Ihr Kind ist ein Genie
Schon mehrmals kreiste in den sozialen Netzwerken ein kurzer, sehr bewegender und ermutigender Film über einen Jungen, dem man in der Schule bescheinigte, er sei nicht beschulbar, und über eine Mutter, die ihm beisteht... bald erfahren wir, dass es sich um einen der bedeutendsten Wissenschaftler der neueren Geschichte handelt, Thomas Alva Edison. Und wir fragen uns: Was ist da eigentlich geschehen...
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Thomas Alva Edison wurde am 11. Februar 1847 im Städtchen Milan (Ohio) geboren. Sein Vater war Kanadier, doch nachdem er sich an einem Aufstand gegen den britischen Gouverneur von Ontario beteiligt hatte, floh er in die USA, wo er ein einträgliches Geschäft aufbaute. Aus Kanada zog er mit seiner Frau, einer ehemaligen Lehrerin, und vier Kindern herüber. In den USA werden ihnen noch drei Kinder geboren. Dem jüngsten von ihnen gaben sie den Namen Thomas.
Als Thomas sieben Jahre alt geworden war, zog seine Familie aus Ohio nach Port Huron (Michigan), wo der Junge in die Schule kam. Schon bald nannte ihn der Lehrer „addled“, was so viel bedeutet wie ein verwirrter Schüler oder ein Schüler mit wirrem Kopf. Der Lehrer belegte ihn oft mit diesem Namen, ja er stellte ihn als solchen sogar dem Schulrat vor, mit der Bemerkung, seiner Ansicht nach solle man den Jungen nicht in der Schule behalten. Thomas war von dem, was er über sich hörte, sehr verletzt, und zu Hause erzählte er unter Tränen alles seiner Mutter. Die Mutter stellte sich sofort hinter ihn und sagte ihm, offenbar habe er als Junge „mehr Verstand als sein Lehrer“.
Tatsache ist, dass der kleine Thomas Alva Edison nicht still im Klassenzimmer sitzen wollte (oder eher: konnte) wie die meisten seiner Altersgenossen. Lieber kritzelte er etwas, als Aufgaben abzuschreiben. Er hatte immer mehr Fragen, als der Lehrer Zeit und Lust hatte zu beantworten. Noch schwerer machte die Lage die Kränklichkeit des kleinen Al (so nannte man ihn zu Hause), zumal er auch schon das Gehör verlor, was ihm die Konzentration im Unterricht zusätzlich erschwerte. Manche vermuteten jene heute häufigen Störungen aus dem Spektrum von ADHS, Legasthenie, Dysgraphie oder etwas Ähnlichem, was jungen Menschen die Konzentration und die Fähigkeit erschwert, nach den üblichen Gepflogenheiten zuzuhören, zu lesen und Schulaufgaben zu erledigen. Bekannt ist gleichwohl, dass Thomas später, durch seine Jugend und sein ganzes Leben hindurch, sehr viel las und Freude an Literatur und Forschung hatte.
Seine Mutter Nancy kannte ihr Kind sehr gut und war enttäuscht und zornig, nachdem man ihn für unfähig zu weiterer Schulbildung erklärt hatte. Sie entschied sich zu einem für Mütter typischen Opfer: Sie meldete ihn von der Schule ab und beschloss, ihn selbst zu Hause zu unterrichten. Dank der Liebe und der Mühe seiner Mutter ist überliefert, dass der kleine Thomas schon im zwölften Lebensjahr über eine breite Allgemeinbildung verfügte. Edison bezeugte später in seinem Leben: „Meine Mutter hat mich gemacht.“ Sie war hingebungsvoll und aufrichtig, sie glaubte an sich und an ihn und wirkte so ein Wunder dort, wo die staatliche Bildung aufgegeben hatte. Und während die Mutter ihn die Fertigkeiten des Lesens und Lernens lehrte, kann man sagen, dass der Vater ihm die Richtung wies, was er lesen und lernen solle... Er machte ihn mit den leidenschaftlichen Streitschriften von Thomas Paine bekannt, mit der Geschichte des Römischen Reiches, mit philosophischen Abhandlungen... die Thomas' Blick auf die Welt prägten.
