In der Familie liegt das Geheimnis von Tod oder Leben unseres Volkes
„Unsere vornehmste Pflicht ist es zu wachen und zu arbeiten, damit auch in unserem Volk das Familienleben in seiner ganzen Reinheit, Unbescholtenheit und Kraft erhalten und bewahrt werde.“
Josip Juraj Strossmayer
Nach Strossmayer sind die Familie und das Familienheim ein Ort der Wärme und der Liebe und als solcher unersetzlich für die Gesellschaft und die Kirche. Gott schenkt in seiner Weisheit einzelnen Völkern besondere Familien, aus denen dann die Großen der Geschichte hervorgehen, und all dies zur Erfüllung der Pläne Gottes. Den Ausdruck »häusliches Haus« deutet Strossmayer als jenen Ort, den die katholische Kirche seit jeher in eine »Hauskirche« zu verwandeln suchte: «Die Gläubigen werden zum Wohl des Volkes beitragen, wenn sie ihre heilige Pflicht erfüllen und ihre Häuser in lebendige Abbilder des Hauses von Nazaret verwandeln und wenn »Eltern und Ältere auf gewisse Weise für ihre Jüngeren häusliche Priester sind«.» Solche Familien haben die Aufgabe, in ihrem Haus den Glauben, das Gebet und die Frömmigkeit zu bewahren und zu pflegen: „Jene, meine Herren, die uns gezeugt und großgezogen haben, die uns den Leib und das leibliche Leben gegeben und uns ernährt haben, sind darum unserer immerwährenden Anerkennung und immerwährenden Dankbarkeit wert; jene aber, die uns die Mittel zu höherer geistiger Bildung reichen, geben uns ein höheres Leben, das um so viel mehr wert ist als das erste, wie der Himmel mehr wert ist als die Erde, der Geist mehr als der Leib, die Güter der Seele mehr als der Schatz des Leibes. Das sind jene geistigen Eltern, denen wir niemals genug Anerkennung, niemals genug Dankbarkeit erweisen können.“
Bischof Josip Juraj Strossmayer hat während seines bischöflichen Dienstes häufig über Ehe und Familie geschrieben. Durch sein scharfes Auftreten gegen alle, die Ehe und Familie gefährden, durch seinen klaren Aufruf an die Priester, dagegen anzukämpfen, sowie durch die beharrliche Ermutigung der Gläubigen zur Treue gegenüber den christlichen Haltungen in Bezug auf Ehe und Familie zeigte er seine Hirtensorge für die ihm anvertraute Herde. Er ist sich der Tatsache bewusst, dass der Fortbestand eines Volkes vom Fortbestand der Familie und ihrer inneren, auf dem Sakrament der Ehe gegründeten Ordnung abhängt. Deshalb ermahnte er in seinen Fastenhirtenbriefen die Priester zu unablässigem Einsatz in der Unterweisung der Gläubigen über die Bedeutung und die Erhabenheit der christlichen Ehe.
Der Ursprung der christlichen Ehe ist die Heiligkeit, die Einheit hervorbringt, und beides verbindet dauerhaft die Unauflöslichkeit. Nach Strossmayers Auffassung liegt die Heiligkeit zweifellos in der Natur der Ehe selbst, und die Beweise dafür findet er in der Heiligen Schrift, die sowohl im Alten wie im Neuen Testament von der Heiligkeit der Ehe spricht, die Gott selbst ihr verleiht. Die Familie ist gewissermaßen eine Hauskirche, und Jesus ist im Werk der Erlösung des Menschengeschlechts unter die Menschen gekommen und hat in einer konkreten Familie gelebt und damit jede Familie geheiligt; durch seine Liebe zur Kirche hat er das Fundament der Sakramentalität der Ehe und das Vorbild der ehelichen Beziehungen gelegt. Den Priestern trug er auf: »Deshalb müssen wir dem Volk die Liebe und die Zuneigung zum heiligen Geheimnis der Ehe geradezu in die Seele einpflanzen, so sehr, dass keine Gesetze und keine Verführungen es davon abzubringen vermögen.« Die Heiligkeit der christlichen Ehe ist nach dem Bischof unlösbar mit der Reinheit und der Unauflöslichkeit verbunden, und genau das stört viele, die so etwas als überholt darzustellen suchen und zugleich die Scheidung der kirchlichen Ehe und das Eingehen einer neuen, zivilen Ehe propagieren.
