erde.“ Offb 6, 2.8
Darunter liegen die Leichen jener, die bereits von den Pfeilen getroffene Opfer sind – die Mächtigen und die Reichen: Könige, Kaiser, Päpste, Bischöfe, Ordensleute usw. Auf diesem Bild sind die Sterbenden Bildnisse derer, die ihre tatsächliche Verantwortung für das Geschehen um sie herum beiseitegeschoben haben. Es scheint, dass es für sie keine Rettung gibt und keine Möglichkeit, sich aus der Umarmung des Todes zu befreien.
Auf der linken Seite stehen ihnen gegenüber die Armen und die Ausgegrenzten, die den Tod entweder wie eine Erleichterung ihres Leidens herbeizurufen scheinen oder von ihm zum Teil verschont bleiben, in betender Haltung. Unter ihnen fallen zwei besondere Gestalten auf, zwei junge Männer, deren Blick sich von der Szene abwendet und sich auf uns richtet: Es sind der unbekannte Maler des Bildes und sein Gehilfe, die eine Zeichenfeder und ein Farbgefäß halten. Nun erscheinen die Bildnisse der beiden Künstler verkleidet als Chirurg und Gehilfe, während sich das Farbgefäß, die Malerstütze und der Pinsel in ein Gefäß mit Essig und ein Skalpell verwandeln. Es kann auch ein Gefäß mit Duftessenz sein – um den Gestank des Todes zu vertreiben. Unsere beiden jungen Männer sind wohl Zeugen sowohl des Todes als auch der Rettung, die sich vor ihren Augen ereignet.
Jener, der zwei Hunde mit menschlichem Blick an der Leine hält, lenkt sie einen Schritt weit weg von der Quelle des ewigen Lebens, die sich auf der rechten Seite befindet. Die Gestalt des Hundes ist ein Sinnbild der Gier, der Begierde, des Zorns und der Sinnlichkeit; kurz gesagt, der Sinne und der verschiedenen Regungen, die sich der Herrschaft des Geistes und der Vernunft entziehen. Der, der sie führt, scheint sie kaum im Zaum halten zu können.
Es gibt jedoch Gestalten, die zeigen, dass dies nicht für alle gilt. Wandert der Blick nach rechts, so scheint sich die Stimmung zu verändern. Auf der rechten Seite wandelt sich die Umgebung, und sie wird von adeliger Jugend bevölkert, von Damen und Rittern, aber auch von Musikern und Dichtern, die – offenkundig ohne Anteilnahme an dem, was geschieht – im Genuss des Lebens und der Schönheit verharren. Sie sind Vertreter der höchsten Gesellschaftsschichten, versammelt in einem verzauberten Garten, den eine hohe Hecke umschließt.
Wir sehen zwei junge Menschen, einen Mann und eine Frau, die ebenfalls von Pfeilen getroffen wurden, doch auf ihren Gesichtern zeigt sich das Leben. Zuerst ist da der junge Mann am Boden, von einer freundschaftlichen Gestalt gestützt, dann wendet er sich um und gelangt zum Brunnen. Auch die Frau wird von einer Hand getröstet: Es halten sie die Hände zweier Frauen, die eine in Weiß, die andere in Grün gekleidet, Sinnbilder der Liebe und der Hoffnung. Freundschaft und Nähe machen uns zu tätigen und verantwortlichen Gliedern der Gesellschaft, sie mindern uns das Entsetzen über die Härte des Sterbens, denn das Sterben gehört zum Leben. Der Tod scheint eine Art Engel super partes zu sein – dasselbe Schicksal erwartet die Reichen wie die Armen. Die Gestalt hinter dem geretteten Mädchen ist sie selbst, doch nun, nachdem sie Hilfe empfangen hat, steht sie mit erhobenen Händen zum Gebet. Das ist zugleich ein Akt des Dankes und ein Anruf um die Rettung der anderen. Die rote Farbe ist ein Zeichen der Liebe, die sie empfangen hat und die sie durch Gebet und Fürsprache für andere weiterträgt. Der Lautenspieler, Sinnbild des Einklangs, führt uns zurück zum Grund der Befreiung und der Reinigung, die geschehen ist, zu jener Wandlung, die sich bei manchen Menschen ereignet, wenn sie – während sie eine bestimmte Musik hören (im Besonderen sakrale Musik) und von starken Empfindungen berührt werden – gereinigt und erneuert werden.