Besonders aufschlussreich ist eine sehr aufrichtige Einschätzung, die Thomas über sich selbst und sein reiches schöpferisches Leben abgab: „ Alles auf Erden hängt vom Willen ab. Ich habe in meinem Leben nie eine Idee gehabt, ich phantasiere nie. Ich träume nie. Meine sogenannten Erfindungen gab es bereits in der Natur um uns her – ich habe sie nur ans Licht geholt. Ich habe nichts erschaffen. Niemand hat das. Es gibt keine Idee, die im Gehirn entstünde – alles kommt uns von außen... Das Genie streift Tag und Nacht um sein Laboratorium. Entdeckt es etwas, so ergreift es das... entdeckt es hingegen nichts, so wird dieselbe Sache ein andermal ein anderer entdecken!“ Später wurde noch eine seiner vielen aus dem Leben geschöpften Weisheiten festgehalten: „Genie ist ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Schweiß“, verbunden mit der Feststellung, die große Schwäche des Menschen sei – das Aufgeben.
Die breite Bildung, die er im Lernen mit der Mutter zu Hause erwarb, ergänzte Thomas durch Kindheit und Jugend hindurch vor allem durch tüchtige Arbeit. Er arbeitete zum Beispiel sehr hart auf den Feldern mit Mais, Radieschen, Zwiebeln und Roten Rüben. Mit dem alten Wagen und dem Pferd seines Vaters brachte er das Gemüse in die anderthalb Meilen entfernte Stadt und verkaufte es von Haus zu Haus, von Tür zu Tür gehend. Später befasste er sich mit dem Anbau und dem Verkauf von Obst – Äpfeln, Birnen, Feigen. Im Geschäft wurde er erfolgreich. Er verdiente für seine Familie, sein ganzes „Taschengeld“ aber steckte er in die Ausstattung des eigenen Laboratoriums. Um noch mehr zu verdienen, wurde er schon mit zehn Jahren Verkäufer von Süßigkeiten und Zeitungen im Zug auf der Strecke zwischen Port Huron und Detroit. Damals gelang es ihm, sein erstes Laboratorium im Keller des Elternhauses einzurichten, und er begann, seine ersten wissenschaftlichen Versuche durchzuführen. Mit dem Geld aus dem Verkauf der Süßigkeiten, an dem er auch seine Freunde beteiligte, konnte er sich die Chemikalien leisten, die er für weitere Versuche brauchte. Gleichzeitig las er sehr viel. Er begann zu schreiben, Artikel zu veröffentlichen und eine eigene Zeitung zu drucken. Später baute er das Geschäft so weit aus, dass er auch zwei kleine Läden in Port Huron eröffnete. Inzwischen verlegte er sogar einen Teil seiner Chemikalien mit Erlaubnis des Eisenbahnchefs aus dem elterlichen Keller in den Gepäckwagen des Zuges, in dem er Süßigkeiten und Zeitungen verkaufte, und arbeitete und forschte so zugleich.
Im August 1862 ereignete sich ein Unglück, das Edisons Werdegang eine neue Richtung gab. Während einer Zugfahrt bemerkte er ein zweijähriges Kind, das auf den Gleisen spielte, auf denen sich ihm mit beträchtlicher Geschwindigkeit eine Lokomotive aus der Gegenrichtung näherte. Unter äußerster Anstrengung und im letzten Augenblick rettete der junge Edison den Jungen vor dem sicheren Tod, doch erfasste sie der vordere Teil des Rades noch und schleuderte sie fort. Beide trugen Verletzungen im Gesicht und an den Händen davon, glücklicherweise ohne schwerere Folgen. Der kleine Junge war der Sohn des Bahnhofsvorstehers, der Thomas aus Dankbarkeit schon am nächsten Tag anbot, ihn das Morsealphabet zu lehren, damit er Telegrafist werden könne. Edison willigte ein, und nach einigen Monaten hatte er sich neben all den anderen Arbeiten, die er weiterhin verrichtete, zum Telegrafisten ausgebildet; als Eisenbahntelegrafist wird er die nächsten sechs Jahre arbeiten und dabei durch den Mittleren Westen bis nach New Orleans im Süden reisen.