Bei der Auslegung der Einheit der Ehe beruft sich Bischof Strossmayer auf die Heilige Schrift (Mt 19), wo Jesus den Juden klar sagt, dass die Einheit einer der wesentlichen Bestandteile der Ehe ist und dass durch nichts in diesen Teil des Ehebandes eingegriffen werden kann und darf. Er führt an, wie der Versuch endet, eine solche Haltung zu ändern, und erwähnt Heinrich VIII., der durch seine Sünde der mehrfachen Eheschließungen den Anlass zur Abspaltung der Kirche in England von Rom gab. Strossmayer mahnt die Kroaten, solche sündhaften Beispiele nicht in der weiten Welt zu suchen, sondern nur auf die Gegenden jenseits der Una und der Save zu blicken und sich von den Sünden der Vielweiberei zu überzeugen. »Verzeiht, Brüder und Freunde, dass ich ein und dieselbe Sache so oft wiederhole. Ich wiederhole sie, weil sie von unermesslicher Bedeutung für das Glück und den Fortschritt unseres Volkes ist.«
Die dritte wesentliche Komponente der christlichen Ehe ist die Unauflöslichkeit, die Bischof Strossmayer als natürliche Folge der Heiligkeit und der Einheit der Ehe deutet. Strossmayer erinnert daran, dass der Ehekonsens bis zum Tod gegeben wird und dass sich die Eheleute dessen stets bewusst sein sollen. Ebenso kennt und anerkennt der Bischof einzelne ungeordnete und schwere Situationen, in denen der unschuldige Teil leidet und sein Lebensziel nicht verwirklichen kann. Er betont, dass der Ehebruch als Grund für eine vollständige Auflösung des Ehebandes, selbst zugunsten des unschuldigen Teils, nicht anerkannt werden kann, da dies von gewissenlosen Menschen missbraucht werden könnte, die davon Gebrauch machen würden, sooft sie die Ehe auflösen wollten. Strossmayer nennt ein häufiges Problem, das in den Städten auftritt: Es geht um Menschen, denen das Eheband lästig geworden ist, die deshalb in andere Nachbarländer gehen, zu einem neuen Glauben übertreten und eine neue Ehe schließen. »In keinem Fall darf das christliche Volk in Unkenntnis darüber bleiben, dass solche Ehen vor Gott und der Kirche immer eine wahre Gotteslästerung bleiben, zum unaussprechlichen Schaden der Familie und des Staates.« Ausdrücklich spricht er über die Problematik der Unauflöslichkeit der Ehe, also über den Zustand derer, die mit einer anderen Frau oder einem anderen Mann leben, obwohl der erste Ehegatte noch lebt. Über eine solche Entwicklung in seiner Diözese ist Strossmayer zutiefst erschüttert, und diese seine Wahrnehmung drückt er so aus: »Ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas mit so großer Trauer und Betrübnis der Seele geschrieben zu haben, wie ich es nun hier schreibe. Mir ist, als schriebe ich nicht mit gewöhnlicher Tinte, sondern mit bitteren Tränen und mit meinem eigenen Blut.«
In seiner Auslegung geht der Bischof davon aus, dass die Familie die erste, die natürliche und die heiligste Gemeinschaft ist. Sie ist das wahre und lebendige Abbild der Gesellschaft und des Staates. Das bedeutet zugleich, dass Gesellschaft und Staat so weit gedeihen werden, wie die Familien gedeihen. Die Familie kann und soll mit vollem Recht als Hauskirche und als Hausschule betrachtet werden, und über jenen oder jene, die dies zu gefährden versuchten, sagt Strossmayer: »Darum müsste geradezu verflucht sein, wer die heilige Ordnung der Familie antastet, ihre Heiligkeit und Reinheit, ihre Einheit und ihre Treue, ihre Unzertrennlichkeit und ihre Ewigkeit.« Diese Worte zeigen seine Entschlossenheit, der Familie die gebührende Achtung zu erweisen, und bereiten zugleich die Zuhörer auf die weitere Rede vor, in der er die Rolle und den Platz der Kinder und der Frauen in den Familien erläutert.
