Und die Söhne bedeckten mit dem Mantel die Blöße ihres Vaters
Sich selbst nackt zu erkennen bedeutet, sich seiner Verletzlichkeit bewusst zu werden – seiner körperlichen Grenzen in Zeit und Raum und seiner grundlegenden, physiologischen Unzulänglichkeiten.
Wir alle sind in der Arche, die uns unsere Vorfahren als Erbe hinterlassen haben. Das muss von Dankbarkeit begleitet sein. Jordan Peterson
Noach hatte drei Söhne, die Sem, Jafet und Ham hießen (Genesis 5,32). Sem war der Stammvater aller Söhne Ebers, und das ist bedeutsam, denn das Wort Eber ist die Wurzel des Wortes „hebräisch“. Das Wort Sem selbst bedeutet „Name“, was besagt, dass Noach erwartete, der Name seines Sohnes werde groß sein. Noach erteilte Sem seinen Segen und stellte ihn damit über seine Brüder (Genesis 9,26–27), und gerade durch Sem kam jener verheißene Nachkomme, der den Satan zermalmen wird (Genesis 3,15). Als er seinen Sohn Jafet segnete, sprach Noach die folgenden Worte: „Weiten Raum schaffe Gott dem Jafet, er wohne in den Zelten Sems, Kanaan aber sei sein Knecht!“ (Genesis 9,27). Ham war der jüngste der drei Söhne Noachs. Wegen der Sünde Hams gegen seinen Vater Noach (Genesis 9,20-25) verfluchte Noach Kanaan und sprach, er werde Sem ein Knecht sein (Genesis 9,26).
Das Buch Genesis erzählt uns davon, wie Gott eine vollkommene Erde erschuf, die ersten Menschen sich aber gegen ihn auflehnten. Das führte zu verheerenden Folgen. Die Menschen wurden sündig, und ihre Bosheit wuchs mit den Geschlechtern sogar noch an: „Die Erde aber war in den Augen Gottes verdorben, sie war voller Gewalttat“. (Genesis 6, 11-13) Gott ließ die Wasser der Flut über die Erde kommen, die alle Menschen und alle Tiere vernichteten – ausgenommen Noach, seine Familie und je ein Paar jeder Tierart (sieben Paare der reinen Tiere). Sie wurden gerettet, weil Gott Noach befohlen hatte, eine Arche zu bauen, in der sie während der Sintflut geborgen waren. Nach der Sintflut waren Noach und seine Familie die einzigen Menschen auf der Erde. Doch es dauerte nicht lange, bis die Dinge wieder schieflaufen sollten.
„Noach begann, das Land zu bebauen, und pflanzte einen Weinberg. Als er von dem Wein trank, wurde er betrunken und lag entblößt in seinem Zelt. Und Ham sah die Blöße seines Vaters und erzählte es seinen beiden Brüdern.“ Wie reagierten die Söhne Noachs auf eine solche Lage? Offensichtlich sehr unterschiedlich.
Als Ham seinen Vater nackt sah, meldete er es rasch seinen Brüdern. Ham ist allein – er findet seinen betrunkenen Vater hilflos und nackt in dessen Zelt auf dem Boden. Was hätte Ham tun sollen? Natürlich kann er den Blick abwenden. Aber gesehen hat er ihn dennoch nackt. Ham trifft keine Schuld daran, dass sein Vater so betrunken ist, in einer so unmöglichen Lage!
Indem er seinen Vater demütigte, hoffte Ham, die Autorität des Vaters an sich zu reißen und seine älteren Brüder in der Familienordnung zu verdrängen. Vergleicht man aber das Verhalten Hams mit dem seiner Brüder, so wird sein Mangel an Achtung offenkundig. Selbst wenn Ham arglos zu seinem Vater kam, als dieser unbedeckt in seinem Zelt lag, war es eine schwere Kränkung, den Vater nackt zu sehen. Ham hätte keine Schande über seine Familie bringen dürfen, indem er es „den beiden Brüdern, die draußen waren“, sagte, die noch immer nichts gesehen hatten. Das war zutiefst demütigend für Noach! Es liegt nahe, dass Ham über die Trunkenheit seines Vaters spottete und vielleicht deshalb zu seinen Brüdern ging, um zu sagen: „dieser Alte ist nicht mehr, was er einmal war“!
