Den Drachen kann man besiegen
„Märchen sind mehr als wahr – nicht nur, weil sie uns lehren, dass es Drachen gibt, sondern weil sie uns lehren, dass man Drachen besiegen kann.“ ~ G. K. Chesterton.
Zu Beginn dieses Textes möchte ich euch eine Kindergeschichte erzählen, die mir für das, was ich sagen will, passend erscheint.
Die Geschichte heißt: „Drachen gibt es nicht“ von Jack Kent.
Die Geschichte handelt von einem Jungen, Billy Bixbee, der eines Morgens aufwacht und einen Drachen auf seinem Bett erblickt.
Er war so groß wie eine Katze, sehr zutraulich und anschmiegsam. Billy sagte, er habe einen Drachen in seinem Zimmer, doch seine Mutter entgegnete ihm, Drachen gebe es nicht. Billy ging zurück in sein Zimmer und begann sich anzuziehen, und der Drache kam zu ihm und wedelte zutraulich mit dem Schwanz. Billy wollte ihn streicheln, doch dann wurde ihm klar, dass es albern wäre, einen Drachen zu streicheln, den es gar nicht gibt. Nach und nach begann der Drache zu wachsen. Er kam mit Billy zum Frühstück und setzte sich auf den Tisch. Das war verboten, aber Billy sagte dem Drachen nichts, da es ihn ja nicht gibt. Der Drache aß alle Pfannkuchen auf, und für Billy blieb nur einer übrig. Bald war der Drache so groß geworden wie das ganze Wohnzimmer. Die Mutter versuchte zu staubsaugen. Sie brauchte den ganzen Vormittag, um damit fertig zu werden. Sie musste sich um den Drachen herumzwängen und durch die Fenster hinein- und hinausklettern, um an ihm vorbeizukommen.
„Ich wusste nicht, dass Drachen so schnell wachsen!“ – sagte Billy. „Drachen gibt es nicht.“ – antwortete die Mutter mit Nachdruck. Bald füllte der Drache das ganze Haus aus und lief mitsamt dem Haus davon. Billys Vater kam von der Arbeit zurück, fand einen leeren Platz vor und fragte den Nachbarn, was geschehen sei. Die Mutter wiederholte (wenn auch im Schock) noch immer beharrlich, dass es Drachen nicht gibt, doch Billy rief laut und flehend: „Mama, Drachen gibt es“. Die Mutter sieht, dass es den Drachen wirklich gibt, und in diesem Augenblick beginnt der Drache zu schrumpfen. Die Mutter fragt, wie es kommt, dass er so groß geworden ist. Billy antwortet, vielleicht habe er nur ihre Aufmerksamkeit bekommen wollen.
Was will uns diese Geschichte sagen? Solche Dinge geschehen viel häufiger, als wir denken. Wir schauen nicht wirklich hin, was um uns herum geschieht, worüber wir nachdenken und was wir fühlen. Wir schauen die Menschen um uns nicht an, nicht darauf, was sie uns mit Worten oder ohne Worte zu sagen versuchen, was wir vielleicht unbewusst tun. Wir sprechen nicht über die Dinge, über die wir sprechen sollten, sondern über die Dinge, über die es leicht ist zu sprechen. Wir kehren die Dinge unter den Teppich und vermeiden es, die Probleme ans Licht zu bringen. Und der Drache wächst langsam und wächst, indem er sich an dem gütlich tut, was wir vernachlässigen. Bis der Drache eines Tages so groß geworden ist, dass wir ihn nicht länger ignorieren können. Dem Drachen geht es dann nicht mehr darum, uns davon zu überzeugen, dass es ihn nicht gibt, sondern darum, uns zu verschlingen und zu vernichten. Er reißt die ganze Familie aus den Fundamenten heraus, auf denen sie gebaut ist. Dann ergießt sich die konzentrierte giftige Mischung und zerfrisst alles vor sich, statt dass sie sich nach und nach entladen hätte, Problem für Problem. Jedes dieser vernachlässigten Probleme kehrt zurück als Verschwörung gegen die ganze Familie. Alles, was man tun muss, damit das geschieht, ist: nichts. Bemerken wir nichts und reagieren wir nicht. Sprechen wir nichts aus und übernehmen wir keine Verantwortung. Ziehen wir nichts in Betracht und schenken wir dem keine Aufmerksamkeit.
