Mein Gefühl der Verlassenheit wurde zu einem unerwarteten Akt der Hoffnung
Zu Beginn dieses Jahres hallt noch immer kräftig der persönliche und zugleich chorische Anruf nach, kraftvoll, irdisch und mystisch in einem – Kyrie – jenes Lied, mit dem Angelo Branduardi, der bekannte italienische Liedermacher, das Annus horribilis (das Jahr des Schreckens) der Pandemie abschließen wollte. Es ist eine Zeit, die ihn zutiefst erschüttert hat, ihn beinahe zum Verstummen brachte und sein Album „Der Weg der Seele“ fast von innen her bedrohte, das als Lebensaugenblick zu einer erleuchtenden und erleuchteten Aufzeichnung wurde, veröffentlicht Ende 2019 und inspiriert vom musikalischen Werk der mittelalterlichen deutschen Mystikerin, der heiligen Hildegard von Bingen.
«Ich versank in die Einsamkeit (in das Schweigen)“, erklärt Branduardi, wenn er von der Zeit der Pandemie spricht. „Mit dem Lied Kyrie bin ich zur Musik zurückgekehrt. Der Sänger und Komponist erinnert sich an dieses Lied mit den Worten: «Für mich ist es ein Weinen (ein Schrei), ein furchtbares Schweigen Gottes. So habe ich es verstanden. Monatelang habe ich nicht gespielt, jetzt komponiere ich voller Staunen, wie ein Kind.”
Das Interview mit Angelo Branduardi führte Massimo Iondini
Kyrie (Herr, erbarme dich)
Denn lang ist der Weg
wenn die Nacht sinkt
Und ein Licht genügt nicht
um mir das Licht zu bringen
Alles Brot genügt nicht
um den Hunger zu stillen
Alles Wasser genügt nicht
um den Durst zu löschen
Und die Liebe genügt nicht
um den Schmerz zu lindern
Wenn du die Augen öffnest, dann wirst du sehen
Atme ein und atme
Geh über die Schatten hinweg
Entdecke, erkenne und erforsche
Richte nicht, tröste
Vergiss das Verzeihen nicht
Denn lang ist der Weg
wenn die Nacht sinkt
und die Liebe genügt nicht
um den Schmerz zu lindern
Und dieses Licht genügt nicht
um dir das Licht zurückzugeben
Und alles Brot genügt nicht
um den Hunger zu stillen
Und alles Wasser genügt nicht
um den Durst zu löschen
Alles Feuer genügt nicht
um dir die Hände zu wärmen
Und die Liebe genügt nicht
um den Schmerz zu lindern
Und die Liebe genügt nicht
um den Schmerz zu lindern
Kyrie (Herr, erbarme dich)
Der inzwischen 70-jährige Liedermacher aus der Lombardei blickt nach vorn und verspricht ein neues Lied: „eine Überraschung für mich und für alle, die mir folgen, ein Lied von beinahe kindlichem Staunen, von großer Freude. Ich weiß nicht, wann, aber ich weiß, dass dieses Lied „Kyrie“ auf den Online-Plattformen zu finden sein wird; es wurde im November 2020 veröffentlicht, als Geschenk zu meinem bevorstehenden Geburtstag am 12. Februar. Zu meinem vorigen, dem 70. Geburtstag, hat Covid gleich zu Beginn alles blockiert, als das Album „Der Weg der Seele“ herauskam. Die innere Reise, die live nicht stattfinden konnte, hat sich, so hoffe ich, trotz allem in den Seelen der Menschen fortgesetzt, in den Seelen meines Publikums. Unterdessen hallt in mir noch immer dieser letzte Satz meiner Komposition „Kyrie“ nach, die von der kongolesischen Tradition der „Missa Luba“ inspiriert ist und die immer Hoffnung bedeutet. Denn ich habe lange Zeit verzweifelt, als ich das Schweigen Gottes und das Fehlen der Musik kostete, und dadurch war alles noch schmerzlicher”.
War das Komponieren dieses ergreifenden Liedes für dich ein befreiender Akt?
„Eine grundlegende Etappe des Weges. Es ist vor allem ein Schrei, so jedenfalls habe ich ihn verstanden, denn das Schweigen Gottes ist erschreckend. Während der ganzen Zeit der Pandemie habe ich keine einzige Note gespielt und kein einziges Instrument in die Hand genommen. Ich konnte nichts von dem hören, was mich sonst bewegt und tröstet. Ich habe es viele Male versucht und dann aufgegeben. Nachdem ich „Kyrie“ geschrieben hatte, war mir plötzlich, als sei ich auferstanden. Eine geheimnisvolle Wirkung, denn ich konnte und wollte den Herrn einfach um dieses eine bitten: Erbarme dich meiner. Zuerst dachte ich, ich hätte etwas sehr Schmerzliches geschrieben, doch stattdessen fanden alle, die es hörten, ein zutiefst tröstliches und hoffnungsvolles Lied”.
War jener große Dur-Akkord ein Teil davon?
