Mitten im Tod brachte sie das Licht
Im Konzentrationslager, in dieser Finsternis der Schwärze, des verbrannten Menschenfleisches, der Ratten, fett vom immerwährenden Mahl an toten Menschenleibern, der Mäuse, die an Ohren, Fingern und Nägeln nagen, ist der Mensch ohnmächtig, sich zu wehren. Sein Leib ist erschöpft vom Aushungern und vom Ausgeliefertsein an Schmutz und mancherlei Krankheiten. In einer solchen Hölle auf Erden gibt es Engel. Es gibt immer Engel in Menschengestalt – Menschen, deren Blick beruhigt und tröstet, Menschen, auf die du dich stützen kannst. Eine von ihnen ist ohne Zweifel auch Stanislawa Leszcynska, die 1943 nach Auschwitz deportiert wurde und dort bis zur Befreiung des Lagers 1945 blieb. Die Lagerinsassen nannten sie „Mutter“ und „Engel der Güte“.
Das Leiden in den Konzentrationslagern, von dem wir hören und das wir aus der Geschichte lernen – auf den Schulbänken und an den Universitäten manchmal nur mit einem Ohr und mit geschlossenen Augen, teils aus Angst und Ohnmacht vor der Begegnung mit dem Bösen am Werk, teils aus persönlicher seelischer Ohnmacht in einer Kultur der Gleichgültigkeit und des Überflusses (einer verdeckten Kultur des Todes), die diesem Leiden Grenzen setzt –, kann und muss die meisten von uns dennoch, aller Taubheit und Blindheit zum Trotz, zutiefst berühren. Der Ansturm der Gefühle von Empörung, Rachsucht und Abscheu weckt in uns jenes urtümliche menschliche Staunen darüber, was ein Mensch einem Menschen antun kann, und die Frage, wo die menschliche Grausamkeit und Unbarmherzigkeit ein Ende hat.
Stanislawa Leszczynska wurde 1896 geboren, in der polnischen Stadt Lodz. In ihrem 12. Lebensjahr geht sie mit den Eltern nach Rio de Janeiro, wo sie zur Schule geht und Portugiesisch und Deutsch lernt, was ihr später das Leben retten wird. 1916 heiratet sie Bronislaw Leszczynski, mit dem sie vier Kinder bekam: Silvia, Bronislaw, Stanislaw und Henryk. Sie lebten in Warschau, wo sich Stanislawa auch an der Hebammenschule einschrieb und diese abschloss. Dort ereilte die Familie Leszczynski der Zweite Weltkrieg, und das Ehepaar schloss sich sogleich der Widerstandsbewegung an und half im Warschauer Ghetto den Juden. Die Gestapo entdeckte ihre Tätigkeit, und die ganze Familie wurde verurteilt und in die Lager geschickt. Zwei der Kinder wurden nach Mauthausen-Gusen deportiert, während Stanislawa mit ihrer Tochter nach Auschwitz–Birkenau geschickt wurde. Ihren Mann sah sie nie wieder, denn er starb während des Warschauer Aufstands, des ersten bewaffneten Aufstands der Juden im damaligen Reich.
In einer ihrer Erinnerungen schreibt Elizabeth Solomon, eine überlebende Wöchnerin aus Auschwitz, über Stanislawa: „mitten im Tod, im Elend und im Schmutz – Maria, im gestreiften Hemd, brachte das Licht Jesu“. Um die Neugeborenen zu waschen, musste Stanislawa für einen Eimer Wasser zwanzig Minuten weit von der Baracke gehen, die „Entbindungsstation“ genannt wurde. Die übrigen Gefangenen hatten keine Erlaubnis, sich zu bewegen. Sie wurden erschossen, wenn sie sich außerhalb der Baracken zeigten. Die Gebärenden wussten, dass ihre Hebamme zurückkommen würde, denn sie spürten, dass da eine Seele war, die in ihrer grenzenlosen Verlassenheit und Hilflosigkeit bei ihnen blieb. Sie brachte ihnen Wasser zum Waschen und zum Trinken, und es war zugleich Wasser für die Taufe. Überlebende Zeugen sagen, sie sei außerordentlich fromm gewesen. Ihr Glaube sagt uns, dass sie mit ihrem ganzen Wesen für das Leben lebte. Wie Maria trug sie es unter dem Herzen und gab es dorthin zurück, wohin es gehört: in den Himmel. Das Rosenkranzgebet war ihre Stütze, ohne die sie in keinen einzigen Kampf um das Leben ging.