So verführt uns der Teufel Tag für Tag. Raubtiere wie die Löwen sondern ihr Opfer ab, indem sie es verwunden, sodass es nicht mehr mithalten kann. So allein hat es im Kampf keine Chance und wird zerrissen und gefressen. Auf dieselbe Weise versucht der Teufel uns zu vernichten. Er tritt unter uns wie ein Wolf unter die Schafe und trennt uns voneinander. Nicht körperlich, sondern geistlich. Er treibt uns dazu, uns in uns selbst zu verschließen und unsere Probleme allein zu lösen. Allein mit uns selbst. Und er weiß genau, dass wir sie allein, ohne den Herrn und ohne einander, nicht lösen können. Und während wir die Probleme ignorieren, wachsen sie, und der Teufel wird immer stärker. Darum ist die Lösung, immer zu wachen, wach und auf der Hut zu sein. Den Teufel und seine Lügen früh zu erkennen und sie ans Licht zu bringen. Das gemeinsame Gebet hält uns immer fest beieinander und beim Herrn. So kann der Teufel um uns herumstreichen, brüllen und uns Angst machen, aber mehr kann er uns nicht antun.
Und was, wenn der Drache zu groß wird?
Die Legende vom heiligen Georg erzählt, dass ein Drache eine Stadt terrorisierte, mit seinem feurigen Atem die Häuser zerstörte und Menschen und Vieh raubte und verschlang. Da kommt der heilige Georg, der zu Pferd und mit der Lanze aus der sicheren Festung hinausreitet, dem Drachen den Kopf durchbohrt und die Stadt von der Schreckensherrschaft befreit. Seitdem nehmen die Bewohner dieser Stadt bei ihm Zuflucht und suchen seinen Schutz.
Bemerkenswert erscheint mir auch die Erzählung, dass in den 1890er Jahren in Indien Priester an die Orte frisch ausgehobener Fundamente neuer Häuser kamen und eine Lanze tief in die Erde stießen, dort, wo die Fundamente gesetzt werden sollten. Das taten sie, damit diese Lanze sinnbildlich den großen Drachen, der darunter lebt, fest an die Erde gedrückt hielt, sodass er sich nicht bewegen und die Fundamente dieses Hauses nicht erschüttern konnte.
Was bedeutet das?
Nun, dasselbe, was auch Christus über das Haus sagt, das auf Sand gebaut ist. Ganz gleich, wie gut das Material war, wie gut die Konstruktion war oder wie große Reichtümer im Haus waren – es wird zerfallen. Wofür steht die Lanze? Es ist dieselbe Lanze, mit der der heilige Georg den Drachen tötet. Die Lanze ist das Kreuz, an dem Christus den Tod besiegt hat. Das Kreuz, das jeder von uns bekommt. Das Kreuz, vor dem wir oft davonlaufen und das wir oft von uns weisen. Doch das Kreuz ist das Fundament, der Eckstein unseres Lebens. Am Kreuz liegt der Sinn unseres Lebens. Darum bitten wir den Herrn, er möge uns immer die Kraft geben, dieses Kreuz anzunehmen, und dass wir ihm nachfolgen können, indem wir es tragen. Der Drache wird niemals so groß, dass wir ihn mit dem Herrn nicht besiegen könnten.
Wir leben gerade in einer ganz besonderen Zeit. Erstens ist Fastenzeit. Und die Fastenzeit ist an sich regelmäßig von größeren und stärkeren Versuchungen erfüllt als sonst. Der Teufel weiß, dass der Augenblick des Todes Christi naht und dann die Auferstehung und der große Sieg, und darum will er alles tun, was in seiner Macht steht, um uns davon abzubringen. Er will nicht, dass wir das in Fülle und Freude erleben, sondern dass wir nur murren, uns auflehnen und den Versuchungen erliegen. Zweitens ist es die Zeit der Coronavirus-Pandemie, die zusätzlich Angst und Sorge bringt, und der Teufel bedient sich dessen, um die Wirklichkeit zu verdrehen und uns alles als schrecklich erscheinen zu lassen. Er sagt uns, der Herr liebe uns nicht und habe uns verlassen. Aber das ist nicht wahr. Mit der Lanze der Annahme dieses Kreuzes und mit dem Schwert des Gebetes und der Arbeit können wir ihn besiegen und die Ankunft des Herrn bereit und wachsam erwarten.
Filip Bošnjak
- Mladen Klanac
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