„Sem und Jafet nahmen einen Mantel, legten ihn beide über ihre Schultern, gingen rückwärts und bedeckten damit die Blöße ihres Vaters. Ihre Gesichter waren abgewandt, sodass sie die Blöße ihres Vaters nicht sahen. Als Noach vom Wein nüchtern wurde und erfuhr, was ihm sein jüngster Sohn angetan hatte, sprach er: ‚Verflucht sei Kanaan; seinen Brüdern sei er der niedrigste Knecht!‘ Dann fuhr er fort: ‚Gepriesen sei der Herr, der Gott Sems; Kanaan sei ihm Knecht! Weiten Raum schaffe Gott dem Jafet; er wohne in den Zelten Sems; Kanaan sei ihm Knecht!‘“ (Gen 9, 20-29)
Die beiden älteren Brüder erwiesen Achtung und bedeckten den nackten Vater, schützten ihn vielleicht vor den Blicken anderer und vor noch größerer Schande. Sie sind in der besseren Lage. Sie haben ihren Vater nicht nackt und betrunken gesehen. Der Text sagt: „Sie gingen rückwärts in das Zelt – und bedeckten den Vater. Ihre Augen waren geschlossen – damit sie den Vater nicht nackt sähen.“ Rückwärts gehen, sich wenden, nichts sehen – und dann die Blöße des eigenen Vaters bedecken: das ist eine Kunst, die normale Menschen nicht unbedingt beherrschen müssen! Das klingt, bei allem Respekt, schlichtweg unmöglich. Das Gewand über die Schultern legen – rückwärts gehen, sich wenden und dann untrüglich den eigenen Vater bedecken – ohne hinzusehen und ohne zu stolpern. Das muss man wirklich einmal versuchen. Jeder würde denken, er stolpere und breche sich die Knochen. Das ist ziemlich schwer, ja beinahe unmöglich. Bei ihnen zeigte sich jene gute Scham, die verlangt, dass du die Blöße bedeckst und sowohl deine eigene Würde als auch die des anderen rettest.
Die Griechen unterschieden zwei Arten von Scham – aischyne und aidos. Der Ursprung des Wortes aischyne bedeutet Missachtung. Wir erfahren sie in der Verletzung von Regeln und Bräuchen, die der Mensch geschaffen hat. Meist ist es der mögliche Tyrann, der Mensch, der nach Selbstgenügsamkeit strebt, der (wenn es möglich wäre) sein eigener Vater und Schöpfer werden wollte und dessen Begrenztheit und Abhängigkeit eine Kränkung seines autonomen Selbstbildes sind. Wie Ödipus begeht Ham (im übertragenen Sinn) Vatermord, und seine Nachkommen üben (buchstäblich) Inzest. Einer seiner Nachkommen, Nimrod (dessen Name Aufsatz und Aufruhr bezeichnet), wird ein Reich erobern und danach streben, der allmächtige und sich selbst genügende Herr der Erde zu werden.
Der Ursprung des Wortes aidos ist Ehrfurcht. Wir empfinden sie besonders dann, wenn wir vor Dingen stehen, die von Natur aus Achtung wecken, vor Dingen, die geheimnisvoll sind, die eine Macht oder ein Geheimnis in sich tragen, das wir achten sollten. Aidos empfinden wir, wenn wir in das Dunkel einer Höhle oder eines Waldes treten, wenn wir einen Tempel oder einen Gerichtssaal betreten, wenn wir vor mächtigen menschlichen Gestalten stehen. Und wir empfinden es – oder sollten es empfinden – angesichts der Sexualität oder der Nacktheit: auch hier gibt es eine geheimnisvolle Macht, der wir Achtung schulden, auch hier gibt es unsichtbare und verborgene Bedeutungen, die wir anerkennen sollten. Nicht zufällig nannten die Griechen die Geschlechtsorgane aidoia, "die erstaunlichen Dinge", also Dinge, die Scham und Ehrfurcht hervorrufen.
Ham erwies seinem Vater keine Achtung, ihm, dem sittlichen und geistlichen Haupt der Familie. Das war in der alten Welt sehr bedeutsam, weshalb Hams Verhalten als sehr schweres Vergehen galt. Manche meinen, darin habe sich der Wunsch gezeigt, die Führung der Familie an sich zu reißen. Der Sohn, so meinen Adorno und Horkheimer, „konnte über den Vater denken, was er wollte: wenn er aber keine schweren Verbote und Konflikte heraufbeschwören wollte, musste er unermüdlich darauf bedacht sein, ihn zufriedenzustellen. Vor dem Sohn strebte der Vater beständig danach, recht zu behalten; darin verdichteten sich Macht und Erfolg. Die einzige Möglichkeit für den Sohn, wollte er wenigstens in seinem seelischen Gleichgewicht die Harmonie zwischen Wunsch und Gebot bewahren, bestand darin, dem Vater als dem Starken und Mächtigen alle mächtigen Eigenschaften zuzuschreiben, die als positiv galten, und so aus der Wirklichkeit ein Ideal zu machen. Auf diese Weise bildete das Kind an der Kraft des Vaters seine eigene Moral, sein Gewissen, und stellte schließlich mit dem Verstand fest, was da war, indem es lernte, es zugleich zu achten und zu lieben; damit aber erlernte es die Haltung gegenüber der Autorität, und zwar nicht nur in der Familie“.