Wenn die Schwestern nachts geweckt und dringend zu einem Einsatz gerufen wurden, konnten sie in der Eile ihre Pantoffeln nicht finden und erschienen beim Einsatz nur mit einem. „Auf dieselbe Weise betete auch meine Mutter“, erinnert sich Bronislaw Leszczynski – „Komm, Jungfrau, und eile mir zu Hilfe, und sei es mit nur einem Pantoffel. Mama sagte, sie habe ihre Hilfe und ihre Fürsprache immer gespürt.“ Von 3000 Kindern, die sie in diesem Todeslager lebend zur Welt brachte, wurden 1500 gleich nach der Geburt getötet, mehr als 1000 starben an den Folgen des Lagerlebens, einige Hundert wurden den Müttern weggenommen und ihnen die Nationalität geändert, und nur etwa 30 Kinder überlebten und erlebten die Befreiung.
Jedes Kind, das sie unter diesen unmenschlichen Bedingungen zur Welt brachte, taufte sie und legte es, wenn es möglich war, in den Schoß der Mutter zurück – meist waren es nichtjüdische Mütter, Polinnen und Russinnen. Und auch jene Kinder, die bei der Mutter bleiben konnten, die bis zum Äußersten erschöpft war, wenn der Leib nichts mehr hat, woraus er die nötige Milch bilden könnte (die häufigste Krankheit war die Ruhr, und die Mütter lagen buchstäblich in ihren eigenen Ausscheidungen), starben an Unterkühlung und Hunger.
Es gab einen Befehl des berüchtigten Doktors Joseph Mengele, nach dem jedes geborene Kind, ohne die Nabelschnur abzubinden, vor den Augen der Mutter ertränkt und in die Abfalleimer geworfen wurde, den Ratten zum Fraß. Mutig widersetzte sie sich ihm und sagte, sie wolle kein Herodes an den Unschuldigen sein, und es sei ihre Pflicht, den hippokratischen Eid zu achten und keine Kinder zu töten. Ihr Sohn Bronislaw erzählt, sie habe einmal am Heiligen Abend von ihren Eltern ein Paket mit Brot erhalten. In Scheiben geschnitten, legte sie es auf ein Stück Karton und gab es den Gefangenen wie die Hostie zur Kommunion. Plötzlich betrat der Arzt Mengele, der „Engel des Todes“, den Schlafraum.
“Meine Mutter suchte seinen Blick. Und er senkte den Blick und sagte, er habe für einen Augenblick gedacht, er fühle sich menschlicher. Und wem sagte er das? Einer Lagerinsassin, einer Polin. Sogleich ging er fort, und eine Verfolgung blieb aus. Die Leute wussten, dass sie Macht über ihn hatte”.
Eine der Lagerinsassinnen, Maria Saloman, schildert uns ihre Eindrücke von Stanislawa: „Wochenlang hatte sie keine Gelegenheit, sich hinzulegen. Manchmal setzte sie sich neben eine Kranke auf den Ofen, nickte für einen Augenblick ein, sprang aber bald auf und lief zu einer Frau, die um Hilfe rief... Als Stanislawa sich mir zum ersten Mal näherte, wusste ich, dass alles gut werden würde. Ich weiß nicht, warum, aber so war es. Mein Kind hielt drei Monate im Lager durch, doch schien es mir zum Hungertod verurteilt. Mir fehlte die Milch vollständig. Die „Mutter“ fand irgendwie zwei Frauen, die mein Kind stillen konnten, eine Estin und eine Russin. Bis heute weiß ich nicht, um welchen Preis sie das tat. Meine Liz verdankt Stanislawa ihr Leben.