Die Rede über die Kinder beginnt Strossmayer mit einem Vergleich, wonach die Kinder das lebendige Ebenbild der Eltern sind. Nach dem Tod sind die Eltern auf gewisse Weise in den Kindern gegenwärtig. Die Kinder tragen nicht nur den Namen und das Vermögen der Eltern, sondern auch deren Ehrbarkeit. Deshalb sind die Eltern verpflichtet, ihre Kinder recht zu erziehen, damit die Zukunft der Gesellschaft und des Staates glücklich und gesegnet sei. Strossmayer erinnert an das Entsetzen über die Tötung christlicher Kinder und Frauen in den römischen Kolosseen oder an die Vernachlässigung der Kinder in China und an die dem Hunger und dem Tod preisgegebenen Kinder, und er sagt auch, dass man die ungeheure Menge jener Kinder vergisst, die in den entwickelten Industrieländern, und zwar christlichen, schwere Arbeiten in den Fabriken verrichten, vielen Ungerechtigkeiten und Krankheiten ausgesetzt sind und deshalb sehr jung sterben. Nicht viel besser ist die Lage der Frauen, die vernachlässigt und von der Familie getrennt werden, während sie in denselben Fabriken mit der Männerwelt schwer arbeiten und sich allmählich einem unnatürlichen Leben hingeben. Eine solche Ausbeutung von Kindern und Frauen nennt Strossmayer eine Todsünde gegen Gott und gegen die Menschheit. Die Priester haben die Pflicht, aus ganzem Herzen zu Gott zu beten, dass er die Herzen dieser verhärteten Seelen erweiche und durch seinen Geist die christlichen Staatsmänner bewege, die Peinigung von Kindern und Frauen zu verhindern.
Die christliche Ehe ist von besonderer Bedeutung, da sich die Kirche durch sie im Lauf der Geschichte nicht nur erneuert, sondern auch ausbreitet. Gemäß der christlichen Ehe werden die Eheleute und die Kinder, die in einer solchen Ehe geboren werden, Teilhaber jener höchsten Ehre und Würde, mit der Gott die christliche Ehe besiegelt hat. Strossmayer legt dar, wie Jesus in Wahrheit eine wesentliche Wende in der Sicht auf die Ehe bringt. Der Mann hat ein maßgebliches und bleibendes Vorbild in Jesus erhalten, der um seiner Braut, der Kirche, willen am Kreuz hing. Durch das Geheimnis der Ehe hat die Frau in der Familie, die bis dahin rechtlos war, noch mehr gewonnen. Nach der damaligen Überzeugung musste nur die Frau in der Ehe treu sein, während den Männern die Untreue erlaubt war. Jesus aber hat dies in neue Beziehungen gewendet, in Grundsätze der Gerechtigkeit zwischen Mann und Frau, indem er sagte, dass dem Mann und der Frau dasselbe erlaubt und dasselbe verboten sei. Auf der Grundlage dieser Tatsachen will Strossmayer zeigen, welche Würde die Frauen im Christentum erlangt haben, eine Würde, die sich früher niemand auch nur vorstellen, geschweige denn den Frauen zuerkennen konnte. Aus diesen Gründen wendet er sich eigens an die Frauen des kroatischen Volkes mit dem Aufruf: »Ich wünschte sehr, dass auch bei uns und in unserem Volk das zarte Geschlecht sich dies zu Herzen nimmt und wohl bedenkt, dass alle zügellosen Angriffe auf den geheimnisvollen Charakter der christlichen Ehe im Wesentlichen nichts anderes sind als Angriffe auf jene Ehre und jenes Recht, das das Christentum der Frau für alle Zeiten errungen und verbürgt hat. «
Strossmayer betont, dass mit der Erneuerung der Familie auch die Erneuerung der Gesellschaft und des Staates eingetreten ist und dass deshalb der geheimnisvolle Charakter der christlichen Ehe Abbild und Quelle aller Güter ist, die man in der Gesellschaft und im christlichen Staat genießt; und er fragt, ob eine Ehe zwischen einer getauften und einer ungetauften Person diesem erhabenen Zweck entsprechen könne. Unter Berufung auf den hl. Paulus behauptet er, dies sei nicht möglich, da gerade nach Paulus die christliche Ehe ein lebendiges Abbild der Gemeinschaft zwischen Jesus Christus auf der einen und der Kirche und dem Menschengeschlecht auf der anderen Seite sein muss. Strossmayer äußert sein Erstaunen über das Auftreten einiger Einzelner, die sich nicht vorhandener Beweise bedienen, wonach der Staat der Kirche das Recht auf die christliche Ehe geliehen habe und der Staat dieses Recht deshalb wieder entziehen könne. Solche Behauptungen weist er auf das Entschiedenste zurück und erinnert daran, dass Jesus die von Gott begründete Heiligkeit und Reinheit des Ehebandes bestätigt und der Kirche als Erbe hinterlassen hat, damit sie es bewahre und zum Wohl des Menschengeschlechts ausübe und verwalte. Deshalb darf sich die weltliche Macht weder mittelbar noch unmittelbar darin einmischen. Am Ende merkt er an, dass die Ehe ein heiliges Band ist, durch das sich zwei menschliche Wesen für immer zu einem Wesen vereinen, aus den heiligsten, ernsthaftesten und reinsten Absichten. Jeder dieser Ausdrücke setzt Treue, Reinheit, Heiligkeit und Ernst voraus oder, noch kürzer, Gott und den Glauben.