Der Angriff auf die Autorität des Vaters zerstört auch die Beziehungen unter den Brüdern. Es geht um eine Grenze des menschlichen Zusammenlebens, die man in der alten Welt sehr ernst nahm: die Fortdauer des Lebens der Menschen hing an der Überlieferung, die ungehindert von einer Generation zur nächsten überging. Das war nur möglich, wenn die Jüngeren die Älteren achteten. Die Achtung vor den Älteren war die Bedingung der Selbsterhaltung einer Gruppe, einer Sippe, eines Stammes, einer Familie. Noach handelt nicht als Einzelner in einer persönlichen Vater-Sohn-Beziehung, sondern als Haupt der Familie, um des Fortbestands des gemeinsamen Lebens willen. Besonders nach seinem Tod, um des möglichen Zusammenlebens der Brüder willen. Fortbestand kann es nur dort geben, wo Solidarität zwischen der gegenwärtigen und der vorangegangenen Generation herrscht, hier ausgedrückt als Achtung und Fürsorge, als zarte Liebe und Schutz für den schwachen Vater. Und genau das wird später das Gebot der Elternehrung zusammenfassen.
Als Noach aber erwachte und vom Verhalten seines Sohnes erfuhr, verfluchte er an dessen Stelle seinen Enkel! Der Fluch trifft nicht persönlich Hams Sohn Kanaan, sondern das Volk, das von ihm ausgehen wird. Der Fluch nennt Kanaan, nicht die übrigen Söhne Hams: Kusch, Mizrajim und Put. Im Grunde war das eine Voraussage, dass die Kanaanäer von den übrigen Söhnen Noachs überwunden werden würden.
Zunächst einmal hat kein Fluch, den ein Mensch ausspricht, aus sich selbst Macht. Die letzte Macht des Segens wohnt in Gott. Dennoch erwiesen sich Noachs Voraussagen als wahr, als die Kanaanäer aus ihrem Land vertrieben und von den Israeliten vernichtet wurden (man lese etwa Josua 3, 9-10) – nicht deshalb, weil Noach sie verflucht hatte und die Israeliten den Fluch hätten vollstrecken müssen, sondern „wegen der Bosheit dieser Völker“ (Deuteronomium 9, 4-5). Das Gericht über die Kanaanäer erging nicht, bevor sie ihre Freveltaten begangen hatten. (Genesis 15, 16) Das ist wichtig zu bemerken: diese Menschen wurden nicht bestraft, weil ihre Vorfahren etwas Böses getan hatten, sondern weil ihr eigenes Verhalten ebenso böse war wie das ihrer Vorfahren. Offenkundig haben sie deren sittlichen Abfall nachgeahmt.
Jordan Peterson sagt: „Wir müssen ein wenig darüber nachdenken, was die Nacktheit in der Geschichte von Adam und Eva bedeutete. Der Gedanke war im Kern: sich selbst nackt zu erkennen bedeutet, sich seiner Verletzlichkeit bewusst zu werden – seiner körperlichen Grenzen in Zeit und Raum und seiner grundlegenden, physiologischen Unzulänglichkeiten, sodass andere sie beurteilen können. Es gibt eine biologische Unzulänglichkeit, die in dich eingebaut ist, denn du bist ein zerbrechliches, sterbliches, verletzliches, halb wahnsinniges Geschöpf, und das ist einfach eine existenzielle Wahrheit. Und dann gibt es natürlich, bloß weil du ein Mensch bist – sogar bei all diesen Mängeln –, Schwächen, die du hast und die einzigartig sind, nur die deinen, und die die Gruppe scharf verurteilen könnte... ganz gewiss wird das Urteil der Gruppe streng sein. Und so bedeutet es, sich seiner Nacktheit bewusst zu werden, sich seiner selbst bewusst zu werden, seine Grenzen zu erkennen und seine Verletzlichkeit zu erkennen. Das ist es, was sich Ham offenbart, als er auf den nackten Vater trifft.