Über ihnen befindet sich ein Brunnen, aus dem Wasser fließt, das Gesundheit und Wiedergeburt versinnbildlicht, die Erneuerung des Lebens. Auch der junge Mann, der geheilt wurde, wird daraus trinken. „Ich gieße reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr rein von all euren Unreinheiten“ (Ez 36, 25).
Und hier ist die Schlüsselszene dieses Bildes – ein junger Mann, an den Brunnen gelehnt, hält einen Adler auf dem Arm – das ist der hl. Apostel Johannes. Der Adler bezeichnet den „Sieg“ des Lebens über den Tod. Er befindet sich genau über dem Kopf des Pferdes und dicht neben dem Brunnen, der Quelle des Lebens. Er versinnbildlicht Den, der Macht über den Tod hat, der diesem rasenden Lauf Einhalt gebieten und ihn anhalten kann. Die Heilige Schrift sagt, dass Jesus durch seinen Tod den Tod vernichtet und uns das Leben geschenkt hat. Jesus sagt: „Ich bin die Quelle des lebendigen Wassers, das ins ewige Leben strömt. Wer von diesem Wasser trinkt, wird niemals mehr dürsten.“ Der Adler kommt zu uns vom Himmel. Er bezeichnet das Wort Gottes, das die Kraft hat, alles zu erneuern und in jedem Menschen Fleisch zu werden, in uns den Tod aufzuhalten und uns das Leben kosten zu lassen, auch wenn wir uns mitten im Tod befinden. Zur Linken des Johannes befindet sich etwas, das Stufen gleicht, das heißt eine Brücke oder ein Weg, auf dem wir zum Neuen Jerusalem hinaufsteigen können. Der hl. Johannes richtet den Blick zum Himmel, wo die Stadt sichtbar wird – das neue Jerusalem, in dem „weder Klage noch Weinen mehr zu hören sein wird“. Es ist, als lade er alle, die diese Szene betrachten, ein, den Blick zum himmlischen Jerusalem zu erheben, dorthin, wo uns „der Vater viele Wohnungen bereitet hat“.
Pater Cosimo Scordato – Rektor der Kirche des hl. Franz Xaver in Palermo
Mir gefällt der Ausdruck „Triumph des Todes“ nicht. Ich meine, es wäre richtiger, vom „Reiter des Todes“ zu sprechen. Für mich ist es ein Zitat aus dem Buch der Offenbarung, sechstes Kapitel.
Vier Reiter, die losgelassen werden, jeder von ihnen mit einer Aufgabe. Einer von ihnen ist der Tod, dargestellt als Reiter mit gespanntem Bogen, bereit zu töten. Das gibt uns eine Deutung des Todes, der uns alle einander gleichmacht, ohne Rücksicht auf Stand, Alter und Geschlecht – von den Kaisern bis zu den Päpsten, von den Frauen bis zu den Männern, von den Kindern bis zum letzten Armen. Doch der Reiter des Todes stirbt auch selbst. Er stirbt mit seinem Pferd. Das ist der Tod des Todes. In Wirklichkeit betrifft es alle, den Tod selbst eingeschlossen. Und das gilt sogar für jenen Tod, der anderen den Tod zufügt. Aber um einem anderen den Tod zu bringen, muss er auch selbst sterben. Das Fresko war in einem Krankenhaus angebracht, zusammen mit anderen sehr bedeutenden Fresken, die sich mit Themen befassten, die mit den letzten Dingen des menschlichen Lebens zusammenhängen: Sterben, Fegefeuer, Hölle und Himmel. Es war für die Kranken und die Sterbenden bestimmt. Man stelle sich vor, wie sich jene Menschen fühlen würden, die ins Krankenhaus kommen, wenn sie allein von diesem Gedanken an Tod und Sterben überwältigt würden. Die Fresken sollten Licht und Hoffnung in die Lage von Krankheit und Sterben hineintragen.
Nicht der Tod ist also das Wichtigste, nicht er ist es, der siegt. Das Wichtigste ist das Leben, dessen Kraft der Mensch hier und jetzt kosten muss. Denn wonach wir streben müssen, ist das Neue Jerusalem, die neue Stadt. Dieses Fresko stellt uns das Thema des Todes vor Augen, doch in Wahrheit weckt es in uns die Liebe und die Sehnsucht nach dem Leben.
- Mladen Klanac
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