«Eigentlich dachte ich, die Hoffnung werde allein durch den abschließenden Dur-Akkord ausgedrückt, was in der Renaissance ein häufig gebrauchtes Mittel ist. Außerdem konnte es nicht in e-Moll enden, der traurigsten Tonart, die es gibt, wahrhaft ein Grabesklang. Doch in Wirklichkeit ist alles auf den Text meiner Frau Luisa Zappa abgestimmt. So habe ich am Ende begriffen, dass ich nicht das geschrieben habe, was ich anfangs vorhatte: Es ist ein Lied des Vertrauens”.
Und worin besteht diese letzte Hoffnung?
„Sie ist eine Erfüllung, eine grundlegende Etappe eines Weges, die mich dahin geführt hat, das schwere und schmerzliche Gefühl der Verlassenheit, des Schweigens Gottes und der menschlichen Niederlage zu überwinden und das Schweigen zu umarmen durch ein immer tieferes Verstehen unserer Zugehörigkeit. Ich dachte, ich würde den Schmerz ausdrücken, aber am Ende tat ich es nicht. Das war für mich eine überraschende Entdeckung. So verwandelte sich mein persönliches und innerstes Gefühl der Verlassenheit in einen unerwarteten Akt der Hoffnung.”
Das Geheimnis der Seele und der Musik?
Mit „Kyrie“ habe ich etwas sehr Wichtiges für mich persönlich begriffen, und dabei kommen jene unaussprechlichen Dynamiken ins Spiel, die einen Künstler bewegen, der – in meinem Fall – über die Musik sich selbst und seine Seele heilt. Sogar ein großer Psychiater wie Giovanni Battista Cassano ist überzeugt, dass es im Gehirn, in der Psyche oder in der Seele eines Musikers etwas Besonderes gibt, etwas Anderes. Der Musiker sieht oft hinter verschlossene Türen. Ich habe darüber nachgedacht und begriffen, dass es für Musiker tatsächlich, viel mehr als für andere Menschen, keine Vermittlung zwischen ihnen und der Welt gibt, wie Ennio Morricone gesagt hat. Musiker sind, mehr als alle anderen Künstler, wie Menschen am Rand, wenn auch reich beschenkt. In jenen Tagen des Schweigens habe ich in meinem Empfinden das erfahren, was mein Freund Franco Battiato, dem ich sehr verbunden bin, in einem seiner wunderbaren Lieder als „Schatten des Lichts” bezeichnet hat.
„Die Liebe genügt nicht, um den Schmerz zu lindern”, singst du am Ende von „Kyrie“...
„Da liegt die Grenze der menschlichen Liebe, so hoch sie auch reicht. Sie genügt uns nie, sie hat ihre unheilbare Unvollständigkeit. Sie hat große Kraft zu trösten, aber sie verlangt, dass sie sich immer nach oben erhebt, zu einem Höheren hin. Und diese unsere trügerischen Zeiten, mit der Technokratie an der Macht, sind bezeichnend für die Verfassung des Menschen. In diesem Sinne bin ich froh, dass der große Schock und die unglaubliche Anklage von einem kleinen Mädchen kommen, von Greta Thunberg. Es ist kein Zufall, dass die Auflehnung gegen Greta und gegen das, wofür sie steht, in vielen Fällen heftig und hartnäckig war”.
Wird Covid der Welt, der Politik, den Menschen endlich etwas Entscheidendes beibringen, und sei es auch nur dem Einzelnen?
„Im Augenblick bewirkt all das, dass die Menschen viel nachdenken. Aber ich weiß nicht, wie lange es anhalten wird. Ich erwarte jedoch, dass früher oder später eine neue Sonne aufgehen wird. Das ist gewiss nicht die Sonne der Zukunft ideologischen Angedenkens. Befreien wir uns von den falschen Zielen, die dem Menschen nicht dienen und ihn nicht retten, vom ungezügelten Wirtschaftswachstum bis zum vielbeschworenen Bruttoinlandsprodukt, das um jeden Preis immer wachsen muss. Genug mit diesen Irrtümern”.
Woran wirst du dich persönlich erinnern?
«Vor allem daran, dass ich „Kyrie“ verwirklicht habe, wie ein Segen in dieser Phase meines Lebens, in der mich das Schweigen der Musik geradezu an eine Art existentieller Umzäunung geführt hat. Ich weiß nicht, ob und wann ich zum Livespielen zurückkehren werde. Natürlich glaube ich, wenn ich wieder die Geige zur Hand nehme, nicht mehr jenen Eindruck zu haben, den ich in der Vergangenheit immer hatte: dass sie mich spielt. Aber das war einfacher und körperlich nur eine Frage des Muskelgedächtnisses.”
Der hl. Franziskus hat gesagt, du veränderst die Welt, indem du sie ausbesserst...
„Eine glänzende Lehre. Eine Verspottung aller Mythen von Revolutionen. Heute schafft, wenn schon sonst nichts, Papst Franziskus die wahre Revolution mit allem, was er uns täglich sagt. Das führt mich zurück zu meinem fernen, aber immer gegenwärtigen Album Unendlich klein (Infinitamente piccolo), das meine Laufbahn und mein Leben franziskanisch erleuchtet hat.”
- Mladen Klanac
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