Die Frage ist, was es bedeutet, den eigenen Vater nackt zu sehen. Und erst recht auf eine unangemessene Weise, so wie hier. Ham achtet seinen Vater zu wenig. Die Frage ist, was der Vater genau darstellt. Man könnte sagen: nun, das ist eben der Vater, den du hast: ein Mensch, ein Mann wie andere Menschen auch. Aber er ist zugleich der Vater als solcher, und das heißt: der Geist des Vaters, das, wofür der Vater steht. Wenn du einen Vater hast, hast du beides zugleich: du hast deinen persönlichen Vater, einen Menschen wie andere Menschen — genau wie irgendjemandes Vater —, doch insofern dieser Mann dein Vater ist, bedeutet das, dass er mehr ist als bloß eine weitere Person. Was er ist, ist die Verkörperung des Geistes des Vaters. Diese Tatsache zu übersehen ist sehr unbedacht...“.
Noach sündigt, nicht wahr? Er stellt Wein her und betrinkt sich. Man könnte sagen: gut, wenn er dort für alle sichtbar hingestreckt liegt, kann man Ham kaum vorwerfen, dass er auf ihn trifft. Doch darin verbirgt sich die Gefahr. Die Gefahr besteht darin, dass du deinen Vater vielleicht in seinem verletzlichsten Augenblick antriffst, und wenn du dann keine Achtung hast, verschälst du dich am Geist des Vaters. Und wenn du gegen den Geist des Vaters sündigst und die Achtung vor dem Geist des Vaters verlierst, dann wird dich das wahrscheinlich zum Sklaven machen.
Ich halte das für besonders wichtig für unsere gegenwärtige kulturelle Lage. Ich glaube, sie drängt uns unablässig, die Blöße unseres Vaters zu sehen, sozusagen, wegen der heftigen Kritik, die sich gegen unsere Kultur richtet – die patriarchale Kultur. Wir legen fortwährend ihre Schwächen, ihre Verletzlichkeit und, sagen wir, ihre Blöße offen. An Kritik ist nichts Schlechtes, aber der Zweck der Kritik ist es, den Weizen vom Unkraut zu scheiden: wir können nicht alles bis auf die Grundmauern niederbrennen. Das heißt: gut, wir werden das sorgfältig bedenken; wir werden sorgfältig unterscheiden; wir werden bewahren, was gut ist, und uns von dem entfernen, was schlecht ist.
Kritik heißt nicht, alles zu benennen, was schlecht ist, sondern das Gute vom Schlechten zu scheiden, damit du das Gute bewahren und ihm nachgehen kannst. Darin unachtsam zu sein ist tödlich. In dir wohnt der Geist des Vaters, nicht wahr? In dem Maß, in dem du ein kulturelles Gebilde bist, wohnt in dir der Geist des Vaters. Das nicht zu achten heißt, eben jene Struktur zu untergraben, die einen guten Teil dessen ausmacht, was du bist, sofern du ein sozialisiertes, kulturelles Wesen bist. Wenn du ohne dieses Fundament dastehst, was bleibt dir dann? Allein kommst du kaum zurecht. Das ist schlicht nicht möglich. Auch du bist ein Geschöpf der Kultur.
Ham begeht diesen verzweifelten Fehler und legt achtlos die Verletzlichkeit seines Vaters bloß. Deshalb wird nicht nur er ein Sklave sein, sondern auch alle seine Nachkommen. Er steht im Gegensatz zu den beiden anderen Söhnen, die, so nehme ich an, bereit sind, ihrem Vater Achtung zu erweisen, ungeachtet der Zweifel, die sie hegen. Als sie ihn in einer bloßstellenden Lage sehen, gehen sie achtungsvoll mit ihm um und nützen es nicht aus. Vielleicht macht sie gerade das stark. So scheint es mir. Ich glaube, das ist es, was diese Geschichte bedeutet. Sie hat etwas mit Achtung zu tun.
Noach hatte eben erst die Arche gebaut und mit allem die Sintflut überstanden. Gar nicht so übel; vielleicht war also die Tatsache, dass er eines Tages zu viel Wein trank, kein hinreichender Grund für seine Demütigung. Und dass wir täglich wahrnehmen, dass wir alle in der Arche sind, die uns unsere Vorfahren als Erbe hinterlassen haben: das ist die gewaltige Infrastruktur, in der wir leben und die wir für selbstverständlich halten, weil sie so gut funktioniert. Sie schützt uns vor Dingen, die wir uns nicht einmal vorstellen können – und die wir uns auch nicht vorstellen müssen, weil wir so gut geschützt sind.
Aber das muss von Dankbarkeit begleitet sein, und mir scheint, dass jeder, der an diesem Punkt und an diesem Ort der Geschichte in der westlichen Kultur lebt und dafür nicht zugleich dankbar ist, mindestens halb blind ist. Nie war es besser als jetzt, und es könnte sehr viel schlechter sein – und es ist sehr wahrscheinlich, dass es noch schlechter wird, denn für den größten Teil der Menschheitsgeschichte war eben dieses „schlechter“ die Regel.“
- Mladen Klanac
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