Die eheliche Einheit drückt Strossmayer mit der Formel aus, dass in der Ehe die Heiligkeit die Einheit hervorbringt und dass Heiligkeit und Einheit auf natürliche Weise die Unauflöslichkeit hervorbringen. Die innere Einheit findet sich in der Seele und im Herzen des Gläubigen. Diese Einheit bezieht sich auf die Wahrheit, dass es einen Gott gibt, einen Jesus, eine Kirche, eine Taufe, eine Wahrheit. Mit Blick auf die Eheleute selbst betont er, dass sich zwei Menschen nur mit der heiligen und ernsten Absicht zu einem verbinden können und dürfen, einander zu heiligen und zu vervollkommnen, und diese gegenseitige Heiligung ist ohne lebendigen Glauben und ohne das Gesetz Gottes nicht zu erreichen. Nach Strossmayer ist der Glaube im Leben so wichtig, dass es keinesfalls zugelassen werden darf, ihn beim Eintritt in die Ehe wegen eines ungläubigen Ehegatten zu unterdrücken oder zu vergessen. »Der Unglaube kann auf dieser Welt nichts anderes hervorbringen als wiederum Unglauben, die Unbeständigkeit nichts anderes als Zerfall; die Begierde und die Unzucht nichts anderes als Fäulnis und Verderben; die Verachtung Gottes und des göttlichen Gesetzes die Verachtung jeder Obrigkeit und jedes menschlichen Gesetzes.«
Die Familie soll ein Ort des Gebetes sein, des Lesens der Bibel, ein Ort von Eltern, die den Kindern durch ihr Beispiel zeigen, wie man leben soll, besonders von christlichen Müttern, die ihre Kinder unablässig Gott darbringen und ihnen die Dankbarkeit gegen Gott einpflanzen sollen. Strossmayer ist der Ansicht, dass Kinder und Jugendliche mit Zucht erzogen werden sollen, aber nicht mit sklavischer Zucht, sondern mit jener, die aus der Liebe hervorgeht. Mit einer Zucht, die aus dem Elternhaus ins Leben und in die Welt hinausgetragen wird und die keine Schwäche zulässt, welche den Menschen von der Wahrheit, von der Gerechtigkeit und von Gott abbringen würde. Eine solche Zucht ist in Familien nicht möglich, in denen Getaufte und Ungetaufte zusammenleben, denn in diesen Familien wird jedes Gesetz Gottes und der Glaube abgelehnt. Die Ehe ist älter als jede staatliche Gewalt und Frucht des göttlichen, nicht des menschlichen Willens. Die Staatsgewalt hat das volle Recht, die bürgerlichen Verhältnisse gegenüber der Ehe ihrem Zweck und ihrer Absicht anzupassen, aber sie hat kein Recht, das Wesen der Ehe selbst anzutasten. Nach dem Evangelium sind alle vor Gott gleich und um denselben Preis des Blutes Christi erlöst. Der einzige Vorrang, den Jesus anerkennt, ist die Demut und der Dienst an den anderen, nicht aber das Aufzwingen eines bestimmten Glaubens und eines Ehegesetzes, das dem Glauben widerspricht.
Die Größe des Bischofs Strossmayer zeigt sich auch darin, dass er viel früher als seine Zeitgenossen die möglichen Folgen der Entwicklungen rund um Ehe und Familie erkannt hat. Er hat sie nicht nur erkannt, sondern auch entschlossen zum Schutz der Würde der christlichen Ehe und der christlichen Familie gehandelt. Eine so entschiedene und klare Haltung findet sich nach Strossmayer erst wieder beim Zweiten Vatikanischen Konzil, das wie Strossmayer alle in Kirche und Gesellschaft aufgerufen hat, sich um die Förderung der Würde von Ehe und Familie zu kümmern.
- Mladen Klanac
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