Im Oktober 1868, als er 21 Jahre alt war, meldete er sein erstes Patent an – einen Stimmenzähler. Das war ein Gerät, das es ermöglichte, Abstimmungen in Parlamenten rasch und genau festzuhalten und automatisch auszuzählen.
Schließlich ist bekannt, dass seine zahlreichen Erfindungen (von der Glühbirne über die Filmkamera bis zum Megafon...) die Entwicklung verschiedener Bereiche der Elektrotechnik wesentlich beeinflusst haben, und in seinem Laboratorium arbeitete eine Zeit lang auch der große Nikola Tesla.
Unsere Zeit ist eine Zeit gestörter Konzentration, eine Zeit großer Herausforderungen auf dem Feld von Erziehung und Bildung, eine Zeit einer Schule, die mit der Technik und mit der Zeit nicht Schritt hält, und der Geister, die stehen bleiben, weil sie meinen, die Antworten auf alle Fragen mit einem Klick zu haben; so werden uns ein ernsthafterer Zugang zu den Problemen und forschende Fragen zur Seltenheit. Unsere geistige Mühe wird immer seltener durch das Gefühl „gefiltert“, und alles bleibt im Kurzzeitgedächtnis, an der Oberfläche. Die Schule ist vor allem ein Ort der Wiedergabe von Wissen und nicht des Erwerbs von Fertigkeiten und Wissen. Zugleich wächst die Zahl der Schüler mit Konzentrationsstörungen und mit allerlei wuchernden Diagnosen aus den heutigen Spektren mit Lern-, Gedächtnis- und Verhaltensstörungen. Auf dem Arbeitsmarkt fehlen Sonderpädagogen, Logopäden, Rehabilitationsfachleute, Psychologen und Psychiater. Sie werden bei uns nach und nach zu den zentralen Gestalten der Bildungsprozesse. Die Lehrenden stehen vor großen Herausforderungen. Vielleicht kann uns diese inspirierende Geschichte über Thomas Alva Edison helfen, endlich zu begreifen, dass wir allzu oft in die falsche Richtung gehen. Die heutige Schule ohne einen persönlich zugeschnittenen Zugang zu jedem einzelnen Schüler ist nur die Wahrung der äußeren Form von Bildung. Gott hat jeden Menschen als vorzügliches Original erschaffen. Mit diesen Problemen der Gegenwart wird das nur immer offenkundiger. Jeder Mensch, jeder Schüler ist der größtmöglichen Aufmerksamkeit und eines persönlichen Zugangs wert, im Sinne der Bildung wie der Erziehung. Das verlangt eine tiefgreifende Änderung im Verhältnis aller zur Bildung – der Lehrer, der Schüler und der Eltern. Vor allem aber der Gesellschaft und der Verantwortlichen in den gesellschaftlichen Einrichtungen und Institutionen. Wie auf allen Feldern des Lebens, so darf man auch auf diesem grundlegenden, wo wir, wie Edison sagte, „Menschen machen“, auf niemanden und auf nichts mehr warten. Man muss bei sich selbst beginnen und die vorgegebenen, uniformen, gesichtslosen und überholten Regelwerke über dies und das ändern (ja, auch über die Benotung, und die Lehrpläne und Programme, und die Curricula und die Tafelbilder...) Ein Mensch lehrt einen Menschen und gibt seine Erfahrung dabei stets in einer neuen Lage und auf ursprüngliche Weise weiter. Am erfolgreichsten sind jene Pädagogen, die ihre Arbeit auch bisher auf diese Weise getan haben. Die ihre Berufung gelebt haben. Darin liegt die Botschaft, die uns Thomas und Nancy auf großartige Weise auch im 21. Jahrhundert über die sozialen Netzwerke senden. Sie ist noch aktueller in der Zeit des Fernunterrichts, in der wir alle ein wenig Nancy sein können. Und gibt es überhaupt eine wichtigere und schönere Sendung im Leben eines Elternteils und eines Pädagogen, ja eines jeden Menschen, als Erfahrung, Wissen und Glauben an die Kinder weiterzugeben... Am meisten hindert uns die Selbstsucht daran, darum will ich auch mit einem weiteren ermutigenden Zitat Edisons schließen: „Es gibt einen Weg, es zu tun – finde ihn!“
- Mladen Klanac
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