Unter den überlebenden Neugeborenen ist auch Zofia Wareluk, die im Januar 1945 geboren wurde, einen Tag bevor das Lager befreit wurde. Frau Zofia ist eine der Zeuginnen im Seligsprechungsverfahren, das 1992 eröffnet wurde. Sie bewahrt die Worte ihrer Mutter im Gedächtnis, die die Hebamme Stanislawa eine „Heldin“ nannte. „Wo viele Menschen, ungeachtet ihrer Bildung, in dem Wunsch, das Leiden des Lagers zu überstehen, selbst aufhörten, Menschen zu sein, da war eine schwache und magere Frau die Verkörperung des Guten“.
Bei einer christlichen Seele ist das Verhältnis zu den Tätern der Gewalt ein besonderes. Sie verkleinern deren Untaten und deren persönliche Verantwortung nicht. Sie sind nicht unempfindlich für die eigenen Gefühle, die mit dem erlittenen Trauma verbunden sind. Aber es ist, als bluteten ihre Wunden anders. Über die Feinde sagte Stanislawa: „sie sind nur arme Menschen“. Ein solches Heldentum ist es, was im Seligsprechungsverfahren die „Advocati diaboli“ besonders untersuchen. Sie suchen das Heldentum in der Nachfolge Christi. Und sie finden es. Mit menschlichen Kräften ist es nicht möglich, ein Leben in der Finsternis zu leben, wenn nicht der Glaube entzündet wird und alle menschlichen Gefühle, Gedanken und Taten umformt. Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie und ein bekannter Psychiater des vergangenen Jahrhunderts, der selbst Auschwitz überlebt hat, schreibt über den Glauben an einen Sinn, der den Gefangenen half zu überleben. Welchen Sinn fand Stanislawa? Den Wunsch, ihren Mann und eines ihrer vier Kinder wiederzusehen? Drei von ihnen wurden zusammen mit ihr in die Todeslager deportiert, ihr Mann und der älteste Sohn entgingen der Deportation. Menschlich gesehen können wir ihren Kampf bis zu einem gewissen Punkt verstehen. Aber wie soll man verstehen, dass der Anteil der lebend geborenen Kinder unter unmenschlichen Bedingungen so hoch war wie in den modernsten Krankenhäusern von heute? Wie den Einfluss verstehen, den sie auf den „Engel des Todes“ hatte, wie man den erwähnten Doktor Mengele nannte, wenn wir nicht daran denken, dass das innere Leben dieser Frau reich und voll der Gnade war. Dass sie als Mädchen die deutsche Sprache lernte und erst als verheiratete Frau die Hebammenausbildung abschloss, gehört zur göttlichen Vorsehung und Weisheit, die sie führte, damit sie den Sinn entdecke und dann auch den Sinn mit großem Anfangsbuchstaben kennenlerne und ihn dorthin bringe, wo es menschlich gesehen keinen Sinn gibt.
Ein einzelnes Verbrechen wird leicht zum Teil eines aufgebauten verbrecherischen Plans der Vernichtung. Ebenso ist eine einzelne gute Tat Teil des erlösenden Planes Gottes für das ganze Menschengeschlecht. Ihr Glaube an Gott war so stark, dass schon ihr bloßes Erscheinen das verbrecherische Vorhaben der Vernichtung unterhöhlte. Erinnern wir uns auch an die Heiligen jener Zeit – an Maximilian Kolbe, Edith Stein und unseren Alojzije Stepinac und an zahlreiche andere, bekannte und unbekannte.
Stanislawa Leszczynska starb im März 1974 an den Folgen von Darmkrebs. 1992 begann ihr Seligsprechungsverfahren. Die Gnade Gottes wirkt unablässig in der Kirche, um sie vollkommener zu machen durch die wachsende Zahl ihrer Heiligen, die sich den früheren zugesellen, und die Krone der Heiligen wird täglich um neue Diamanten reicher.
Stanislawa Leszczynska schließt ihre kurzen, aber furchtbaren Erinnerungen mit den folgenden Worten: „Alle Kinder wurden lebend geboren. Ihre Bestimmung war zu leben.“
- Mladen Klanac
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